Mittwoch, 17. November 2010

KÜNSTLERBASHING TEIL 3


Heute lasse ich mal jemand anders für mich "Künstler-Bashing" betreiben: den Hamburger Künstler Michael Chevalier. In einem Interview mit der TAZ vom 22.10.2010 äußert sich Chevalier kritisch zur politischen Äußerungen diverser Kulturschaffenden wie etwa Isabelle Graw, Daniel Richter oder Dietrich Dietrichsen. "Karl-Marx-Namedropping" sei das, und kaum geeignet, den Kunstbetrieb wirklich kritisch zu hinterfragen; kritische künstlerische Arbeiten würden ohnehin in der Regel vom Kunstbetrieb vereinnahmt. Die einzige Möglichkeit sieht Chevalier darin, sich finanziell unabhängig vom Kunstmarkt zu machen; er selber verdient sein Geld nach eigenen Angaben nicht mit "der Kunst".
Zunächst finde ich das einen nachvollziehbaren Ansatz. Ein "Brotjob" kann eine angenehme Basis bieten; ein wenig Grundsicherheit ist eine feine Sache und höchst entspannend.

Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Bedingungen für diesen Job stimmen. Anständig bezahlt müsste er schon sein; das Geld soll ja reichen. Ob das z.B. die Löhne in dem bekannten Künstlerdorf im Nordosten der Republik gewährleisten, kann bezweifelt werden

... Ja, und nicht allzuviel Zeit sollte er einnehmen, der Job, auf keinen Fall mehr als die Hälfte der Gesamtarbeitszeit. Sonst würde keine Zeit mehr bleiben für die künstlerische Arbeit (Nein! Das geht nicht Nachts! Jedenfalls nicht sehr lange. Und das geht auch nicht so 2 Stündchen nach Feierabend, allen Künstlermythen zum Trotz. Allen, die nun meinen: "wenn man will, geht alles", sei die Mitgliedschaft in dieser Partei mit den Farben Gelb und Blau angeraten).

... Nicht zuletzt: allzu enervierend und anstrengend sollte sie auch nicht sein, diese Geld-Erwerbs-Tätigkeit. Denn man braucht ja nicht nur Zeit (als in Minuten und Stunden abzählbare Menge); man benötigt "Muße". Und Energie. Und die stellt sich nicht so schwupp-di-wupp ein.

Würden also alle diese Bedingungen stimmen, wäre das momentan eine gute Lösung. Fragt sich bloß, wieviele Menschen nach einem herkömmlichen Kunststudium an einen solchen Job kommen (Herr Chevalier verrät uns den seinigen Job im TAZ-Interview leider nicht).

Und möchte man das ganze Konzept als der Weisheit letzter Schluss betrachten, wird's wieder problematisch: es läuft doch letztlich darauf hinaus, dass künstlerische Arbeit "nichts wert" ist, zumindest nicht nach den Gesetzen des Marktes. Und man zeige mir diejenigen, die sich von diesem Wertesystem völlig freimachen können, ohne den leisesten Funken von Frustration zu verspüren ... Außerdem ist es ungerecht. Was den "Markt" allerdings nicht die Bohne interessiert. Aber mich.

Und noch ein Problem: Ist man tatsächlich unabhängig vom Kunstmarkt, wenn man sein Geld nicht mit Kunst verdient? Möglicherweise. Aber gilt das ebenso für den meines Erachtens weiter gefassten Begriff des "Kunstbetriebs"? Künstler*innen, die in renommierten Instituten gezeigt werden, können ja nicht automatisch davon leben, sind also finanziell auch nicht davon abhängig. Die Frage ist also: wenn ich mich gänzlich vom Kunstbetrieb abwende und dementsprechend dort nicht präsent bin, wie bekomme ich dann Öffentlichkeit? WO zeige ich meine künstlerischen Arbeiten, welche Form diese auch immer haben mögen? WIE kann ich teilhaben? WIE werde ich gehört und ernstgenommen? WIE komme ich raus aus meinem Wohnzimmer/Atelier? Reicht FACEBOOK?
Welche Möglichkeiten gibt es, an die wir noch nicht gedacht haben?

Dienstag, 9. November 2010

KRISTINA SCHRÖDER. VON GESTERN.

Am Montag, den 9.11.2010, gab Bundesfamilienministerin Kristina Schröder den SPIEGEL-Journalisten René Pfister und Markus Feldkirchen ein Interview. In diesem rechnet sie einmal mehr kenntnisreich mit dem FEMINISMUS ab. Zu dumm nur, dass das, was Frau Schröder sich unter Feminismus vorstellt, in etwa dem Diskurs einiger radikaler Gruppierungen um 1975 entspricht: "Es gab in der Tat eine radikale Strömung, die in diese Richtung argumentiert hat und die Lösung darin sah, lesbisch zu sein." ... ja, gabs. Aber was hat das mit dem Hier und Heute zu tun? Was hat Frau Schröder zu gegenwärtigen feministischen Strömungen zu sagen? Nichts, denn sie kennt diese nicht.

Was Frau Schröder ebenso unbekannt ist, ist offenbar die Fähigkeit, Phänomene zu hinterfragen. Das muss sie auch nicht: "Für mich bedeutet Konservatismus, die Realität zu akzeptieren." Aha. Genau. Gibt ja auch nur EINE Realität. Da muss man sich nicht fragen: WESHALB eigentlich ein Germanistik-Studium weniger Chancen auf lukrative Bezahlung verspricht, als etwas Elektro-Technik? WESHALB Frauen sich in der Tat oft nicht trauen, ein höheres Gehalt zu fordern? OB das wirklich war ist, dass Jungs sich für Fußball, und Mädchen sich für "Schmetterlinge und Ponys" interessieren? WESHALB sowenig Männer im Pädagogik-Bereich tätig sind. IST HALT SO (vermutlich von Natur aus). Und der Markt wirds sowieso schon richten. JA. Die Welt kann so einfach sein.

Bleibt nur ein letzter Widerspruch: Am Ende des Interviews räumt Schröder ein, dass ihre Karriere in der Zeit vor dem Femismus nicht möglich gewesen wäre. ... und dann sagt sie so Sachen wie: „Wenn zwei Frauen dabei aneinandergeraten, heißt es immer Stutenbissigkeit. Wenn es zwei Männer sind, spricht niemand von Hengstbissigkeit. Die schärfen dann ihr Profil." ... und auf besonders blöde, oder soll ich sagen, übergriffige Fragen der SPIEGEL-Reporter* mag Kristina Schröder gar nicht antworten:


SPIEGEL: In Ihrer Abi-Zeitung stand auch, Sie hätten gern Familie und Kinder. Jetzt sind Sie 33, sind Ministerin, aber haben keine Kinder. War es das wert?

Kristina Schröder: Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich darauf antworte.

SPIEGEL: Sie sind doch Familienministerin.
Kristina Schröder: Fragen Sie auch den Gesundheitsminister, wann er bei seiner Vorsorgeuntersuchung war?

SPIEGEL: Damit hätten wir kein Problem.

Kristina Schröder: Das glaube ich sofort.

... nun, ja. Vielleicht hat Frau Schröder auch lichte Momente. Oder vielleicht kommen noch die ein oder anderen Momente, wo sie merkt, dass Feminismus eigentlich eine vernünftige Sache ist, von der alle was haben.

... UND HIER NOCH EIN PAAR BESONDERS INTELLIGENTE FRAGEN von Seiten der Reporterschaft des SPIEGELS (tja, für eine Reflektion gesellschaftlicher Fragen fehlts dann doch irgendwo.):
* Haben Sie schon als Schülerin Miniröcke und Pumps getragen?
* Wie finden Sie Alice Schwarzer?
* Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war ja, ein Referat für die Opfer des Feminismus einzurichten.
* Ist es nicht selbstverständlich, dass Familienministerinnen auch über ihr Familienleben Auskunft geben?
* Wer kocht bei Ihnen zu Hause?
* Also, wer kocht nun? Von Ihnen weiß man ja immerhin, dass Sie leidenschaftlich backen.
* Gibt es eigentlich Stutenbissigkeit in der Politik?
* Also ist diese Bissigkeit unter Frauen nicht stärker ausgeprägt?

... ACH JA. Was mich an der ganzen Angelegenheit am meisten nervt, ist die Inszenierung des öffentlichen sogenannten "Zickenkrieges" zwischen Schröder und Alice Schwarzer, wie er heute Morgen (9.11.2010) auf der BILD-Zeitung kolportiert wurde. Da lachen sie wieder, die Stammtische und die Maskulinisten in den SPIEGEL- und ZEIT-online-Foren ...

ZUM WEITERLESEN:

Hier antwortet ALICE SCHWARZER
(die einzige Feministin der Welt. Glaubt jedenfalls der SPIEGEL)

... und hier diskutiert die MÄDCHENMANNSCHAFT über das Ganze (huch, es gibt NOCH MEHR feministInnen?)

... und auf Nadine Lantzschs MEDIENELITE gibts sogar einen ANTI-FEMINISMUS-SONG. Für Kristina Schröder zum mitsingen.

Samstag, 6. November 2010

In Offenbach werden am Main bald Bäume gefällt. vielleicht alle.



Am Main-Damm in Offenbach werden mittelfristig wahrscheinlich viele oder alle Bäume gefällt. Das haben viele noch nicht mitbekommen. Einige aber schon, und sie haben auch schon was vor.


Lesen Sie mehr in der Offenbach-Post vom 8. September 2010

Montag, 25. Oktober 2010

TOSKANA. WILD.





... heute ein Bilderbogen über eine bis dato noch relativ unbekannte italienische Region: das Casentino im östlichen Teil der Toskana an der Grenze zur Emilia Romagna. Dort liegt Podere Fignano, ein fast 1000 Jahre altes bäuerliches Anwesen, welches heute ein von einer Kooperative geführtes Gästehaus ist.


Podere Fignano, Morgenstimmung.


Der nächstgelegene Weiler Rimbocchi. Hier gibts einen Bäcker.

Casentino, das ist der wilde Teil der Toskana, dort, wo statt sanften Hügeln und malerischen Zypressen steile Appenin-Berge aufragen, bewachsen mit dunklen Nadelwäldern und knorrigen Steineichen.


Wildschweinen begegnet man hier auf Schritt und Tritt, und auch sonst allerhand Getier, welches sich in der vom Tourismus weitestgehend unberührten Vegetation sehr wohl fühlt.



"Da Maria", Bar und Lädchen in einem. Im nahegelegenen Ort Corezzo.

Fignano ist, man kann es nicht treffender beschreiben, ein sehr wildromantischer Ort; ein steinernes Gutshaus, die Fassade mit Trompeten-Blumen überwachsen, umgeben von kleinen Stein-Hütten, Lohrbeer- und Feigenbäumen und einem Kräutergarten.


Mittagsmenü auf der granitenen Tischplatte vor dem Haus.
Die Pilze, Parasole, sind selbstgesammelt.


Zum Haus führt ein ca. 1 km langer Fahrweg, welcher den Namen eigentlich nicht verdient. Dieser wiederum zweigt von der Straße ins Corsalone-Tal ab, die vom Marktflecken Bibbiena im breiten Arno-Tal ins Appenin-Mittelgebirge führt, auch diese Straße mit ihren unendlichen Kurven nichts für schwache Mägen ...



Morgennebel schwebt das Corsalone-Tal hinauf.

Von Fignano bietet sich der Blick nach Süden auf den Monte Penna, an dessen westliche Flanke sich das Kloster La Verna schmiegt. Hier weilte einst Franz von Assisi in einer Höhle und wurde erleuchtet. Sein Gewand lässt sich noch heute als Reliquie in der Kloster-Kirche besichtigen.


Blick nach Süden: Monte Penna.


Kloster La Verna.


Schroffe Schiefer-Abstürze am Fuße von Monte Silvestre.
Weiter oben findet sich ein verlassens Dorf.

Nachts tummeln sich die Wildschweine sehr nah an dem alten Bauerngehöft (nehmen jedoch schnell reisaus, wenn man sich ihnen nähert), und bisweilen kommt ein Fuchs vorbei. Grillen und Zikaden zirpen und pfeifen in voller Lautstärke, die Käuzchen rufen und so manches Mal sind Hirsche in der Brunft zu hören, oder sogar ferne Wölfe ...


Ein ganz schön großer Grashüpfer kommt zu Besuch.


Die dunklen Tupfen auf der Wiese sind Wildschweine.


So. genug geschwelgt. Hier gibt es mehr konkrete Informationen zu Podere Fignano.


tanti saluti!

Sonntag, 24. Oktober 2010

Paul Lafargue DAS RECHT AUF FAULHEIT



1883, Wochenzeitschrift L‘Egalité


(Paul Lafargue, 1842–1911, französischer Sozialist, Mitbegründer der ersten marxistischen Partei Frankreichs, Ehemann von Karl Marx’ Tochter Laura)

Die „Bourgeoisie“ hat in ihrer Entwicklung einen beträchtlichen Gesinnungswandel durchlaufen: vormals, während ihres Kampfes gegen den Adel und die Kirche wurden freie Forschung und Atheismus von ihr noch ideologisch unterstützt. Dies änderte sich jedoch, als sie selbst zur dominierenden Klasse aufgestiegen war: nun predigte die Bourgeoisie dem Proletariat Enthaltsamkeit, Arbeitsamkeit und mithin die Unterdrückung jeglicher freier Gedanken. Das Proletariat wiederum habe sich vom Dogma der Arbeit regelrecht verführen lassen.

Der französische Sozialist Paul Lafargue spricht von einer seltsamen Sucht nach Arbeit, welche letztere er als „Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung“ bezeichnet, und: „Alles individuelle Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit“. Er verweist auf gegenwärtige Kulturen, wie etwa Spanien, oder auf die griechische Antike, wo man allgemein der Arbeit skeptisch oder gar verächtlich gegenüber stehe bzw. stand; und selbst Jesus Christus propagiere in der Bergpredigt die Muße. In der Gegenwart komme der Arbeit nun ein geradezu religiöser Status zu, den die Proletarier verinnerlicht hätten, dabei sei doch „zügellose Arbeit“ die „schrecklichste Geißel (...), welche je die Menschheit getroffen“.

Bei der Beschreibung der Zustände verfällt Lafargue des öfteren in einen sarkastischen Tonfall: „Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körpern überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: ,Lieber Herr Cahgot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!‘“ oder verwendet eine sehr bildhafte Sprache: „Das kapitalistische Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht und kahlem Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener Haut, liegt schläfrig und gähnend mt glanzlosen Augen auf einem Sofa hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske, mechanisch Männer, Frauen und Kinder ...

Die französischen Produktionsstätten des 19. Jahrhunderts werden von Lafargue mit Zuchthäusern verglichen, wo selbst Kinder zu 12 bis 14-stündigen Arbeitstagen gezwungen werden. In drastischen Bilder und Augenzeugenberichten beschreibt Lafargue die prekäre Situation der Arbeiter, die von den fürchterlichsten Entbehrungen geprägt ist:
... Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk Oberrhein leben, ist so groß, dass während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute, Werkdirektoren ungefähr 50% der Kinder das 21. Lebensjahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnerei­arbeiter bereits vor vollendetem zweiten Lebensjahr stirbt (---) Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und man halst diesselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf ...“ 1

Derselbe Dr. Villermé, von dem vorangegangenes Zitat stammt, wird von Lafargue zitiert, dass selbst Zuchthaussträflinge und die Sklaven auf den Antillen weniger arbeiteten bzw. gearbeitet hatten.


Auf ökonomischer Ebene erzeuge der Arbeitswahn dann folgerichtig eine Überproduktion von Waren, die infolge von gesättigten Arbeitsmärkten immer wieder zu wirtschaftlichen Krisen führten, die wiederum jene Arbeiter ins Elend stürzten, die ja gerade die Überproduktion herbeigeführt hatten. Dieser Umstand sei jenen „natürlich“ nicht bewusst. Zudem fordere die Überproduktion die Bereitstellung zusätzlicher Absatzmärkte auf globaler Ebenen und befördere den militärischen Imperialismus.

Das Proletariat hätte die Macht, das Joch der Unterdrückung abzuwerfen; zunächst müsste es jedoch die christliche, ökonomische und liberalistische Moral abwerfen. Nicht das Recht auf Arbeit, sondern das Recht auf Faulheit müsse ausgerufen werden. Die Arbeit solle auf drei Stunden täglich reduziert werden, so dass die Menschen in der restlichen Zeit der Muße und menschlichen Leidenschaften frönen könnten. Leider sei die arbeitende Bevölkerung duch die Moralprediger der Arbeit vollständig „versimpelt“, denn sogar bourgeoise Fabrikanten oder die englische aristokratische Regierung hätten verstanden, dass längere Arbeitszeiten nicht unbedingt wirschaftlicher seinen (in England wurde die Arbeitszeit gesetzlich auf 10 Stunden limitiert und kontrolliert).

Vorbildhaft gelten Lafargue die Amerikaner, welche sich die Maschinen nutzbar machen, um ihre Arbeit zu erleichtern und zu verringern. Und schon Aristoteles träumte von Webmaschinen, die selbsttätig arbeiten, so dass sich die Menschen mit dieser niederen Tätigkeit nicht mehr abgeben müssten. Die Industrialisierung mit ihrer fortschreitenden Automatisierung könnte Aristoteles wahrgewordener Traum sein, doch „bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei“ .

1
L.-R. Villermé: „Ein Bild vom körperlichen und moralischen Zustand

der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und Seidenfabriken“,
zitiert in: Paul Lafargue, „„Das Recht auf Faulheit“

Den Text in voller Länge finden Sie hier

Montag, 18. Oktober 2010

JANE AUSTEN FIGHT CLUB

Vor einigen Jahren las ich in einem Frauenmagazin (Sie wissen schon, wo so Diät-Tipps drin sind, und Rezepte, und dramatische Promistories) einen kurzen Artikel über Sandra Bullock. Darin äußerte sie den Wunsch, dass Frauen sich öfter mal prügeln und miteinander raufen sollten. Männer würden das ja auch tun. Das gefiel mir. Nun wäre ich eher fürs Raufen, denn beim Prügeln werden einem eventuell Zähne ausgeschlagen, und man bekommt was auf die Nase, was sehr schmerzhaft ist. Blaue Flecken hingegen fände ich nicht so schlimm.

"I want you to hit me as hard as you can!"


Nun sehen wir ja in Film und Fernsehen schon seit geraumer Zeit mehr und mehr prügelnde Frauen, die dies berufsmäßig tun, und denen das sichtlich Spaß macht. Ich denke nur an Tomb Raider, KILL BILL oder an das Remake von "Charlies Angels". Und ich muss gestehen, schon das reine Zuschauen bereitet mir große Freude. "Katharsis" nennt man sowas wohl, also dass man sich durch das reine Betrachten abreagiert und von aggressiven Anfällen "reinigt".


Männliche Mitmenschen haben an kathartischem Material traditioneller etwas mehr Auswahl. Irgendjemand scheint offenbar noch immer der Ansicht zu sein, dass Aggression und Gewalt eher Teil der "männlichen" als der "weiblichen Natur" sei (Was letzteres, das mit der "Natur", sein soll, weiß ich auch nicht so recht). Die Milliarden von "Rambos", "Stirb Langsams" und weiß ich was kann und will ich hier nicht aufzählen. Oder den Film "Fight Club", in dem sich Herren zum Spaß heimlich treffen und sich schlagen ...

Aber: die Zeit steht nicht still. Und somit möchte ich Ihnen präsentieren:

den JANE AUSTEN FIGHT CLUB.

Viel Spaß dabei, meine Damen. Und Herren. Und alle anderen.

Mittwoch, 15. September 2010

Quentin Tarantino. Frauenfilmer.

Unlängst sah ich endlich im Fernsehen "Death Proof". Und ich sah meine heimliche These bestätigt: Regisseur Tarantino macht eigentlich Frauenfilme. Die Handlung in einem Satz: pensionierter sadistischer Stuntman bringt Frauen mittels seines "totsicheren" Autos zu Tode, hat sich aber bei der Frauen-Clique um Rosario Dawson arg verrechnet.

Nun, ich möchte meine These nicht verallgemeinern. "Reservoir Dogs" habe ich nicht gesehen. "Pulp Fiction" ist ein "Jungs-Film", und "Inglorious Basterds" ist es, der Besetzungsliste nach, auch.

Ich beziehe mich in diesem Post auf die Filme Jackie Brown, Kill Bill I & II und den obengenannten Death Proof. Zunächst gilt es natürlich, den Begriff "Frauenfilm" zu klären. Dazu nehme ich zunächst Bezug auf den "Bechdel-Test" von US-Amerikanerin Alison Bechdel: „(...) der zuerst 1985 im Comic-Strip „The Rule“ auftaucht. Eine Person sagt in diesem Comic, dass sie nur Filme sähe, auf die die folgenden Bedingungen zuträfen:
1. Es spielen mindestens zwei Frauen mit,
2. die sich miteinander unterhalten,
3. über etwas Anderes als einen Mann. (...)"

Bechdels "Fragenkatalog" ist ein sehr brauchbares Instrument, um die Präsenz von Frauen im Film zu untersuchen.


Der Film "Jackie Brown" kann sicherlich noch am wenigsten alle drei Fragen des Bechdel-Tests mit ja beantworten, denn hier spielt sich kaum ein nennenswertes Gespräch zwischen der Protagonistin und einer anderen weiblichen Figur ab.

Dennoch ist "Jackie Brown", neben seiner Eigenschaft als cooles Gangster-Movie, ein differenziertes Portrait einer nicht mehr ganz jungen Frau, die an einem Punkt angekommen ist, an dem sie sich fragt, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Und sie handelt. Am Ende übertölpelt sie FBI und Gangster und schnappt sich das ganze Geld. Auch auf ein hollywood-likes Happy-End zwischen ihr und dem sympathischen Kautionsberater Max Cherry bleibt aus. Am Ende sehen wir "Jackie Brown" (Pam Grier), wie sie im Auto in ihre Zukunft fährt. Im Auto-Radio ertönt "Street Life" von Randy Crawford.


Film Nummer zwei IST definitiv ein "Frauenfilm". Soviel weibliche Actionhelden gab es nie in einem Film wie in KILL BILL.

Neben der Hauptfigur sehen wir O-ren Ishi, Yakuza-Chefin, Elle Driver und "Cotton Mouth", allessamt Ex-Killer-Kolleginnen der Protagonistin. Dazu kommen noch diverse weibliche Nebenfiguren. Es gibt reichlich Unterhaltungen, die sich keineswegs um Männer drehen. Sondern um Rache.

Die traditionell "männliche" Rolle des einsamen, skrupellosen Helden, der sich an seinen früheren Peinigern rächt, wird weitestgehend umgestülpt und auf weibliche Figuren projiziert. Lediglich am Ende des zweiten Teils wird impliziert, dass die Hauptfigur "The Bride" ihren Rachefeldzug hauptsächlich aus mütterlichen Gefühlen durchführt. Dieses Motiv wird jedoch nur sehr randständig ausgeführt.


Mehr "Frauenfilm" als der dritte von mir angeführte, "Death Proof", kann es eigentlich kaum geben. Im Vordergrund stehen hier lange, alltägliche Gespräche über "Typen", kürzliche Erlebnisse und waghalsige Stunts. Der weiblichen Clique im ersten Teil des Films gelingt es leider nicht, den sadistischen Anschlägen des Ex-Stuntmanns Kurt Russel zu entkommen. Zur Vierer-Frauen-Clique, die wir im zweiten Teil kennenlernen, gehören dann aber ebenfalls zwei Stuntfrauen, die sehr gut im Geschäft sind (eine der Figuren spielt sich dabei selber, nämlich Stuntfrau Zoë Bell, die wiederum Uma Thurmann in Kill Bill doubelte).

Zoë überredet ihre Freundin und Stuntfrau-Kollegin zu einem waghalsigen Stunt auf der Motorhaube des Wagens bei rasender Geschwindigkeit. Ex-Stuntmann Russel, ebenfalls wieder im Auto unterwegs, glaubt, in der Clique neue Opfer gefunden zu haben, und zu seinem Vergnügen gelingt es ihm, den Wagen der Frauen bei voller Fahrt zu rammen, und das während Zoës leichtsinnigen Stunts.

Womit Russel nicht rechnet: die Frauen denken nicht daran, sich verängstigt aus dem Staub zu machen, nachdem sie der Attacke gerade noch entkommen sind. Vergeltung ist ihr Ziel, und so drehen sie den Spieß um und jagen den konsternierten Ex-Stuntmann über die staubige Landstraße. Und sie geben nicht auf, bis Russel, von allen verprügelt, ohnmächtig zu Boden geht. Dann senkt sich der Slogan "The End" über den Bildschirm. Und man bleibt mit einem sehr befriedigten Gefühl zurück. Zumindest ich (Katharsis nennt man das, glaube ich).

Die Frauen in "Death Proof" sind zunächst einmal durch ihre Anzahl unglaublich präsent Und durch die Menge an Zeit, in der sie präsent sind. Sie sind es ebenso durch ihre Gespräche, die, gerade durch ihre Banalität (die Tarantino in "Pulp Fiction" hauptsächlich den männlichen Protagonisten zugesteht), an Wichtigkeit und Coolness gewinnen. Und sie sind es durch die zum Teil ungewöhnliche Charakterisierung. Eine Stuntfrau, die aus Spaß auf einer Kühlerhaube durch die Gegend rast, kaum gesichert durch Gurte, an denen sie sich festhält, habe ich noch nie in einem Film gesehen. Solche und ähnliche Späße bleiben meist den Jungs vorbehalten.

Also, Danke, Quentin Tarantino ... Hat viel Spaß gemacht. Bis zum nächsten Mal!

Montag, 6. September 2010

NICHTSTUN




"Nichtstun" wird viel zu oft als "Faulheit" diffamiert. Dabei sind Phasen des Müßiggangs unabdingbar, um zu sich zu kommen und kreative Gedanken zu entwickeln. Permanents Arbeiten dagegen wirkt über kurz oder lang zerstörerisch.

Über "Nichtstun", aber auch über "Arbeit", "Stress" und verwandte Begriffe wollen wir uns kommenden Samstag, den 11.9.2010 im multi.trudi (dem OFFSpace des Netzkünstlers Stefan beck) in Frankfurt/Main unterhalten, natürlich ganz entspannt.

... außerdem möchten wir Euch einladen, Flyer, Artefakte oder ähnliches mitzubringen, welche Ihr mit "Nichtstun" und "Müßiggang" verbindet. Diese wollen wir dann vor dem .trudi drapieren und dokumentieren.

Als Einleitung wird Verena Lettmayer aus ihrem neuen Buch NICHTSTUN ein Märchen vorlesen; es heißt: "DIE SIEBEN FAULEN". Sie wird auch einige Exemplare von "Nichtstun" im Gepäck haben.

An der Bar werden wie stets wohlfeile Hopfen-Kaltgetränke angeboten, und der Grill erwartet Euer mitgebrachtes Grillgut.

Sa., 11.9.2010 | 19-21 Uhr | multi.trudi | Hohenstaufenstr. 13-27 | Frankfurt

Wir freuen uns auf Euer zahlreiches Erscheinen!

NICHTSTUN INFO


Sonntag, 29. August 2010

GOLDENE WORTE NO. 4: KATE NASH

HEUTE MIT:
KATE NASH


... es ärgert mich auch, dass Frauen wie Lady GaGa und andere den Begriff [Feminismus. Anm. d. Aut.] verneinen, aber eigentlich doch feministisch auftreten und handeln. Aber wahrscheinlich liegt das daran, dass sie nicht genau wissen, wie sie Feminismus definieren sollen. Für mich heißt Feminismus schlicht: Gleichberechtigung. Natürlich kannst du viel lesen, dich über die Hintergründe unformieren und die Geschichte kennenlernen, aber das ist nicht nötig, wenn du weißt, dass Sexismus existiert. Wenn du an die Gleichberechtigung glaubst und gegen Sexismus bist, dann bist du Feministin.

KATE NASH in einem Interview mit der Zeitschrift Missy, 3/2010

Und hier ein aktuelles Video:

Mittwoch, 25. August 2010

TAKE ME HIGHER! – Der Lasörling-Höhenweg in Osttirol, nebst Abwegen – THE END

6. und letzter Tag – Freitag, 6. August 2010

[ Clarahütte (2038m) -> Ströden (Bus) -> Virgen ]



Blick nach Osten ins Umball-Tal.


Es regnet noch immer, stetig vor sich hin. Aber irgendwie scheint dennoch die Sonne. Oben auf den 3000ern hat es geschneit.

Es gibt ein kleines Frühstücksbuffett; allerdings ist das Licht in der Gaststube ausgefallen. Stattdessen: Kerzen.

Abmarsch 10:15, zunächst über einen schwach abfallenden Pfad, der in einen steilen, unebenen Fahrweg endet. Die Vegetation ändert sich und wird üppiger. Weiter unten kommen uns vermehrt Wandergruppen entgegen, Besucher*innen des Umballfall-Schauweges, entlang der rauschenden Umball-Wasserfälle. Wir begegnen wieder Bergbekannten, nämlich der jüngeren Frau in Begleitung der drei älteren Herrschaften, die wir das letzte Mal vor drei Tagen oben an der Berger-See-Hütte trafen.


Ein Hüttchen unter einem großen Fels.


Der Umball-Schaupfad.


Pebell- und Islitzeralm, zwei "High-End"-Almen am Anfang des Wasserfall-Schaupfades. Die Bedienungen tragen Trachten. Das sagt alles. Es schaut aus wie aus dem Bilderbuch. Allerdings einem sehr schicken Bilderbuch. Trotz meines leicht verlotterten Äußeren erhalte ich eine sehr nette Auskunft bezüglich der Busverbindungen vom Tal-Ort Ströden nach Virgen. Der Kellner ermutigt uns, den Bus um 11:45 noch zu erreichen, und wir rasen los, den breiten, bequemen Fahrweg ins Tal. Kurz vor Ströden begegenen wir wieder der 6er-Gruppe von Höhenweg. Irgendwie rührend!

Wir erreichen die Bushaltestelle nach 20 Min. anstatt der angeschriebenen 35 Minuten, und gondeln mit dem Bus ins Tal, Ziel Gasthof Panzl, Virgen.


Zurück in der Zivilisation: Der Bus nach Virgen.


Hier beziehen wir sogleich die zwei vorbestellten Räume. Und machen uns erstmal locker. Die Bergschuhe kommen auf die Fensterbank zum Lüften. Alle anderen Kleidungsstücke werden ausgezogen und im Bad zwischengelagert (auch hier ist Sicherheitsabstand geboten!). Das Bad. Gleißend weiß und riesengroß. Es hat eine Dusche; es hat eine BADEWANNE. Um Wanne und Waschbecken sind weiße dicke Handtücher und Seifenpäckchen drapiert.

BADEWANNE

Jetzt in neue Klamotten. Funktionsklamotten sind vorerst nicht mehr angesagt. Noch ein bisschen auf dem Bett herumliegen.


Blick aus dem Fenster von Gasthof Panzl, Virgen.


Halb zwei: Natürlich wollen wir jetzt noch ein wenig Zivilisation haben (sprich: Shopping-Möglichkeiten). So fahren wir in die Landeshauptstadt Lienz, eine gemütliche Dreiviertelstunde nach Süden. Wir stellen das Auto in einer Tiefgarage ab, und gehen in den nächstbesten Imbiss, der, dies zum Thema Flair, auch in Offenbach sein könnte. Egal. Hier gibt es die GALA und andere österreichische Starmagazine zu goutieren.


Der Hauptplatz von Lienz.


Lienz ist ein Städtchen mit einem Hauch italienischen Flairs. Immerhin ist es ja auch nicht mehr weit bis zur italienischen Grenze. Auf den Straßen hört man auch viel Italienisch (Das Virgental war ja eher holländisch geprägt, eine Sprache, von der ich, wie ich feststellen musste, KEIN einziges Wort verstehe. Außer "Hallo", vielleicht)

Südlich von Lienz erheben sich die Lienzer Dolomiten. Eine Seilbahn hat es hier, die aber um 17 Uhr schon zumacht. Und die vorgelagerte Festung Schloss Bruck, von der hübsche Fahnen wehen. Heute ist sie ein Kunst-Museum, natürlich mit Café und Museumsshop.


Die Isel


Wir laufen ein wenig herum, finden die Altstadt, und laufen, oder sollte ich eher sagen, wandeln an der Isel entlang mit einem Abstecher auf die Festung (Shop!). Auf dem Rückweg bestaunen wir mehrere architektonisch interessante Häuser.

Wir fahren wieder nordwärts in unser Virgental und unseren Gasthof. Abendessen, mit einem Sekt-Aperitiv. Sehr mondän. Danach ein letzter Cigarillo und Enzian in der Bar.

ENDE

Freitag, 20. August 2010

TAKE ME HIGHER! – Der Lasörling-Höhenweg in Osttirol, nebst Abwegen. TEIL 5

5. Tag – Donnerstag, 5. August 2010
[ Neue Reichenberger Hütte (2588m) -> Clarahütte (2038m) ]




Blick nach Süden ins Trojer Tal.



Morgens um 7 Uhr der erste Blick aus dem Fenster. Es ist alles weiß. Nebel. Kreisch! Wie sollen wir so den Weg finden, wenn wir nichts sehen? Was, wenn wir uns versteigen?? Na, gut, dass D. einen, äh, Kompass dabei hat. Man müsste dann nur noch wissen, in welche Richtung genau man muss ...







Später bricht der Nebel etwas auf. Wir gehen los um 9:30. Vorher kaufe ich mir noch eine Anstecknadel: ”Förderer-der-Bergwacht-Prägraten“. Sehr cool. Alle Regenklamotten werden angezogen. Der Rudi-Tham-Weg geht zunächst recht lange eben dahin, manchmal auch leicht bergan. Im Nebel tauchen manchmal Wasserfälle und Schneefelder auf. Sehr mystisch. Runter ins Tal kommen wir ja so nicht! Dafür gibts an der Daber Lenke (2631m) nochmal einen Stempel in einer Kiste.



Mystische Ausblicke am Rudi-Tham-Weg.

Irgendwann biegt das hohe, schroffe Tal nach rechts, nach Süden ab. Und wird immer steiler. Das Dabertal. Der schmale Pfad windet sich auf sehr steil abfallenden Grashängen entlang, ohne dass es merklich bergab ginge. Immer wieder sind schmale Rinnen von Bächlein oder Erdmoränen zu queren. Irgendwann geht der Steig sogar wieder bergauf, und die Hänge werden noch steiler. Habe ich erwähnt, dass es die ganze Zeit regnet? Zur Linken in der Tiefe rauscht der Großbach, bisweilen von Restschneebrücken überspannt.



Weit unten in der Schlucht des Dabertals:
Schneereste, die wie meterdickes styropor aussehen.


Jetzt ist der Weg auch noch versichert; ein schlabberiges Drahtseil, das sich in Kniehöhe am Hang entlangschlängelt, so dass ich mich bücken muss, und das mir sofort "Gefahr!" suggeriert.
Es regnet unaufhörlich, meine Brillengläser sind nass, und meine Waden wollen gar nicht mehr bergauf gehen. Ich fluche innerlich, und versuche, das schmale, nasse und glitschige Pfadstück so schnell und konzentriert wie möglich hinter mich zu bringen. Jetzt bloß nicht ausrutschen, dann wär man weg. Zerschmettert in der Schlucht! Kreisch!) ... das ist das bisher gefährlichste Stück der ganzen Tour, wer hätte das gedacht.

... Der Pfad wird wieder moderater, und endlich endlich erreichen wir den Abzweig ins Umballtal, den wir schon die ganze Zeit von weitem sehen konnten. Dazu müssen wir zur Isel heruntersteigen, eine kleine Metallbrücke überqueren, um auf der anderen Seite wieder ein paar Meter hinauf auf den Wanderweg zur Clarahütte zu gelangen. Wir erreichen sie auf ebenem Wege nach 20 Minuten, begleitet von einem Paar schwarzer Schafe.



Endlich erreicht: Die Brücke über die Isel im Umballtal

Die Clarahütte (2038m): ein flaches, einstöckiges Häusschen, an den Hang geschmiegt. Davor Sonnenschirme. Aber es regnet ja immer noch in Strömen. Drinnen in der Gaststube haben sich dennoch eine ganze Reihe unverzagte Wander*innen eingefunden. Ich ziehe möglichst viele nasse Sachen aus und versuche, sie diskret um unseren Tisch herum zu drapieren. Wir nehmen dann auch schon mal unser Lager in Beschlag. Es gibt gratis Ohrstöpsel, sehr fein!



Die Clarahütte (2038m)

Schlipfkrapfen in brauner Butter mit Schnittlauch. Köstlich!
Es regnet. Und regnet. Und regnet. Unsere Sachen sind feucht und klamm. Dennoch hält es mich irgendwann nicht mehr in der Hütte. Ich schlupfe in nasse Socken und Schuhe und melde mich ab für einen frühabendlichen Spaziergang. Ich folge der Isel flussaufwärts. Das Flusstal weitet sich und wird flacher. An den Hängen grast weißes und schwarzes Getier. Alles leider eher Schafe als Gemsen oder gar Steinböcke. Selbst die würden nicht so dämlich sein, und sich bei solchem Wetter vor die Tür wagen!

Nach einer halben Stunde führt der Pfad links über eine weitere Brücke über den Fluss. Hier teilt sich der Weg. Auf einem Felsen steht in weißer Farbe gepinselt: "zum Gletscher". Gemeint ist der Umballkees unterhalb der Dreiherrenspitze südlich des Großvenediger. Das klingt verheißungsvoll, und ich folge dem "Gletscherpfad" noch ein Weilchen. Aber es ist einfach zu weit, und die Steige unter meinen Füßen haben sich mittlerweile in kleine Bächlein verwandelt. Vom Gletscher bekomme ich leider nichts zu Gesicht. Ich kehre um. Es ist auch Zeit fürs Abendessen.


Spaghetti Bolognese. Und dazu ein Bier. Ein Traum! Wieder Cigarillo-Pause vor der Hütte, unter einen kleinen Zeltdach. Die beiden Hüttenwirtinnen gehen stündlich nach draußen, zur Zigarettenpause, und um ihren Hund an die frische Luft zu bringen. Viel raucht man eh nicht bei der Witterung, brrrr.


Umsteigen von Bier auf Rotwein. Und Schachspiel. Ich habe seit 25 Jahren nicht mehr gespielt, und so bin ich recht stolz, dass es bei der dritten Partie dann doch ziemlich lange dauert, bis ich verliere.


Übernachtung im Lager. Dank meiner mitgeführten Wachs-Ohropax höre ich fast gar nichts. Außer uns gibt es noch drei Mitschläfer. Einer der dreien darf/muss jedoch ins andere Lager. Wahrscheinlich schnarcht er. Fein.

[ Fortsetzung folgt. Versäumen Sie nicht den nächsten, 6. und letzten Teil der dramatischen Berg-Saga! ]

Mittwoch, 18. August 2010

TAKE ME HIGHER! – Der Lasörling-Höhenweg in Osttirol, nebst Abwegen. TEIL 4

4. Tag – Mittwoch, 4. August 2010 [ Bergersee-Hütte (2182m) bis Neue Reichenberger Hütte (2588m) ]



8 Uhr Morgens: Bei dem Kindergetümmel bleiben die Augen nicht lange geschlossen. Aber eigentlich macht es uns schon gar nichts mehr aus. Wenn man jeden Abend um Halb 10 ins Bett geht ...


Blick nach Osten vom Muhs-Panoramaweg.

Strahlend blauer Himmel. Die Berge wie frisch gewaschen. Muhs-Panoramaweg ins nächste Tal, das Lassnitzental. Dort, fast vom Talgrund, steil hinauf über Almen mit schönen Disteln, zum Abzweig des Lasörling-Höhenwegs.


Eine steile Hochalm mit zahlreichen Distel-Sträuchern.

Hier ist die Vegetation schon wieder karg und hochalpin. Noch drei Stunden bis zur Reichenberger Hütte, sagt der gelbe Wegweiser.


Wieder erreicht: der Lasörling-Höhenweg.


Hier wächst nicht mehr viel.

Weiter hinauf über die Michltal-Scharte zum weiläufigen Kleinbach-Boden oberhalb des Kleinbachtals. Ein liebliches Hochtal, mit kleinen Flussläufen, Blumenwiesen mit Frühlingsenzian ... auf der gegenüberliegenden Seite überragt vom scharfen Zinken der Gösles Wand (2912m).



Der Kleinbach-Boden mit der Gösles Wand (2912m)

Jause (= Brotzeit) bei einer Ansammlung großer, flacher Felsbrocken. Hier tummeln sich zahlreiche Murmeltiere, soviel und so nah, wie ich sie noch nie gesehen habe. D. findet sie unwiderstehlich niedlich. Ich verstecke mein zwei Tage altes Käsebrötchen zwischen den Felsen, da werden sich die Murmel freuen, und ich bin es auf sinnvolle Weise losgeworden.




Hinauf zur letzten Scharte für heute, der Roten Lenke (2794m), so benannt, weil hier rötliches Gestein auftritt. Drumherum Geröllfelder von weißem Gestein, kleine Stifte, die an Bauklötze erinnern. Und so haben sich auch einige Vorbekommende vor uns kreativ betätigt, und auf flachen Felsen aus diesen Bauklötzchen hübsche Bodeninstallationen angefertigt.


Weil wir vom bisher zurückgelegten Weg noch nicht genug bekommen haben, und übermütig sind, steigen wir von der Roten Lenke noch den Pfad zur Gösles Wand herauf. Auf einem vorgelagerten Sattel bleibe ich sitzen. Meine Beine fühlen sich nun doch langsam wie Wackelpudding an. D. geht die letzten Meter bis zum Gipfel (oben gibt es statt Gipfelkreuz einige Panoramatafeln, wie er berichtet. Das Kreuz haben sie merkwürdigerweise auf einen Nebengipfel gestellt, dessen Nordwand, von meinem Sattel gut sichtbar, schrecklich steil in die Tiefe geht. Sieht wahrscheinlich von weitem besser aus.


Ich schenke mir also den Gipfel der Göslewand und weide mich am Panoramablick. Von hier hat man einen Weitblick auf ferne Dolomitengipfel.



Blick nach Süden, am Horizont Dolomitengipfel.

Der Abstieg geht jetzt immer schneller. Ich bin überhaupt die Berg-Abstiegs-Spezialistin! Vor uns im westlichen Hochtalboden der Böden-See und die Neue Reichenberger-Hütte (2588m), eine imposante dreistöckige Alpenvereinshütte. Hier treffen wir wieder auf die 6er-Gruppe, der wir schon am ersten Tag begegnet sind.



Der Böden-See, dahinter die Neue Reichenberger Hütte ( 2588m)



Von der Südterrasse erstreckt sich der Blick hinab über eine relativ schroffe Kante, über die ein Weg ins Trojer-Tal und weiter ins Defreggen-Tal führt. Ein spektakulärer Ausblick. Kuhherden weiden friedlich auf den niedriger gelegenen Almen, Kuhglocken bimmeln lieblich in der Abendstimmung.


... Nun, so lieblich ist es eigentlich gar nicht, in fast 2600m Höhe. Dann doch recht kühl. Am Abend draußen auf der Terrasse der abendliche Zigarillo. Am Nebentisch kochen einige Holländer*innen Wasser in einem Wasserkocher und brühen sich Tee auf. Nicht ganz unaufwendig, aber warum nicht.


[ Fortsetzung folgt ]

Montag, 16. August 2010

GOLDENE WORTE NO. 3

HEUTE: ISABELLA ROSSELLINI

"Man spricht so viel von den Falten und nicht von der Freiheit, die man gewinnt, nachdem man ein Leben damit verbracht hat, den Eltern, der Berufswelt, oder sich selbst zu beweisen, dass man jemand ist"
Interview mit der italienischen Ausgabe der "Marie Claire".


Tja, Frau Rossellini ist nicht nur klug, sondern auch noch kreativ und witzig. Hier ihre Video-Reihe Green Porno, in der Rossellini mittels gebastelter Pappkostüme die sexuellen Gewohnheiten in der Tierwelt erklärt. Entzückend!


Samstag, 14. August 2010

TAKE ME HIGHER! – Der Lasörling-Höhenweg in Osttirol, nebst Abwegen. TEIL 3

3. Tag Dienstag, 3. August 2010 [ Lasörling-Hütte bis Berger-See-Hütte ]




Es regnet nicht mehr, Gott sei Dank.
Es ist nur wechselnd bewölkt. 8 Uhr Frühstück. Ein Aufsteller auf dem Tisch bittet höflich, das Frühstück nicht als Proviant mitzunehmen (Stattdessen wird ein Lunch-Paket für 4 Euro angeboten). Ich steck mir trotzdem ein Pasteten-Dösschen ein (haltbar bis 2012). Wär ja noch schöner!


Abmarsch 8:45. Was für eine unchristliche Zeit! Sanfter Anstieg über Grasmatten und Geröll. Rechts alsbald der Abzweig zum Berger Törl (ca. 2800 m) (Wir haben uns die Etappe von der Lasörling- zur Neuen-Reichenberger-Hütte auf zwei Tage aufgeteilt, und machen einen Schlenker über die Berger-See-Hütte). Leicher Nieselregen setzt ein und vom Tal aufsteigender Nebel. Das letzte Stück bis zum Übergang Berger Törl wird recht steil, die letzten Meter braucht man sogar Hände und Füße, der Pfad ist mit Seilen versichert.

Oben auf dem Berger Törl ein hochalpines Panorama. Nur noch Geröll. Blick ins Zopatnizental. Rechts ein schroffer Grat aufsteigend zum Kleinen Lasörling (3055 m). Kleine Schneefelder. Es ist grandios. Etwas weiter talwabwärts, unterhalb des Steigs ein See, milchig grün, und teilweise mit Eisschicht, arktisch. Wunderschön.




Blick vom Berger Törl (ca. 2800m) ins Zopatnizental.

Der Pfad führt steil hinab, größtenteils nur noch an den rot-weißen Markierungen erkennbar, die über große Gesteinsbrocken führen. Wir passieren eine Vierer-Gruppe, die wir von der Lasörling-Hüttem kennen, eine Frau in meinem Alter mit drei etwas älteren Herrschaften. Weiter unten führt der Weg entlang eines Bachs, der sich recht steil hinter durch einen Kamin gegraben hat (wieder versichert).



Durch diesen Kamin führt der Steig hinab zur Berger-See-Hütte (2182 m).


Die Berger-See-Hütte
(2182 m) und den See sehen wir schon die ganze Zeit. Am Ufer Wollgras. Unnatürlich grüne Moospolster, „... wie in 'Herr der Ringe'", meint D.




Moospolster und Wollgras am Berger-See.


Die Berger-See-Hütte. Ein niedliches 6-er Zimmer, Stockbetten, 1,80 lang. Auf jedem Bett ein Betthupferl.

Nachmittag: Ein holländischer Berg-Wander-Verein ist angerückt. Eine riesige Gruppe Erwachsener und Kinder. Werden sie die wirklich alle unterbringen? Sie werden. Um halb drei gehen wir los, für einen kleinen Nachmittagsgipfel, den benachbarten Berger Kogel (2656 m).
Bergauf nehme ich jetzt immer die Wanderstöcke, da schnauf ich stets ganz schön. Bergab bekommt D. sie, denn meine Knie sind widerstandsfähiger. Angenehm und schön geht der Steig über Bergwiesen bis zur Bergerscharte (2500 m). Hier wieder das tolle Hinweisschild: „Kernzone" (des National-Parks 'Hohe Tauern'". Klingt wie „Todeszone“, grrrr ...



Die Todes, äh, Kernzonen-Grenze des Nationalparks
"Hohe Tauern" an der Berger Scharte (2500m)



Auf dem Gipfel dann eine großartige Panoramasicht. Im Tal die kleinen Straßen und Häuslein des Virgentals, die Orte Prägraten, Wallhorn, Bobojach, Virgen und wie sie alle heißen. Gegenüber die südlichen Seitentäler des Venediger-Massivs. Die Sajat- und die Eisseehütte sind mit bloßem Auge zu erkennen. Die Aussicht ist erhaben und berührt die Seele.



Blick nach Norden auf die Seitentäler der Venediger-Gruppe


Abstieg über den sehr steilen und gerölligem Direktabstieg nach Norden. Vorher ein Power-Energie-Riegel, und etwas in die Tiefe starren zur Gewöhnung. Weiter unten, am Wetterkreuz (2153 m), macht der Weg einen Knick zurück ins Tal und wird ziemlich eben.



Direkt-An-/Abstieg des Berger-Kogel (2656m)


Oberhalb des Steigs eine kleine Holzhütte, der Eingang mit einem Hirschgeweih geschmückt. Drinnen sitzt einer. Vermutlich ein ”Artist-in-Residence" ... ab jetzt nur nochentlangtrotteln auf dem Panoramaweg zurück zur Bergersee-Hütte. Kleine Lärchenbestände, und Bacheinschnitte, zum Teil mit erdigen Altschnee-Resten überspannt.

Abends bin ich wieder fix und fertig. Ich bestelle „Kasspatz'n“ und esse die ganze Portion auf, zum ersten Mal im Leben. Bin mächtig stolz! ... Der dritte Hüttenabend. Jetzt fangen wir an zu spielen, was ich sonst nie tue! Eine Partie „Kniffel" und „Mensch-Ärger-Dich-Nicht!“.

[ Fortsetzung folgt ]

Mittwoch, 11. August 2010

TAKE ME HIGHER! – Der Lasörling-Höhenweg in Osttirol, nebst Abwegen. Teil 2

2. Tag – Montag, 2. August 2010



Auf der Zupalsee-Hütte (2346 m) gibt es Frühstück bis 12:00. Für eine Hütte in den Bergen regelrecht dekadent. Ich habe unruhig geschlafen. Die Hüttenwirtin meint: der Herzrhythmus. Sie verabschiedet uns mit den Worten „Vergelt`s Gott, tausendfach!


Weiterwanderung Richtung Lasörling-Hütte. Schwach ansteigender Pfad über grüne Matten, die in weiten Wellen liegen, sanft und groß. Abstecher zur Merschenhütte im Steinkaastal, dazu müssen wir ein paar Meter runter steigen. Hier gibt es Buttermilch und Käse, alles, was sie selber herstellen. Die ältere Sennerin sieht aus wie unsere Großtante Luise aus dem Ennstal/Steiermark.



Die Merschenhütte, eigentlich eine bewirtschaftete Alm
im Steinkaastal.



Wieder bergauf auf der nächsten Kuppe weicht das grün langsam grauem Geröll.



Weg Richtung Lasörling-Hütte


Von der Scharte „Merschenhöhe" (2499 m) Blick auf den Kosachkofel und eine gewaltige Bergkante, die ausschaut, als würde es dahinter steil ins Mullitztal abfallen. Der Kleine-Lasörling-Gipfel (3055) erhebt sich über dem Panorama und sieht schroff und abweisend aus.



Blick auf den Kosachkofel, dahinter abfallend das Mullitztal.
Im Hintergrund die Spitze des Kleinen Lasörling (3055 m)


Es geht hinab in den nächsten Hochtalkessel. Die Lasörling-Hütte (2350 m) ist achteckig. Bedeckt mit geflammten Holzschindeln. Rot-Weiße Fensterläden. Sie steht auf einer Anhöhe und man denkt an den Himalaya.



Die Lasörling-Hütte (2350 m) im Hochtalkessel
des Mullitz-Tals



Die Zimmer: Unregelmäßige Ecken. Ein kleines Fenster. Betten mit Fußende, schlecht für D. Auf dem Nachttisch Alpin-Magazine. An der Wand ein Schild, das uns verkündet, dass es Frühstück nur BIS 8 Uhr gibt. Muss das sein? Nachmittags zieht sich der Himmel zu, es wird regnerisch. Ich leg mich ins Zimmer ins Bett.


Abend: Es regnet. Manchmal donnert es. Aus dem Tal steigen bisweilen wilde Nebel empor. Irgendwann gibts einen Regenbogen. Ich befürchte, dass wir morgen früh wegen des schlechten Wetters nicht weiterkönnen. Ich bin furchtbar müde. Es ist erst 20 Uhr.





[ Fortsetzung folgt ]