Montag, 25. Oktober 2010

TOSKANA. WILD.





... heute ein Bilderbogen über eine bis dato noch relativ unbekannte italienische Region: das Casentino im östlichen Teil der Toskana an der Grenze zur Emilia Romagna. Dort liegt Podere Fignano, ein fast 1000 Jahre altes bäuerliches Anwesen, welches heute ein von einer Kooperative geführtes Gästehaus ist.


Podere Fignano, Morgenstimmung.


Der nächstgelegene Weiler Rimbocchi. Hier gibts einen Bäcker.

Casentino, das ist der wilde Teil der Toskana, dort, wo statt sanften Hügeln und malerischen Zypressen steile Appenin-Berge aufragen, bewachsen mit dunklen Nadelwäldern und knorrigen Steineichen.


Wildschweinen begegnet man hier auf Schritt und Tritt, und auch sonst allerhand Getier, welches sich in der vom Tourismus weitestgehend unberührten Vegetation sehr wohl fühlt.



"Da Maria", Bar und Lädchen in einem. Im nahegelegenen Ort Corezzo.

Fignano ist, man kann es nicht treffender beschreiben, ein sehr wildromantischer Ort; ein steinernes Gutshaus, die Fassade mit Trompeten-Blumen überwachsen, umgeben von kleinen Stein-Hütten, Lohrbeer- und Feigenbäumen und einem Kräutergarten.


Mittagsmenü auf der granitenen Tischplatte vor dem Haus.
Die Pilze, Parasole, sind selbstgesammelt.


Zum Haus führt ein ca. 1 km langer Fahrweg, welcher den Namen eigentlich nicht verdient. Dieser wiederum zweigt von der Straße ins Corsalone-Tal ab, die vom Marktflecken Bibbiena im breiten Arno-Tal ins Appenin-Mittelgebirge führt, auch diese Straße mit ihren unendlichen Kurven nichts für schwache Mägen ...



Morgennebel schwebt das Corsalone-Tal hinauf.

Von Fignano bietet sich der Blick nach Süden auf den Monte Penna, an dessen westliche Flanke sich das Kloster La Verna schmiegt. Hier weilte einst Franz von Assisi in einer Höhle und wurde erleuchtet. Sein Gewand lässt sich noch heute als Reliquie in der Kloster-Kirche besichtigen.


Blick nach Süden: Monte Penna.


Kloster La Verna.


Schroffe Schiefer-Abstürze am Fuße von Monte Silvestre.
Weiter oben findet sich ein verlassens Dorf.

Nachts tummeln sich die Wildschweine sehr nah an dem alten Bauerngehöft (nehmen jedoch schnell reisaus, wenn man sich ihnen nähert), und bisweilen kommt ein Fuchs vorbei. Grillen und Zikaden zirpen und pfeifen in voller Lautstärke, die Käuzchen rufen und so manches Mal sind Hirsche in der Brunft zu hören, oder sogar ferne Wölfe ...


Ein ganz schön großer Grashüpfer kommt zu Besuch.


Die dunklen Tupfen auf der Wiese sind Wildschweine.


So. genug geschwelgt. Hier gibt es mehr konkrete Informationen zu Podere Fignano.


tanti saluti!

Sonntag, 24. Oktober 2010

Paul Lafargue DAS RECHT AUF FAULHEIT



1883, Wochenzeitschrift L‘Egalité


(Paul Lafargue, 1842–1911, französischer Sozialist, Mitbegründer der ersten marxistischen Partei Frankreichs, Ehemann von Karl Marx’ Tochter Laura)

Die „Bourgeoisie“ hat in ihrer Entwicklung einen beträchtlichen Gesinnungswandel durchlaufen: vormals, während ihres Kampfes gegen den Adel und die Kirche wurden freie Forschung und Atheismus von ihr noch ideologisch unterstützt. Dies änderte sich jedoch, als sie selbst zur dominierenden Klasse aufgestiegen war: nun predigte die Bourgeoisie dem Proletariat Enthaltsamkeit, Arbeitsamkeit und mithin die Unterdrückung jeglicher freier Gedanken. Das Proletariat wiederum habe sich vom Dogma der Arbeit regelrecht verführen lassen.

Der französische Sozialist Paul Lafargue spricht von einer seltsamen Sucht nach Arbeit, welche letztere er als „Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung“ bezeichnet, und: „Alles individuelle Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit“. Er verweist auf gegenwärtige Kulturen, wie etwa Spanien, oder auf die griechische Antike, wo man allgemein der Arbeit skeptisch oder gar verächtlich gegenüber stehe bzw. stand; und selbst Jesus Christus propagiere in der Bergpredigt die Muße. In der Gegenwart komme der Arbeit nun ein geradezu religiöser Status zu, den die Proletarier verinnerlicht hätten, dabei sei doch „zügellose Arbeit“ die „schrecklichste Geißel (...), welche je die Menschheit getroffen“.

Bei der Beschreibung der Zustände verfällt Lafargue des öfteren in einen sarkastischen Tonfall: „Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körpern überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: ,Lieber Herr Cahgot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!‘“ oder verwendet eine sehr bildhafte Sprache: „Das kapitalistische Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht und kahlem Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener Haut, liegt schläfrig und gähnend mt glanzlosen Augen auf einem Sofa hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske, mechanisch Männer, Frauen und Kinder ...

Die französischen Produktionsstätten des 19. Jahrhunderts werden von Lafargue mit Zuchthäusern verglichen, wo selbst Kinder zu 12 bis 14-stündigen Arbeitstagen gezwungen werden. In drastischen Bilder und Augenzeugenberichten beschreibt Lafargue die prekäre Situation der Arbeiter, die von den fürchterlichsten Entbehrungen geprägt ist:
... Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk Oberrhein leben, ist so groß, dass während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute, Werkdirektoren ungefähr 50% der Kinder das 21. Lebensjahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnerei­arbeiter bereits vor vollendetem zweiten Lebensjahr stirbt (---) Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und man halst diesselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf ...“ 1

Derselbe Dr. Villermé, von dem vorangegangenes Zitat stammt, wird von Lafargue zitiert, dass selbst Zuchthaussträflinge und die Sklaven auf den Antillen weniger arbeiteten bzw. gearbeitet hatten.


Auf ökonomischer Ebene erzeuge der Arbeitswahn dann folgerichtig eine Überproduktion von Waren, die infolge von gesättigten Arbeitsmärkten immer wieder zu wirtschaftlichen Krisen führten, die wiederum jene Arbeiter ins Elend stürzten, die ja gerade die Überproduktion herbeigeführt hatten. Dieser Umstand sei jenen „natürlich“ nicht bewusst. Zudem fordere die Überproduktion die Bereitstellung zusätzlicher Absatzmärkte auf globaler Ebenen und befördere den militärischen Imperialismus.

Das Proletariat hätte die Macht, das Joch der Unterdrückung abzuwerfen; zunächst müsste es jedoch die christliche, ökonomische und liberalistische Moral abwerfen. Nicht das Recht auf Arbeit, sondern das Recht auf Faulheit müsse ausgerufen werden. Die Arbeit solle auf drei Stunden täglich reduziert werden, so dass die Menschen in der restlichen Zeit der Muße und menschlichen Leidenschaften frönen könnten. Leider sei die arbeitende Bevölkerung duch die Moralprediger der Arbeit vollständig „versimpelt“, denn sogar bourgeoise Fabrikanten oder die englische aristokratische Regierung hätten verstanden, dass längere Arbeitszeiten nicht unbedingt wirschaftlicher seinen (in England wurde die Arbeitszeit gesetzlich auf 10 Stunden limitiert und kontrolliert).

Vorbildhaft gelten Lafargue die Amerikaner, welche sich die Maschinen nutzbar machen, um ihre Arbeit zu erleichtern und zu verringern. Und schon Aristoteles träumte von Webmaschinen, die selbsttätig arbeiten, so dass sich die Menschen mit dieser niederen Tätigkeit nicht mehr abgeben müssten. Die Industrialisierung mit ihrer fortschreitenden Automatisierung könnte Aristoteles wahrgewordener Traum sein, doch „bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei“ .

1
L.-R. Villermé: „Ein Bild vom körperlichen und moralischen Zustand

der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und Seidenfabriken“,
zitiert in: Paul Lafargue, „„Das Recht auf Faulheit“

Den Text in voller Länge finden Sie hier

Montag, 18. Oktober 2010

JANE AUSTEN FIGHT CLUB

Vor einigen Jahren las ich in einem Frauenmagazin (Sie wissen schon, wo so Diät-Tipps drin sind, und Rezepte, und dramatische Promistories) einen kurzen Artikel über Sandra Bullock. Darin äußerte sie den Wunsch, dass Frauen sich öfter mal prügeln und miteinander raufen sollten. Männer würden das ja auch tun. Das gefiel mir. Nun wäre ich eher fürs Raufen, denn beim Prügeln werden einem eventuell Zähne ausgeschlagen, und man bekommt was auf die Nase, was sehr schmerzhaft ist. Blaue Flecken hingegen fände ich nicht so schlimm.

"I want you to hit me as hard as you can!"


Nun sehen wir ja in Film und Fernsehen schon seit geraumer Zeit mehr und mehr prügelnde Frauen, die dies berufsmäßig tun, und denen das sichtlich Spaß macht. Ich denke nur an Tomb Raider, KILL BILL oder an das Remake von "Charlies Angels". Und ich muss gestehen, schon das reine Zuschauen bereitet mir große Freude. "Katharsis" nennt man sowas wohl, also dass man sich durch das reine Betrachten abreagiert und von aggressiven Anfällen "reinigt".


Männliche Mitmenschen haben an kathartischem Material traditioneller etwas mehr Auswahl. Irgendjemand scheint offenbar noch immer der Ansicht zu sein, dass Aggression und Gewalt eher Teil der "männlichen" als der "weiblichen Natur" sei (Was letzteres, das mit der "Natur", sein soll, weiß ich auch nicht so recht). Die Milliarden von "Rambos", "Stirb Langsams" und weiß ich was kann und will ich hier nicht aufzählen. Oder den Film "Fight Club", in dem sich Herren zum Spaß heimlich treffen und sich schlagen ...

Aber: die Zeit steht nicht still. Und somit möchte ich Ihnen präsentieren:

den JANE AUSTEN FIGHT CLUB.

Viel Spaß dabei, meine Damen. Und Herren. Und alle anderen.