Sonntag, 24. Oktober 2010

Paul Lafargue DAS RECHT AUF FAULHEIT



1883, Wochenzeitschrift L‘Egalité


(Paul Lafargue, 1842–1911, französischer Sozialist, Mitbegründer der ersten marxistischen Partei Frankreichs, Ehemann von Karl Marx’ Tochter Laura)

Die „Bourgeoisie“ hat in ihrer Entwicklung einen beträchtlichen Gesinnungswandel durchlaufen: vormals, während ihres Kampfes gegen den Adel und die Kirche wurden freie Forschung und Atheismus von ihr noch ideologisch unterstützt. Dies änderte sich jedoch, als sie selbst zur dominierenden Klasse aufgestiegen war: nun predigte die Bourgeoisie dem Proletariat Enthaltsamkeit, Arbeitsamkeit und mithin die Unterdrückung jeglicher freier Gedanken. Das Proletariat wiederum habe sich vom Dogma der Arbeit regelrecht verführen lassen.

Der französische Sozialist Paul Lafargue spricht von einer seltsamen Sucht nach Arbeit, welche letztere er als „Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung“ bezeichnet, und: „Alles individuelle Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit“. Er verweist auf gegenwärtige Kulturen, wie etwa Spanien, oder auf die griechische Antike, wo man allgemein der Arbeit skeptisch oder gar verächtlich gegenüber stehe bzw. stand; und selbst Jesus Christus propagiere in der Bergpredigt die Muße. In der Gegenwart komme der Arbeit nun ein geradezu religiöser Status zu, den die Proletarier verinnerlicht hätten, dabei sei doch „zügellose Arbeit“ die „schrecklichste Geißel (...), welche je die Menschheit getroffen“.

Bei der Beschreibung der Zustände verfällt Lafargue des öfteren in einen sarkastischen Tonfall: „Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körpern überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: ,Lieber Herr Cahgot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!‘“ oder verwendet eine sehr bildhafte Sprache: „Das kapitalistische Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht und kahlem Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener Haut, liegt schläfrig und gähnend mt glanzlosen Augen auf einem Sofa hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske, mechanisch Männer, Frauen und Kinder ...

Die französischen Produktionsstätten des 19. Jahrhunderts werden von Lafargue mit Zuchthäusern verglichen, wo selbst Kinder zu 12 bis 14-stündigen Arbeitstagen gezwungen werden. In drastischen Bilder und Augenzeugenberichten beschreibt Lafargue die prekäre Situation der Arbeiter, die von den fürchterlichsten Entbehrungen geprägt ist:
... Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk Oberrhein leben, ist so groß, dass während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute, Werkdirektoren ungefähr 50% der Kinder das 21. Lebensjahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnerei­arbeiter bereits vor vollendetem zweiten Lebensjahr stirbt (---) Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und man halst diesselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf ...“ 1

Derselbe Dr. Villermé, von dem vorangegangenes Zitat stammt, wird von Lafargue zitiert, dass selbst Zuchthaussträflinge und die Sklaven auf den Antillen weniger arbeiteten bzw. gearbeitet hatten.


Auf ökonomischer Ebene erzeuge der Arbeitswahn dann folgerichtig eine Überproduktion von Waren, die infolge von gesättigten Arbeitsmärkten immer wieder zu wirtschaftlichen Krisen führten, die wiederum jene Arbeiter ins Elend stürzten, die ja gerade die Überproduktion herbeigeführt hatten. Dieser Umstand sei jenen „natürlich“ nicht bewusst. Zudem fordere die Überproduktion die Bereitstellung zusätzlicher Absatzmärkte auf globaler Ebenen und befördere den militärischen Imperialismus.

Das Proletariat hätte die Macht, das Joch der Unterdrückung abzuwerfen; zunächst müsste es jedoch die christliche, ökonomische und liberalistische Moral abwerfen. Nicht das Recht auf Arbeit, sondern das Recht auf Faulheit müsse ausgerufen werden. Die Arbeit solle auf drei Stunden täglich reduziert werden, so dass die Menschen in der restlichen Zeit der Muße und menschlichen Leidenschaften frönen könnten. Leider sei die arbeitende Bevölkerung duch die Moralprediger der Arbeit vollständig „versimpelt“, denn sogar bourgeoise Fabrikanten oder die englische aristokratische Regierung hätten verstanden, dass längere Arbeitszeiten nicht unbedingt wirschaftlicher seinen (in England wurde die Arbeitszeit gesetzlich auf 10 Stunden limitiert und kontrolliert).

Vorbildhaft gelten Lafargue die Amerikaner, welche sich die Maschinen nutzbar machen, um ihre Arbeit zu erleichtern und zu verringern. Und schon Aristoteles träumte von Webmaschinen, die selbsttätig arbeiten, so dass sich die Menschen mit dieser niederen Tätigkeit nicht mehr abgeben müssten. Die Industrialisierung mit ihrer fortschreitenden Automatisierung könnte Aristoteles wahrgewordener Traum sein, doch „bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei“ .

1
L.-R. Villermé: „Ein Bild vom körperlichen und moralischen Zustand

der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und Seidenfabriken“,
zitiert in: Paul Lafargue, „„Das Recht auf Faulheit“

Den Text in voller Länge finden Sie hier

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