Montag, 26. August 2013

OUT OF TIME - der karnische höhenweg - ETAPPE 4

SAMSTAG : 27. Juli 2013


ETAPPE 4

Von der  Filmoor/Standschützen-Hütte zur Neue-Porze-Hütte (ca. 3 1/2 h)
mit Umweg über SONNENAUFGANG AM FUSSE DES GROSSEN KINIGAT



Um 4 Uhr morgens bimmelt der Handy-Wecker. Ich stehe auf, wie ein Automat, wir schleichen uns aus dem Schlafraum, um niemanden zu wecken, ziehen uns unsere Klamotten an und stapfen in die Nacht hinaus. Es ist dunkel, der Mond scheint milde. Und ich fühle mich halb bewusstlos.

... Wir steigen im Mondlicht ca. 1/2 Stunde den Pfad zur Kinigat-Südwand hinauf, dann fängt der schmale Steig über ein Schotterfeld an. Ich fühle mich zittrig und nach einer Viertelstunde, als der Steig immer schmäler, abgeschrägter und steiler wird, merke ich, wie ich ängstlich werde. Ich bin nicht sicher auf den Beinen, und dieses Schotterfeld möchte ich nicht runtersegeln. Ich rufe Ru. zu, dass ich lieber hier unten den Sonnenaufgang erwarte.

Ich drehe mich langsam, mit weichen Beinen, auf dem Steig um und hocke mich erst einmal einige Minuten hin. Es wird besser. Ich gehe langsam den Steig hinab, bis ich wieder "festen Boden", sprich Almen-Wiesen unter den Füßen habe. Von hier sieht man auch alles, die Dolomiten auf der italienischen Südseite, in der Ferne blinkende Lichter italienischer Orte, noch im Schlaf versunken. Es dämmert langsam, im Osten wird es schon hell. Ich laufe ein wenig umher, zwischen Grenzsteinen herum. Es ist alles sehr unwirklich. Ich esse zwei "Power-Bars".

Und gegen 5:45 kommt sie, die Sonne. Mein erster Sonnenaufgang in den Bergen. Die grünen Alm-Matten werden in zartgoldenes Licht getaucht.

Ich gehe irgendwann zurück zur Hütte. Es ist alles noch ruhig und ich setze mich auf die Hüttenbank in die Sonne. Etwas später gesellt sich die italienische Frau dazu, und ich schaffe es, einige Worte auf italienisch mit ihr zu wechseln (was mich ungemein freut!). Meine Freundinnen seien auf den Berg gestiegen, mir jedoch sei der Weg zu steil ("ripido") gewesen, da ich etwas Höhenangst  ("paura") hätte. Sie versteht das, bei ihr sei es genau so.

Später kommen die beiden anderen wohlbehalten zurück. Wir frühstücken. Ich lege mich nochmal hin, und wache dann gegen 9:00 morgens wieder auf (hier auf dieser Hütte darf man sich auch mal am hellichten Tag hinlegen, die sind nicht so streng. Sehr schön!).

Es ist ein sonderbares Gefühl, das Zeitempfinden ändert sich, wenn man so früh aufsteht.
Ru. und ich gehen dann irgendwann los, Richtung Neue Porze Hütte, den Normalweg (Ra. hat's gepackt, sie nimmt einen Klettersteig, der auch zur nächsten Hütte führt).

Ru. und ich steigen erstmal hinab, in einen Talkessel zum Oberen Stuckensee. Und ich merke meine Knie. Und verwende brav meine Wanderstöcke zum abstützen. Das Alter! Unten am See muss ich unbedingt ins eiskalte Wasser hineinsteigen, das Eintauchen spare ich mir. Dann geht es wieder HINAUF, dann eine Zeitlang entlang auf der Höhe. Man sieht die Neue-Porze-Hütte an, aber der Weg zieht sich, geht dann natürlich wieder HINAB (ein Stücklein ist sogar seilversichert, aber nicht beängstigend.) Bloß die Knie!

Wir erreichen die Neue-Porze-Hütte, die eher einem Ausflugslokal ähnelt, da sie via einen Fahrweg erreichbar ist. Hier sitzen dann auch gelanweilte Teenager mit ihren Familien herum, oder Mountain-Biker. Ein großer Gegensatz zur Hütte davor. Beim Mittagessen unterhalten wir uns mit einem österreichischen Politik-Studenten, was ich sehr interessant finde. Schließlich kommt die Hälfte meiner Vorfahren auch aus diesem Lande ...

Etwas später triftt auch Ra. ein, und ich bin erleichtert, man weiß ja nie ...
Im Betten-Lager lerne ich Marilen aus der Schweiz kennen. Sie ist alleine unterwegs, und ich bin furchtbar beeindruckt. Vor allem auch, weil sie aus der anderen Richtung kommt, also die mindestens 8-stündige, so genannte "Königs-Etappe" gerade hinter sich hat. 

Beim Abendessen sitzen wir dann alle beisammen, und es hat sich noch eine Allein-Wanderin, Gabriele aus Göttingen zu uns gesellt. Ich finde das ungeheuer motivierend, dass die da machen und freue mich. Ein Gewitter schaut auch noch vorbei.





So um 5:00 Uhr morgens: Blick nach Süden/Italien 
So um Halb 6 Uhr morgens. Rechts oberhalb der Steig zum Kinigat.

Sonnenaufgang.



Jetzt ist es vermutlich schon 6:30.

Mal so dazwischen: was alles in einen Wanderrucksack passt. 
Blick zurück auf den Kinigat.


So halblinks geht es da hinunter ins Leitner Tal. Dann da rechts wieder auf den Heretriegel hinauf.

Das Wasser ist sehr kalt: der Obere Stuckensee aus der Nähe.



Auf dem Weg zur Neuen-Porze-Hütte. Sieht gefährlich aus, ist es aber nicht.

Die Neue-Porze-Hütte. Hier treffen sich Flachland und Alpine Welt.

UFO-Wolken.

Das Gewitter naht.



FORTSETZUNG FOLGT.

Montag, 19. August 2013

OUT OF TIME - der karnische höhenweg - ETAPPE 3


FREITAG 26. Juli 2013


ETAPPE 3

Von der Obstanser-See-Hütte zur Filmoor/Standschützen-Hütte (ca. 3 1/2 h)


Die Etappe heute ist nicht so lang, da wir sie, entgegen der meisten Wandernden, in zwei Teile geteilt haben: wir möchten auf der Filmoor-Hütte, welche von den meisten links liegen gelassen wird, übernachten. Da haben wir vorher noch Zeit, eine Eishöhle in der Nähe der Obstanser-See-Hütte aufzusuchen.

... Im Morgenlicht geht es durch Wiesen und duftige Matten ein Stück hinab. Soviele Blumen, auch Gelber Enzian findet sich. Der Winter war lang, daher blühen viele Blumen erst verspätet und die anderen Pflanzen drängeln schon hinterher.

... Ich traue mich dann doch nicht zur Eishöhle, denn davor wird der Hang, an dem der Wiesenpfad entlangführt, irgendwie sehr schmal und abschüssig. Ich bekomme Angst. Ich warte lieber oberhalb an einer Wiese. Jetzt fängst auch noch an zu nieseln. Es hört jedoch alsbald wieder auf, und die anderen kommen wohlbehalten zurückgestiegen. Noch eine Kaffee-Paus, dann steigen wir den gerölligen, mit Schneefeldern durchsetzten Kessel hinter der Hütte hinauf bis auf den Kamm, über den Gipfel der Pfannspitze ("Cima Vanscuro", 2678m). 

Unterhalb des Großen Kinigat ("Monte Cavallino") quert der Weg ein Geröllfeld. Ich erspähe Tiere. Gämsen, wenn nicht gar Steinböcke. Nein, es sind wackere Bergziegen. Ra. nimmt währenddessen den Steig auf den Gipfel des Kinigats. Ru. schlägt vor, dies am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang auch zu tun, und diese Idee finde ich auch gut in meinem Übermut. 

... wir steigen dann ab zur Filmoorhütte (2350m). Sie sieht eher wie eine Alm aus, mit tibetischen Gebetsfähnchen. Wir treffen hier nochmal auf Ra.s Bekannte; die aber noch weitermüssen, zur nächsten Hütte. Wir bleiben hier, schön. Die Hütte hat ein extra Holzgebäude mit einem recht großen, hohen Schlaf-Lagerraum. Und großen Regalen! Ein Traum!

... In der Nähe gibt es am Bach eine kleine natürliche "Wanne", da gehen wir auch gleich hin, und mittlerweile bin sogar ich nicht zu bremsen, in 10 Grad kaltes Wasser zu tauchen, wenn auch nur kurz. Man gewöhnt sich ja an vieles.

... Abends gibt es ein fulminantes Gewitter. Wo vorher eine ausgetrocknete Rinne war, rauscht am Fuße des Kinigat nun ein Bach entlang ... die Hütte wirkt sehr familiär. Außer uns: eine italienische Familie mit einem 10jährigen Buben, und diverse Freund*innen der Hütte. Auf der Karte steirische Spezialitäten. Im Regal große Glasflaschen mit selbstgebrannten Schnapps, Enzian, Zirben und so weiter. ... und um 21:00 heißt es dann für uns Nachruhe. Wir wollen schließlich um 4 Uhr (VIER UHR) aufstehen. Allora, Buona Notte.


Unser gesamtes Gepäck (*SCHERZ!!!*)

Am Steig zur Eishöhle.

Schnee-Kessel unterhalb des Roßköpftörls.

Gelber Enzian.

Der Roßkopf (2603m).

Wieder auf dem Kamm, Blick nach Süden in die italienischen Dolomiten.

Jaus'n am Gipfel der Pfannspitze.

Sieht ganz schön, äh, schroff aus. Dieser schmale Pfad auf dem Kamm.
Sieht von weitem allerdings schlimmer aus, als es ist.

Schnee-Schafe.

Schnee-Reste von letzten Winter. Von neulich also.

Eine Gämse.

Der Normal-Weg, für Wander*innen wie mich.



Die Wand des Großen Kinigat.

Steinbock. NOT!

Dramatischer Blick zurück.

Italienische Almen.

Links unten der Pfad, wo wir herkämen.
Oberhalb rechts der Pfad auf den Gipfel des Kinigat.


Diese Berge sehen von jeder Seite anders aus.
Und die Filmoor-Hütte!

Gösser.

Pünktlich wie jeden Tag: Nachmittags Wolken ...

... heute mit Gewitter/Sturzbächen.




FORTSETZUNG FOLGT.

Sonntag, 18. August 2013

OUT OF TIME - der karnische höhenweg - ETAPPE 2

DONNERSTAG 25. Juli 2013

ETAPPE 2


Von der Sillianer Hütte zur Obstanser-See-Hütte (ca. 4 1/2 h)


Die erste kurze Nacht auf einer Hütte. Ich stehe früh auf. Alle stehen früh auf. Liegenbleiben geht irgendwie eh nicht. Das Frühstück gibt es halb 8. Außerdem: ist draußen schönes Wetter. Ein strahlend blauer Himmel. Aller Nebel hat sich verzogen, unten im Tale ballen sich wattige Wolken. Es ist eine andere Welt.

Der Weg geht von nun an über den karnischen Kamm nach Osten. Gleich anfangs kommen ein, zwei schmale Stellen an einem Steilhang. Da ich etwas Höhenangst habe, sind diese mir nicht geheuer, wenn auch kein Problem dann ... 
Wir passieren auch gleich mehrere verfallene Befestigungen aus dem 1. Weltkrieg. Damals, als unsere Vorfahren meinten, sie müssten "ihre Heimat verteidigen". 

Wir laufen die ganze Zeit auf der italienisch-österreichischen Grenze entlang. Der Karnische Kamm markiert außerdem die tektonische Plattengrenze zwischen Afrika und Europa.

Dort unten liegt dann, in einem Kessel, der Obstanser See. Daneben, klein, die Hütte. Hinab ist es nochmals ziemlich steil. Höhenwege gehen nämlich mitnichten immer auf einer Höhe entlang ...

Wir schnapsen uns im Betten-Lager die angenehmsten Plätze: Drei Einzelplätze im Stockbett. Will heißen: niemand links und rechts neben einer. Es soll dies das letzte Mal bleiben in den nächsten Tagen ...

Abends: blättern im "Rother Wanderführer". Mir graust so sehr vor der "Königs-Etappe", die am Sonntag dran ist (mind. 8 Stunden reine Gehzeit! nicht einfach!), dass ich mich entschließe: ich gehe die Alternative, den „Alm-Weg“ auf der italienischen Seite. Der ist zwar sogar eine Stunde länger, aber einfach. Da hier immer genügend Menschen unterwegs sind, ist es auch kein Problem, sich mal zu trennen. Ra. will mich überzeugen, doch die "Königs-Etappe" zu gehen, aber ich will einfach nicht. Ru. hat sich noch nicht entschieden. 

Ich selber bin erleichtert. Ich bin doch zum Vergnügen hier!



Hüttenhund
Die Sextener Dolomiten morgens um 7:00.
Unter den Wattebäuschen: Italien.
Eine Befestigung aus dem 1. Weltkrieg.
Heute heißt dieser Höhenweg auch "Friedensweg".




Ein kleiner See am Wegesrand. Schneereste.





Der Obstanser See in Sicht.


Heute luxuriös: Einzelne Bettstätten links und hinten.
Zur Rechten das "normale Bettenlager"

Dieses Wasser ist sehr kalt. Sehr kalt.


FORTSETZUNG FOLGT.