Donnerstag, 29. April 2010

KREATIV-PROGRAMM:
der Papst in Großbritannien

Papst Benedikt XVI wird im September Großbritannien besuchen. Diesbezüglich hatte sich unlängst ein junger Regierungsbeamter ein kreatives Besuchs-Programm ausgedacht. 

Laut des Memos, welches, gleichwohl nicht zur Veröffentlichung gedacht, mittlerweile doch via SUNDAY TELEGRAPH das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte, wurden folgende Aktivitäten vorgeschlagen: Der Besuch einer Abtreibungsklinik. Die Segnung einer Homo-Ehe. "Benedikt"- Kondome. Ein Duett mit der Queen.


Wir finden: originelle und schöne Ideen. Die britische Regierung und namentlich Außenminister David Milibrand zeigten sich eigenartigerweise weniger begeistert, und reagierten entsetzt. Dem Vatikan wurde bereits das Bedauern der britischen Regierung ausgedrückt.


In der Downing Street ist man sich offenbar einig, dass besagter Regierungsbeamter den Papst mit seinen Vorschlägen beleidigt hat. Woran die britische Regierung allerdings keinen Gedanken verschwendet hat, ist die Tatsache, dass sie mit ihrer Reaktion ebenfalls Menschen beleidigt hat: Frauen, die abgetrieben haben. Homosexuelle Menschen. Denn die Vorschläge in dem Memo sind nicht beleidigend. Sie sind entlarvend.


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Mehr Lesen: Außenminister entschuldigt sich für Papst-Witz-Memo

Montag, 26. April 2010

ERDBEBEN, die neuesten Erkenntnisse oder: "Boob Quake", heute, 25. April


Sie dachten bisher, Erdeben wären die Folge plattentektonischer Verschiebungen?
Aus der iranischen Hauptstadt erreichen uns ganz neue Erkenntnisse, nämlich die des Teheraner Gebetschefs Hoyatoseslam Kazem Sedighi: “Viele Frauen, die sich nicht bescheiden kleiden, verführen junge Männer, korrumpieren ihre Enthaltsamkeit und verbreiten Ehebruch in der Gesellschaft … Dies führt zu Erdbeben." (aus: Women to blame for earthquakes, says Iran cleric)


Hätten Sie`s gewusst? Wir auch nicht. Die US-amerikanische Bloggerin Jen McCreight möchte nun die Probe aufs Exempel machen: "Im Namen der Wissenschaft will sie am Montag, den 26. April ihr weitestes Dekolleté tragen – und wenn genügend Frauen mitmachen, wackelt vielleicht die Erde" (aus: Mädchenmannschaft)

----> "BOOB QUAKE": KONTAKT auf FACEBOOK

Samstag, 24. April 2010

SEXISMUS - ach, da steh' ich doch drüber ...

Folgende Geschichte kam uns gestern zu Ohren:

Eine Frau, nennen wir sie Karla, arbeitet in einer Marketing-Agentur. Sie recherchiert nach Werbemotiven für eine bekannte deutsche Automarke. Sie findet dieses Anzeigenmotiv: acht sich zugewandte weibliche Brüste; in der Mitte der Text "8 airbags".

Karla ist konsterniert; diese Werbung ist ziemlich blöd und sexistisch. "Mit-Frauenkörpern-Autos verkaufen", wie reaktionär und altbacken ist das denn? Und welche Kreativen und Grafiker geben sich dazu her, solchen Schund zu gestalten? Sie zeigt es ihrer Kollegin und regt sich auf. Diese antwortet beschwichtigend: ”Na, Du bist aber streng!"

Genau, Karla, sei doch nicht so streng und verbissen! So ein bisschen Sexismus, da stehen wir doch drüber! Ist bestimmt ironisch gemeint! Wir sind doch heute alle schon gleichberechtigt. Bist wohl eine Feministin, was (zwinker!).

(/ironie aus)

Wir stellen uns nun die Frage:
WIESO wagen es viele Frauen nicht, diese und ähnliche Sexismen anzusprechen. Oder sich als Feministin zu bezeichnen? Fürchten sie, als verhärmt und verbiestert zu gelten? Oder als „unweiblich“? Sind wir doch noch nicht so weit?

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Zum Weiterlesen: LOUD AND PROUD und OHNE WENN UND ABER

Nachtrag:
Karla hat die ganze Geschichte in ihrem Blog veröffentlicht. Und sah sich, nicht zum ersten Mal, einer Flut von unqualifizierten Kommentaren ausgesetzt. Entnervt löschte sie den Blog nach einem Tag. Wir können das verstehen. Und ärgern uns.


- - -> Zum Weiterlesen: MÄDCHENMANNSCHAFT und BESSERWISSER



MINIFEST


RE : POST 05



VORLÄUFIGES MINIFEST der Gruppe MINISALOON

01_ Kunst ist geistige und gesellschaftliche Grundversorgung
+ Wer nur die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt, verkümmert und vegetiert
+ Kunst hat keinen eindeutigen Zweck, wohl aber eine Funktion

Die allgemeinmenschliche Leidenschaft zur Kreation ist die Grundlage für eine Selbsterkenntnis, an der auch andere partizipieren

02_Kunstschaffende leisten Wichtiges für die Gesellschaft
+ Kunstschaffende haben Vorahnungen möglicher gesellschaftlicher Entwicklungen
+ Sie setzen eigene und kollektive Erfahrungen durch bewusste bzw. intuitive Methoden in Verhältnis zueinander
+ Sie tragen dazu bei, alternative Wege zur weiteren Entwicklung unserer Zukunft zu schaffen
+ Kunst ist keine Handelsware, aber dennoch notwendiges, gesellschaftliches Investitionsgut
+ Kunst arbeitet subjektiv, denn Objektivität ist lediglich ein erfundenes Konstrukt zur Machtausübung

03_Das, was Kunstschaffende tun, ist Arbeit
+ Kunstschaffende arbeiten sehr hart und viel
+ Sie müssen sich ihre Aufgaben selbst stellen
+ Sie müssen ihr Alltagsleben täglich selber organisieren
+ Die künstlerische Vorarbeit ist die eigentliche Hauptarbeit
+ Geistige und kreative Arbeit ist oftmals schwerer als körperliche Arbeit; sie ist bloß unsichtbar und schwer messbar

Kunstschaffende werden sich nicht mehr rechtfertigen

04_Kunstschaffende fordern Öffentlichkeit und gesellschaftliche Anerkennung
+ Armut adelt nicht
+ Finanzielle Sorgen unterhöhlen ein gesundes Selbstvertrauen
+ Finanzielle Sorgen lähmen künstlerische Kreativität
+ Selbstausbeutung ist asozial, weil sie ausbeuterische Strukturen unterstützt
+ Mit adäquaten Geldmitteln kann man wichtige Dinge tun

Die freie Entwicklung von Kunstschaffenden ist ein Indikator für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft; daher ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ihnen ein angemessenes Einkommen bereitzustellen.

05_Kunstschaffende fordern gebührende finanzielle Honorierung


von: MINISALOON:
# TANIA LA G. # VERENA LA ARTISTA # LA VERO N.N. # GISELLA ASTEROIDE 352 # EVA APPLE [ MAI 2007 ]


DIE ANOTHER DAY


RE : POST 04

Mit "Die Another Day"/"Stirb an einem anderen Tag" ist im Herbst 2002 ein neues James-Bond-Abenteuer angelaufen, welches konservativen Männern, und Frauen, welche sich nicht als Feministinnen (igitt!) beschimpfen lassen wollen, nicht unbedingt gefallen mag: James Bond ist endlich eine FRAU, nämlich Halle Berry; und Titeldarsteller Pierce Brosnan gerät als James Bond erstmals an seine körperlichen und mentalen Grenzen. „Dies darf nicht sein!“, werden große Teile der wertkonservativen James-Bond-Fan-Gemeinde aufschreien, was an dieser Stelle aber ignoriert werden soll, um stattdessen auf die für James-Bond-Verhältnisse geradezu revolutionäre Charakterzeichnung der Figuren einzugehen.

Betrachten wir zunächst den Protagonisten: James Bond wird zu Beginn des Films in Nord-Korea interniert. Während Bonds Kopf in Gegenwart einer koreanischen Foltermeisterin in einem eiswassergefüllten Eimer verschwindet, beginnt der eigentliche, von Madonnas Song Die Another Day untermalte Vorspann, bei dem sich aus dem Eiswasser schemenhafte Frauenfiguren aus Eis und Feuer bilden, ganz „retro“ mit Bezug auf die 60er-Jahre-James-Bond-Streifen. Im Hintergrund dieser animierten Figuren sieht man immer wieder den bedauernswerten Bond, wie er auf brutale Weise geprügelt und gefoltert wird. Dieses als atmosphärische Einleitung in den aktuellen Film des Helden zu sehen, wirkt geradezu bedrückend.

In den folgenden Szenen begegnen wir Bond nach 14monatiger Haft, langhaarig und -bärtig, in zerschliessenem T-Shirt, schlechtester körperlicher Verfassung und in Erwartung der nahenden Exekution. Da der Film aber weitergehen muss, wird Bond gegen einen feindlichen Agenten an den „Westen“ ausgetauscht (es ist nicht einmal daran zu denken, dass Bond sich diesmal selbst befreit). Der ihn empfangende amerikanische Agent wird zur hämischen Bemerkung veranlasst, dass der Held auch schon besser ausgesehen habe. Man sollte nun erwarten, dass Bonds Heimkehr freudig erwartet werde, aber auch das ist nicht der Fall. „M“, seine Chefin, von der man mütterliche Sorge erwartet, artikuliert nichts dergleichen, stattdessen eröffnet sie Bond, dass dieser eigentlich nicht mehr zu gebrauchen sei, da er seine Mission nicht zu Ende gebracht habe, und niemand wissen könne, wieviel Informationen er unter Drogen und Folter preisgegeben habe.

Bond wird also zu Beginn des Films nicht nur sämtlicher Kompetenzen, sondern in jeder Hinsicht seiner Stärke und Macht beraubt. Auch in späteren Sequenzen des Films (Bond ist wieder frisch rasiert und hat im großen und ganzen zur gewohnten Omni-Potenz zurückgefunden) wird mit dem Protagonisten nicht gerade zimperlich umgegangen; sein Widersacher, Hauptschurke Gustav Graves (Toby Stephens), rühmt sich beispielsweise, die Schwächen anderer Menschen sofort zu durchschauen, und Bonds Schwäche seien eben Frauen; zu früheren Zeiten stand jedoch gerade das „Womanizing“ Bonds für männliche Stärke und Omnipotenz. Graves, ursprünglich ein koreanischer Generals-Sohn, der sich mittels einer Gen-Therapie eine neue Identität verschafft hat, erwähnt, dass er eben diese nach Bonds Vorbild gestaltet habe: „... diese Prahlerei, die groben Sprüche ...“. Der klassische Bond-Charakter wird hier durchweg in Frage gestellt und kann nicht mehr wirklich beeindrucken, woran auch die wie immer viel zu langen und unnötig aufwendigen Actionszenen und Verfolgungsjagden nichts ändern können. Bei Pierce Brosnans Bond muss man sich nicht mehr über reaktionäres Machotum ärgern, da es sich selbst überlebt und teilweise schon innerhalb des Films als Karikatur markiert wird, etwa wenn es die Fechtmeisterin eines mondänen Londoner Fechtclubs (Kurzauftritt: Madonna) dankend ablehnt, dem Zweikampf zwischen Bond und Graves beizuwohnen, da sie „keine Lust auf Machospielchen“ habe.

Die offensichtliche anfängliche Schwäche des Protagonisten gibt dem Bond-Charakter eine überraschend neue Qualität; die Bondfigur zeigt „menschliche“ Züge und wird dadurch geradezu sympathisch. Der Glamour, ein charakteristisches und schönes Element der Bond-Filme, scheint dahin zu sein; aber muss Glamour tatsächlich immer mit Machotum verbunden sein?

Für den Glamour sorgen im aktuellen James-Bond, wie früher schon, die Frauen. Es ist dies jedoch kein ausschließlich dekorativer Glamour, der durch hübsche, aber passive Frauen repräsentiert würde; dieser Glamour zeichnet sich durch Schönheit, jedoch vor allem durch Stärke und Gelassenheit bis hin zur Skrupellosigkeit aus. Jinx (Halle Berry) verweist in ihrem glamourösen Anfangsauftritt auf den allerersten James-Bond-Film Dr. No; in Zeitlupe und angetan mit dem Bikini, den schon Ursula Andress in besagtem Film trug, entsteigt sie an einem kubanischen Sandstrand den Meeresfluten. Mit dieser Szene verbreitet sie absoluten Glamour und nimmt diesen gleichzeitig ironisch auf den Arm (Vgl. den Vorspann des Remakes von "Charlies Angels" (2001), wenn Cameron Diaz, Lucy Liu und Drew Barrymore in Zeitlupe ihre Haarpracht wallen lassen). Von ihrer Vorgängerin von 1963 hebt sich Jinx außerdem durch äußerst ,cooles‘ und in jeder Hinsicht zielsicheres Auftreten ab. Sie ist diejenige, die spontan ihrem Begehren nachgeht, die Initiative ergreift und Bond geradezu ,ins Bett zerrt‘, wozu dieser sich schnell überreden lässt; jedoch muss er sich dieses Mal mit dem passiven Part zufriedengeben.

Miranda Frost (Rosamund Pike), die Komplizin Graves’, ist, ganz sprechender Name, die kühle Blonde, die Bonds Annäherungsversuche schon abwehrt, ehe dieser überhaupt daran denken kann; auch wird ein intimes Verhältnis mit Fechtlehrerin Madonna impliziert; deren „Lesbisch-Sein“ wird lediglich durch begehrlichen Blickkontakt und Bemerkungen wie:„ ... Ist sie nicht entzückend?“ angedeutet. Mehr Spielraum bietet der Cameo-Auftritt Madonnas vor dem Hintergrund einer 100%igen Mainstream-Produktion dann doch nicht. In Anbetracht der zahlreichen sexuell vieldeutigen Videos der Popkünstlerin könnte man mutmaßen, die lesbische Komponente ihrer Rolle sei ihre eigene Idee gewesen. Frosts Charakter wiederum verweist schon durch den Namen auf das traditionelle Bild der ,kalten‘ und männerfeindlichen Frau (was absurderweise lange Zeit auch mit „Lesbe“ assoziiert wurde und noch immer wird); wenn Frost den Protagonisten später doch verführt, dann lediglich, um seine Schwäche für Frauen auszunutzen und ihn zu hintergehen: Sie stielt ihm den Revolver, was man als weiteren Potenzverlust deuten könnte.

Im Showdown liefern sich Frost und Jinx einen dramatischen Zweikampf über den Wolken, welchen Jinx für sich entscheidet, indem sie Frost ein Messer in die Brust stößt. Sie übersteht den Zweikampf sichtlich unangestrengter als ihr Kollege Bond (welcher sich zur gleichen Zeit mit dem Schurken Graves im tödlichen Clinch befindet) und kommentiert diese wie auch andere lebensbedrohliche Situationen mit geradezu zynischen Scherzen. In ihrer Souveränität und Skrupellosigkeit gleicht sie dem Urbild eines James Bond, während der eigentliche Protagonist mittlerweile manchmal reale Gefühle zeigen darf, etwa wenn er Jinx vor dem Ertrinkungs- und Kältetod rettet.

Jinx alias Halle Berry ist in diesem Film die eigentliche James-Bond-Figur, indem dieser Charakter alle ursprünglichen Bond-Charakterzüge übernimmt, während der Protagonist Mühe hat, seinen ,Status‘ zu halten; die einzige ihm verbleibende beeindruckende Eigenschaft ist sein beacht-liches Durchhaltevermögen.

Wie schon erwähnt, wurde schon in früheren Bond-Filmen versucht, der Hauptfigur etwas Psychologie und Emontionalität einzuhauchen, was jedoch beim Publikum selten ankam. Der aktuelle Film treibt die Demontierung der omnipotenten Männlichkeit (für James-Bond-Verhältnisse) sehr stark voran; maßgeblich sind dabei die Frauenrollen, welche sogenannte ,männliche‘ Charakteristika okkupieren und dadurch an Stärke und Präsenz zulegen. Es ist offenbar doch nicht mehr möglich, eine ungebrochene Darstellung von ,männlicher‘ Stärke und ,weiblicher‘ Passivität zu zeigen, und so zeigt selbst das Flaggschiff des reaktionären „Machotums“ mittlerweile zahlreiche Risse, in denen sich (stets innerhalb des Mainstreams) subversive Elemente ansiedeln können. Es ist anzunehmen, dass die Rezeption von Die Another Day sehr heterogen ausfallen wird, doch bietet möglicherweise gerade die kontroverse „Diskussion“ eines Mainstream-Produkts das Potential für Veränderungen. Wenn selbst James Bond und die Bond Girls sich verändern, scheint dies ein hoffnungsvoller Hinweis darauf zu sein, dass die bestehenden Geschlechterverhältnisse veränderbar sind.

aus: a bond is a bond is a bond
in: construction_area_ahead · Geschlechterkonstruktionen und ihre Reflektion in Kunst und Popkultur · Diplomarbeit 2003

„... DAMIT AUS KLEINEN JUNGEN GANZE KERLE WERDEN ...“

„... DAMIT AUS KLEINEN JUNGEN GANZE KERLE WERDEN!" ... dies die Überschrift einer Anzeige der Pharmafirma Aventis für Wirkstoffe zur Bekämpfung der Bluterkrankheit; aus kleinen Mädchen sollen dann wahrscheinlich entsprechend werden: ganze Kerlinnen? Starke Frauen? Gesunde Mütter? ... o.k. Schluss damit, also unser Thema: Gender.

Ziemliches Modethema, wenn Sie mich fragen, schon wieder jemand, der darüber sein Diplom schreibt, gähn. Und ist das nicht ohnehin ein alter Hut, heutzutage, wo jedem/ jeder unendlich viele Möglichkeiten offenstehen, wo jede/r sein kann, was er/sie möchte ... und die Geschlechtergrenzen, die sind ja auch schon sowas von aufgeweicht, ich weiß ja kaum noch, wer Männlein oder Weiblein ist, wenn ich durch Offenbachs Straßen schlendere ... wo bleiben denn da die ganzen schönen Unterschiede, da sind ja dann alle gleich zum Schluss ... und überhaupt, wir Frauen haben doch jetzt eigentlich alles erreicht, Angela Merkel wäre sogar fast Bundeskanzler-Kandidatin geworden, und in Afghanistan dürfen doch die Frauen jetzt wieder in die Schule gehen (wo das doch sogar noch ’ne andere Kultur ist und so), Hilary Clinton ist doch mittlwerweile bekannter als ihr Gatte (... bisschen unweiblich, na ja!) und George W. Bush hat sogar eine Frau als Sicherheitsberaterin, eine Schwarze auch noch; schade bloß, dass die so stockkonservativ ist, wo Frauen doch eigentlich immer viel reflektierter und klüger sind, und friedfertiger und was noch alles, und überhaupt die besseren Menschen

... und der Klügere gibt ja nach, gell, (mein Vater sagt ja immer, wenn die Klügeren nachgeben, regieren die Dummen die Welt ...) also, eigentlich wollen wir Frauen das auch alles gar nicht, immer diese ganze Macht und Verantwortung, buh! und Geld ist uns ja auch nicht so wichtig, da würden wir ja wie Männer werden, und da sei Gott vor! Männer sind ja eh so doof und wie kleine Kinder (süß!) ... aber die helfen jetzt ja auch schon mal im Haushalt; und 2–4% nehmen jetzt auch Vaterschaftsurlaub. Aber sich mit Schwangerschaftsverhütung auseinanderzusetzen, nee, also das kann man einem Mann halt nicht zumuten, warum auch, der bekommt ja das Kind nicht. Frauen bekommen die Kinder, ist halt so, na ja, und da hat man halt eine ganz andere Beziehung dazu, auch so körperlich, das ist halt schon schön, jedenfalls schöner als so eine stressige Karriere!

Leider gibt es ja noch nicht so viele gute Betreuungsmöglichkeiten in Deutschland, Ganztagsschulen und so, aber eigentlich Will Man Sich ja auch selbst kümmern und das Kleine nicht zu wildfremden Leuten geben! Na, ja, der Papa muss halt schon viel arbeiten, der hat ja auch schon einen ganz guten Job, sowas mit New Media und so, der bleibt auch schon mal ganz gerne länger in der Agentur. Anstrengend ist es halt schon, und stressig, aber es macht ja auch Spaß! Ich meine, man muss sich halt entscheiden, Kind oder Karriere, beides geht nicht, ist halt so!

Also, das wollen wir doch mal festhalten, da gibts schon ein paar Unterschiede, gell, das mit dem Kinderkriegen halt, oder will etwa jemand die biologischen Unterschiede anzweifeln, dann guckt doch mal hin, Mann und Frau sind halt unterschiedlich! Außerdem sind da ja auch noch die Hormone, die können einen auch ganz schön beeinflussen, so organisch, ohne dass man’s merkt! Und dann heißt es plötzlich wieder: in ein paar Jahren sind wir ja eh alle bisexuell und so

... wie gesagt, alles kein Thema mehr ... Ja, was denn jetzt? ... und was sagt eigentlich der bayerische Regent Edmund Stoiber zu solcher Ver-
wirrung? Stammt von ihm nicht der schöne Satz: „Wenn ich über steuer- und erbrechtliche Anerkennung von homosexuellen Paaren diskutiere, dann kann ich gleich über Teufelsanbetung diskutieren.“ Also, das war jetzt gar nicht nett, Herr Stoiber; sollten Sie der einzige in Deutschland sein, der noch nichts von diesem Gender-Kram gehört hat? Vermutlich!

... Polemik ist wunderbar, ich fühle mich gleich viel besser! Na, ja, soviel zum Lachen hat man auch nicht immer, obwohl das ja so gesund sein soll, und wir in einer Spaß-Gesellschaft leben, und so ... (Schlagworte sind einfach wunderbar!) ... Die Zeiten sind im Augenblick wohl eher reaktionär als revolutionär, und so viel hat sich da auch noch nicht aufgeweicht ... ich meine, eine Zeit, in der uns Verona Feldbusch oder „Destiny’s Child“ als weibliche „Role Models“ angedreht werden, hm ... oder vielleicht wird man mit den Jahren immer empfindlicher; „sensibler“ sollte ich lieber sagen, klingt wesentlich besser.

.. „Emanzipation“ muss man eben auch wollen; viele wollen das jedoch nicht. Dabei ist es dann letztlich egal, welchem „Geschlecht“ man angehört; und da hilft auch kein Gejammer!

.. Es wäre prima, wenn wir in ein paar Jahren alle „bisexuell“ wären; wenn es noch viele andere Familien-Formen gäbe außer der grundgesetzlich geschützten Vater-Mutter-2-Kinder-Variante; wenn es keine unsinnig-künstlichen Gegensätze mehr gäbe wie die von Natur-Kultur, Mann-Frau, Kind-oder-Karriere und das ganze Zeug; wenn einfach aus kleinen Kindern freie und erwachsene Menschen werden würden.

in:
"Alo Est Vera · gender/medien/kunst", Offenbach/Frankfurt a.M./Basel, 2004

A TRIP TO THE WESTFJORDS



RE : POST 02 (nochmals anlässlich des letzten Vulkan-Ausbruchs)

In Ísland gibt es eigentlich nur eine Stadt, nämlich Reykjavík. In und um die nördlichste Hauptstadt der Welt leben die Hälfte aller Einwohner des Landes, nämlich etwa 150.000 Menschen. Die nächstgrößeren Orte sind Hafnafjördur, nicht weit von Reykjavik, und Akureyri in Norden, mit jeweils mehreren tausend Einwohnern.

Die Innenstadt Reykjaviks wird markiert von der Hauptstraße Laugavegur, welche sich zwischen den beiden Busbahnhöfen Hlemmur und Lækjatorg erstreckt. Alles in allem hat man die „downtown“ mit ihren hübschen Häusern, Geschäften und Kneipen an einem Vormittag abgelaufen. Läuft man die Hauptstraße entlang, und blickt die zur Bucht herabführenden Seitenstraßen hinunter, trifft einen dann und wann der Ausblick wie ein kleiner Schock: Auf der anderen Seite der „Rauchbucht” erhebt sich das Massiv der Esja, des Hausbergs Reykjavíks, manchmal nebelverhangen und manches Mal im gleißenden Sonnenlicht, und sofort möchte man hinaus, hin zu diesen weiten Bergen, endlich hinaus in diese „Natur“.

Also gilt es zunächst ein Auto mieten. Man möchte sich wundern über die netten, kleinen Stadtautos, mit denen man durch die wilde Landschaft fahren soll. Immerhin haben sie alle Spikes an den Reifen. Für einen Jeep reicht das Reise-Budget dann doch nicht. Bei der Autovermietung erhält man den Hinweis, dass sich, beispielsweise auf der Halbinsel Snæffelsnes, Steine auf der Straße befänden. Zu diesem Zeitpunkt ahnt die arglose Touristin noch nicht, dass überhaupt nur 30% der ísländischen Straßen asphaltiert sind. „Steine auf der Straße“ hat hier also eine andere Bedeutung als im idyllischen Mitteleuropa.

Ein Freitagmorgen Anfang April. In Reykjavik regnet es in Strömen, aber wir fahren dennoch los, denn man möchte ja endlich diese Metropole des Nordens verlassen und hinaus. Unser Ziel sind die Nordwestfjorde, ein besonders dünn besiedeltes Gebiet im Nordwesten Íslands. Zu dieser Jahreszeit sind die Straßen möglicherweise schon befahrbar. Wir fahren also los, auf die Ringstraße Nr. 1, Richtung Norden. Es regnet ohne Unterlass und die Landschaft ist nebelverhangen. Wir durchfahren den Tunnel, der unter dem Hvalfjördur (Walfjord) hindurch, an Akranes vorbeiführt.

Wir rasten in Borgarnes und fahren weiter, bis zum Abzweig der Straße Nr. 60 in Richtung Westfjorde. Gleich zu Anfang ist hier jedoch eine Baustelle, und ich bezweifle, dass unser Gefährt über die aufgewühlten, erdigen Löcher in der Straßendecke hinwegkommt, auch wenn mir der Baggerführer ermunternd zuwinkt. Hätten wir doch nur einen höhergelegtes Geländefahrzeug (mit dem verwegenen Namen „Arctic Truck“). Also wende ich zurück zur Ringstraße. Spontan müssen wir unsere Route variieren, den der Zugang zur Südküste der Westfjorde ist uns wohl versperrt. Also von der anderen, der Nordseite: wir fahren weiter nach Norden, es gießt immer noch vom Himmel, man sieht wenig von der Landschaft, aber es wird immer heller, und ich bin geblendet. Eine unwirkliche, gleißende Helligkeit umgibt uns, der Regen geht langsam in Schnee über. Nach einiger Zeit wieder eine Kreuzung: Rechts geht es nach Akureyri weiter, links in Richtung Westfjorde, diesmal entlang der Nordküste. Eine Tankstelle lädt uns wieder zum rasten ein, und wir können von drinnen die stürmische, verschneite Landschaft draußen beobachten; draußen hält man es ja gar nicht so lange aus, es ist schön schöner, im kuscheligen Auto einfach hindurch zufahren. Ísländische Tankstellen sind nicht nur zum Tanken da, sie sind auch kleine Supermärkte und Imbiss-Stationen. Meist scheinen sie die einzigen Stützpunkte der „Zivilisation“ zu sein, da sie im Gegensatz zu Gaststätten das ganze Jahr geöffnet haben, und dadurch möglicherweise der einzige gemeinsamen Treffpunkt der Einheimischen sind.

Ich frage den jungen Mann an der Imbiss-Theke, ob das „guesthouse“ in Holmavík um diese Jahreszeit geöffnet habe, und er greift sofort zum Telefon, um für mich dort anzurufen. Ja, es ist offen, und die Besitzerin würde uns erwarten. Ich bin einmal mehr gerührt ob der Unkompliziertheit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier. Wir Deutschen wundern uns ja stets, wenn uns in Dienstleistungseinrichtungen freundlich begegnet wird. Wie freundlich und unschuldig diese Ísländer sind, das hängt bestimmt wieder mit der Naturnähe zusammen. Tatsächlich hängt die pragmatische Hilfsbereitschaft vermutlich schlichtweg mit der Notwendigkeit zusammen, sich in einem noch immer relativ rauen und unwirtlichen Lebensumfeld gegenseitig zu helfen. Außerdem, bei so wenig Menschen kommt so schnell keine Stress auf. Wahrscheinlich freut man sich im Gegenteil über jede Begegnung, auch mit Fremden. Die Menschenleere muss auch der Grund sein für die große Zahl der Wortbeiträge im Radio; man ist erfreut über jede menschliche Stimme; wir Touristinnen jedoch weniger, da wir a) kein Wort verstehen und b) nur zwei Musik-Cassetten mit uns führen.

Nachdem uns versichert wurde, dass die Straße nach Holmavik ohne weiteres befahrbar sei, fahren wir weiter nach Nord-Westen. Immer noch Schnee, Wind und kaum Weitsicht. Wir fahren jetzt am Westufer des Hrútafjördur entlang. Die Straße ist streckenweise nicht asphaltiert und voller Schlaglöcher, welche man nur wenige Meter vorher erkennt. Man kann natürlich auch mitten durch die Löcher fahren, was einem jedoch weder die Mitfahrer noch die Reifen danken. Dafür hat man ein leicht schauriges Gefühl von Wildheit und Ausgesetzsein ... und natürlich immer das guesthouse, welches auf einen wartet. Die Straße 61 folgt dem Verlauf der Fjordküste, welche zweimal in kleinere Fjorde einschneidet. Man muss sie ausfahren; es dauert. Auto fahren kann auch entspannend sein. Man sieht noch immer wenig von der gewaltigen Landschaft, die so baumlos ist und so rauh, dass sie einem weit weg erscheint und nicht greifbar. Hin und wieder fährt man an kleinen Höfen und Weilern vorbei.

Schließlich Holmavík am Steingrimsfjördur: eine Tankstelle; einige Häuser, eine kleine Hauptstraße; ein Hafen; eine Gaststätte, Café Riis, um diese Jahreszeit leider noch geschlossen. Guesthouse Borgarbraut befindet sich an der Straße am Hang; ziemlich steil, die Straße bergauf, aber es ist nicht glatt, nur Schnee und Matsch, es geht gerade so. Wir sind im „guesthouse“ fast die einzigen Gäste, die Haustür ist nicht verschlossen. Noch ein Mann wohnt hier, der für einige Tage in HolmavÍk arbeitet. Meine Mitfahrerinnen kennen ihn flüchtig, es ist ebenfalls ein Kunststudent aus Reykjavík. Alles ist eben sehr klein hier. Das „guesthouse“: eine Küche und ein Wohnzimmer mit Ausblick auf die Fjordbucht. Und ein Fernseher: wir schalten ihn sofort an. Später machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den abendlichen Ort, sogar etwas hinaus. So, als würde man in einem hessischen Dorf ein Stück weit einen Feldweg hinauslaufen. Bloß dass an diesem entlegenen Ort leises Schauern und Respekt in einem hochsteigen. Denn Ísland hat etwas Außerirdisches und Entrücktes, als befände man sich auf einem anderen Planeten; oder als gäbe es hier eigentlich keine menschliche Zivilisation, die alles erschlossen hat, nur einige einzelne Punkte in der Landschaft, von denen man sich nicht allzusehr wegbewegen sollte. Außerdem gibt es ja noch die Sagengestalten, was, wenn man einfach weggezaubert oder in einen Felsen verwandelt würde. Alles Aberglaube, was aber eigentlich nicht wirklich bewiesen werden kann. Und der Ort Holmavík ist bekannt für Zauberei und Hexenkünste, welche Jahrhunderte lang in dieser entlegenen Gegend betrieben wurden. Uns passiert jedoch nichts, und da es dann doch dunkel wird, kehren wir um in unser „guesthouse“ und sind unglaublich müde.

Am nächsten Tag hat sich der Himmel geklärt. Es ist bedeckt, aber man sieht weit. Das Wasser des Fjords glänzt und am Horizont sindferne Bergketten zu sehen. Das Licht ist eigenartig. Wir fahren ein Stück in Richtung nördlicher Strandir-Küste. Auf die Frage nach dem Zustand der Straße lachen die Leute an der Tankstelle, und wir fühlen uns etwas wie dumme Touristinnen; was wir ja auch sind, immerhin haben wir gefragt. In Mitteleuropa müssen wir das nicht. Die Straße 643 ist nicht asphaltiert. Wir halten an. Erst ist es irgendwie nur still und windig, aber mit der Zeit wird uns das Geschrei der Seevögel bewusst, die in großen Gruppen auf dem Wasser schaukeln. „Friedvoll“ und „die-Seele-berührend“, solche auf dem schmalen Grad zu Kitsch und Pathos liegenden Begriffe, fallen mir zur Beschreibung ein; aber während wir am Ufer rasten, ist es eben genauso. Und fast zu groß. Man will es festhalten. Also photographieren für später, damit man es in aller Ruhe (zu Hause) verarbeiten kann; wohl wissend, dass man einmal mehr enttäuscht sein wird, da die Photos das Erlebte natürlich nicht einfangen können. Aber als Erinnerungsstücke können sie dennoch dienen, als „Links“, anhand derer man sich wieder in das damals erlebte Gefühl hineinversetzen kann.

Jetzt und hier am Fjord aber ist mal wieder alles viel zu „groß“; so schnell kann man es nicht aufnehmen, „verarbeiten“. Soviel Muße hat man dann doch nicht, um für zehn Minuten aus dem Auto zu steigen, und sich sofort in die Landschaft „hineinzuversetzen“. Es ist nur ein kurzes „Hineingucken“, Geist und Seele sind nicht ganz so schnell wie der materielle Körper, der sich mittels Auto auch auf Holperstraßen doch verhältnismäßig rasch fortbewegt. Und so treibt einen die Ungeduld dann doch dazu, weiterzufahren zum nächsten bewohnten Flecken mit der Hoffnung auf eine weitere Tankstelle und einen Kaffee. Vorher müssen wir doch noch einmal anhalten, denn am Straßenrand dampft es aus der Erde, zwischen Steinen und aus Ritzen unterhalb der Wasseroberfläche. Dampf und heißes Wasser aus der Erde geben der Landschaft eine eigentümliche und dramatische Aura der Belebtheit, gerade in dieser kargen Vegetation.

Aber wir wollen ja doch mal bald einen Kaffee trinken, denn, hm, „Natur“ kann auch ganz schön ungemütlich sein, bzw. ist nur in kleinen Portionen zu goutieren, jedenfalls für den gemeinen Mitteleuropäer. Also fahren wir weiter in den Weiler Drangsnes. Ein Café oder so was gibt es hier nicht, leider auch keine lebensspendende Tankstelle. Dafür aber basaltene Vogelfelsen; und in der Bucht liegt die Vogelinsel Grímsey. Wir steigen wieder aus, Fischerboote und Fischkadaver, Fischernetze. Wir krabbeln über glitschige Felsen unterhalb der von Vögeln besiedelten Felswände. Danach essen wir Kekse und Äpfel im Auto; und wagen es, weiter zu fahren, obwohl die Straße ja noch nicht so zuverlässig sein soll. Aber bis auf Schlaglöcher ist sie eigentlich in Ordnung. Im Innern der nächsten Bucht, dem kleinen Bjarnarfjördur, soll es ein Hotel geben, mit einer geothermalen Quelle. Die Landstraße vor uns wird jedoch immer aufgeweichter, und dann kommt diese Stelle. Noch zögern wir, ob unser tiefliegendes Stadtauto es schaffen wird, fahren langsam weiter. Das ist natürlich ein Fehler, denn prompt stecken wir fest. Die matschige Spurrinne ist zu tief. Zum Glück ist diese Gegend ja nicht völlig unbewohnt, und ein paar hundert Meter weiter sind einige Farmhäuser. Das Mobil-Telefon, das man ja eigentlich auch nur für Notfälle dabei hat, hat natürlich keinen Empfang. Aber das macht alles gar nichts, denn schon nähert sich mit rasender Geschwindigkeit ein Auto mit zwei Ísländern drin, die uns sofort und ohne wenig Aufhebens aus dem Schlamm ziehen. Wir können weiterfahren, mit der Versicherung, dass die weitere Straße auch für uns passierbar ist. Das „Im- Schlamm - steckenbleiben - und - von - Einheimischen - herausgezogen - werden“ scheint fester Bestandteil jeder Ísland-Touristen-Tour zu sein, etwas, das hauptsächlich passiert, um schon im Augenblick des Sich-Ereignens zur Anekdote für spätere Erzählungen zu gerinnen.

Später am Abend machen wir uns noch einmal auf, um den natürlichen geothermalen Pool aufzusuchen. Natürlich nehmen wir jetzt die andere Straße, über den Berg, wir kennen uns hier jetzt ja schon aus. Tatsächlich finden wir das Hotel Laugarhöll und daneben einen Swimming-Pool, der von einem Bächlein gespeist wird, das vom Berghang herunterfließt. Das Bächlein wiederum wird an verschiedenen Stellen mit Heißwasserzufuhr aus der Erde versorgt. Da gibt es dann auch ein kleines natürliches Becken. In einem heißen Becken liegen, während es draußen kalt ist und vielleicht schneit: der Gipfel der Entspannung, so einfach wäre es, niemals mehr gestresst zu sein. Hier, im Bjarnadalur, passen drei oder vier Leute hinein, z.b. die Handwerker, die sich an diesem Samstagabend mit einigen Dosen Bier einen netten Feierabend machen. Der ebenfalls anwesende Kunststudent erzählt uns, dass all diese Männer (wo sind eigentlich die Frauen?) sich schon seit ihrer Kindheit kennen. Ich stelle mir wieder einmal vor, wie es wäre, an einem Ort wie diesem aufgewachsen zu sein und zu leben. Die soziale Kontrolle muss eigentlich enorm sein. Und die Infrastruktur, wenn winters nicht einmal Gaststätten geöffnet haben (was tun die Menschen hier?). Die Landflucht, vor allem aus den Westfjorden, ist nach wie vor groß.

Das Hotel sieht auch ziemlich geschlossen aus. Es ist ja auch erst Anfang April. Zu dumm, dass diese „ Natur“ nicht von Natur aus mit Hütten, Cafés und so weiter ausgestattet ist. Durch ein Fenster sehen wir jedoch einen Fernseher laufen mit Bildern aus Bagdad, die sofort in die weltabgeschiedene Stille einbrechen. Am Abend gucken wir dann „Wayne’s World“ und danach einen Krankenhaus-Thriller, der in New York spielt.

Am nächsten Vormittag frühstücken wir in der Tankstelle leckere „Chicken Burger“, und fahren dann zurück Richtung Reykjavik, denn morgen früh geht mein Flugzeug nach Frankfurt, zu einer gottlosen Zeit. Das Wetter ist jetzt viel besser, man sieht viel weiter und es ist so atemberaubend groß und fern und schön. Die Fjorde mit den strahlend blauen Wassern, wenn die Sonne daraufscheint, umsäumt von Tafelbergen, die nach unten abstürzen. Gebleichte Wiesen und Moospolster, und keine Bäume, alles nur groß und karg und leer und fern. Berückend. Auf einer Bergkuppe halten wir an und steigen aus und der Wind ist so stark, dass man sich dagegenlehnen kann und vor Sauerstoff ganz aufgeputscht wird. Etwas weiter halten wir in der Nähe eines verfallenen Hauses. Es sieht aus wie das Haus in „Schiffsmeldungen“ von E. Annie Proulx. Später, auf der Ringstraße Nr. 1 nach Reykjavik, zieht es sich zu und regnet wieder in Strömen. Auch der Wind ist stark. Oben an den Berghängen wird das Wasser der vielen kleinen Wasserfälle in die Luft gewirbelt. Wir fahren jetzt nicht mehr durch den Tunnel, sondern um den Walfjord herum, und irgendwann sehen wir dann die Stadt wieder.

DER LUXUS, KÜNSTLERIN ZU SEIN: "AUFSTEHN"


RE : POST 01 (anlässlich des letzten Vulkan-Ausbruchs)

Es ist Dienstag der 15. März.
Heute Morgen bin ich um viertel vor zehn aufgestanden. Und bin froh, dass sich endlich wieder ein für mich einigermaßen normaler Tagesrhythmus einpendelt. So halb zehn, das ist wohl meine biologisch-adäquate Aufstehzeit. Die Tage davor war mein Tagesrhythmus leicht durcheinander. Letzte Woche wachte ich schon um halb Sieben auf und war hellwach; und noch die Woche zuvor wachte ich des Nächtens um fünf Uhr auf und mir gingen die Dinge, die ich noch erledigen muss, wie ein Mühlrad im Kopf herum. Eingeschlafen bin ich dann erst wieder drei Stunden später.


Grund dafür war ein Kunstprojekt in Offenbach, im "HAFEN 2", das ich zusammen mit Eva Weingärtner organisiert und veranstaltet habe. Das Thema war "Island", die "Insel aus Feuer und Eis". Ich muss jetzt immer lachen, wenn ich diesen Terminus höre, zum 1millionsten Mal. "Insel der Sentimentalen" ginge doch auch, wie unlängst im Frankfurter-Rundschau-Artikel über die „Elfen-Show“ des Berliner Künstlers Wolfgang Müller, Bestandteil unseres Kunstprojekts.

Island ist ja eigentlich ein Ort, wo man sich trefflich entspannen kann. Einfach ins örtliche Schwimmbad, sich in einen geothermal betriebenen "hot pot" legen und fertig. Es ist ein wenig widersinnig, dass man über eben diese Insel ein Kunstprojekt organisiert, das wie viele größere Projekte ganz schön in Stress ausarten kann.

Begonnen hatte ich mit der gedanklichen Planung schon im Frühjahr. Ich wollte immer mal mein Werk "Wildes Island" präsentieren, einen persönlichen, satirisch-authentischen (wie bitte?) Reiseführer. Meine Freundin Eva wollte auch gleich mitmachen bei der Organisation. Sie war 2003 in Island, ich 2001, beide als Exchange Students. Jetzt hieß es: einen passenden Veranstaltungsort suchen, wo man gleichermaßen Bildende Kunst, Performance, Abend-Events und Filme zeigen kann; und der uns zeigen will. In der Kunstszene, alles andere als liberal und demokratisch, gilt immer ganz schnell das "Von-Oben-Auswahl-Prinzip". Stets wird man vorgeschlagen, empfohlen, ausgewählt, kuratiert. Nur zu kleineren Off-Spaces kann man getrost hingehen und versuchen, seine Projekte an den Mann und die Frau zu bringen. Meist sind diese Orte ja auch sympathischer und inspirierender, weil etwas möglich ist, und weil das, was dort stattfindet, unverbrauchter und frischer ist. Meist muss man sehr viel selber machen (Einladungskarten, Presse), das ist nicht ohne. Aber man bekommt Übung darin (an dieser Stelle möchte ich "hallo" sagen zu den Leutchen vom "hinterconti", einem ebensolchen netten Ausstellungs-Ort in Hamburg).

Schließlich hatten wir einen Ort, den besagten "HAFEN 2". Dann ging es weiter mit: KünstlerInnen einladen ... Anträge auf finanzielle Förderung zu stellen (eine Wissenschaft für sich) ... sich ein konkretes Programm und Termine zu überlegen ... die Teilnehmenden bitten, ihre Ideen zu beschreiben und mitzuteilen ... von den Teilnehmenden Material für einen Folder eintreiben ... bei diversen, passend erscheinenden Institutionen anrufen und sich nach Fördermöglichkeiten erkundigen ... den Folder gestalten ... mit einzelnen KünstlerInnen Verträge über Honorare abschließen ... sich mit Leuten vor Ort treffen ... Termine für die Anreisenden festmachen ... Übernachtungsmöglichkeiten klarmachen ... eine Pressemitteilung formulieren und versenden ... bei allen, die Förder-Anträge bekommen haben, fragen, ob sie sie bekommen haben ("Ach, wir haben es an die falsche Email geschickt, ja, klar, schicken wir Ihnen nochmal") ... bei den Presse-Adressen anfragen, ob sie die Pressemitteilung auch bekommen haben ("Wie, haben Sie nicht, ja, klar, schicken wir Ihnen nochmal.") ... feststellen, dass die Leute einem einfach kein Geld geben, eher Sachspenden ... Plakate machen ... die Einladung gestalten ... vor Ort Lampen und Strom installieren ... sich überlegen, wo was hinkommt ... die Leute am Veranstaltungsort sehr oft danach fragen, was geht und was nicht geht ... Technik besorgen, Beamer, Videorecorder, CD Player, Monitore ... den Aufbau koordinieren ... Leute vom Bahnhof abholen ... selber genug essen (klappt bei mir nicht) ... KREISCH !!! WIR SIND VERÜCKT !!! (Eva K., jetzt weiß ich endlich, was es mit dem gleichnamigen Titel des Musik-Sampler vom Ladyfest 2004 auf sich hat)

... nach diesem Kessel Buntes war ich ziemlich "groggy" (ja, dieses Wort gibt es tatsächlich in geschriebener Form, so heißt nämlich die Packung Strohhalme bei IKEA), ich war körperlich erschöpft und hatte leichte Magenprobleme ... "Was jammert die Alte" werden Sie jetzt sagen, "hat sie ja keiner gezwungen, sowas zu machen, und außerdem hat man ja auch was davon!"

Da haben Sie vollkommen recht. Dieses Projekt hat mich mit all seiner Intensität, mit allem, was super gelaufen ist, und mit allem, was nicht so super gelaufen ist, auf eine neue Ebene meines Selbstverständnisses als Künstlerin und meines Selbstbewusstseins gehoben. Weil solche Dinge tun, auch Lebensqualität bedeutet, und Kommunikation mit anderen, und weil es einen dazu hinführt, nach und nach darauf zu kommen, was man wirklich will.

Und da sich mein Bio-Rhythmus langsam einpendelt, schlummere ich jetzt wieder bis in die Puppen, gerade wo es noch so kühl ist (wobei, wenn Sie dieses Heftlein in den Händen halten, ist es vielleicht schon strahlender warmer Frühling und man ahlt sich in der Sonne. Ich hoffe es) ....

”Diese Künstler“ werden manche von Ihnen ausrufen, „na, die haben ja Zeit, machen das, was ihnen Spaß macht und schlafen den halben Tag, so ein Luxus!“. In der Tat, ein Luxus, oft aufstehen zu können, wann man will; und sich seinen Tag selber einteilen zu können. Klasse.

Tja, dann werden Sie doch selber KünstlerIn bzw. Künstler, niemand hält Sie davon ab. Oder was könnte Sie wohl davon abhalten ... vielleicht der immense Aufwand an Selbstdisziplin, der vonnöten ist, um das eigene Leben zu strukturieren, um sich selbst Aufgaben zu geben, die einem wertvoll erscheinen. Und vergessen wir nicht den Luxus des nichtvorhandenen regelmäßigen Einkommens. Ich würde mir wünschen, dass man Sachverhalte öfter mal ambivalent denkt. Natürlich ist es wunderbar und für jeden Menschen erstrebenswert, das eigene Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, denn, Sie wissen schon, man hat ja nur eins. Und man wird merken, dass gerade das Engagement für und mit anderen unglaublich bereichernd ist.

Gleichermaßen ist jedoch die Wertschätzung desselben, auch in finanzieller Hinsicht unabdingbar. Denn bis dato wagte ich noch nicht, meine Vermieter folgendermaßen anzusprechen: ”Sie können doch froh sein, dass ich in Ihrer Wohnung wohne, die verkommt ja sonst völlig, da muss ich doch wohl nicht auch noch Miete zahlen. Allerdings, Sie könnten mir auch mal 'ne größere Wohnung zur Verfügung stellen, ich brauche Licht und Luft und ein Arbeitszimmer, ich bin doch Künstlern ..." Hm, irgendwie glaube ich, man würde mich sofort einweisen lassen; und dasselbe würde passieren, wenn ich mich mit ähnlichen Anliegen an die Energieversorgung, die Krankenversicherung und die Telefongesellschaft wendete. Irgendwie ist Geld leider als Tauschmittel ganz schön etabliert. Wir können gerne damit anfangen, wieder die Tauschgesellschaft einzuführen, aber für manche Bereiche funktioniert das wohl nicht so gut. Da ist "Geld" vielleicht ganz praktisch.

Also, ja worauf wollte ich hinaus? Vergessen. Nein, kleiner Scherz:

Eigentlich wollte ich am Schluss eine kleine politische Forderung anbringen, die in etwa so geht:
Die Aufnahme von „von Kultur als Notwenigkeit“ ins Grundgesetz und die damit verbundene Sicherstellung eines Grundgehaltes (Deckung des Existenzminimums) für Kulturschaffende.

Ja, genau, ein wenig Sozialismus.

Geld ist ja vorhanden, nur falsch verteilt, das weiß doch jeder (wobei, das Land Hessen hat wohl seine gesamte Kohle beim Besuch eines gewissen amerikanischen Staatsoberhauptes im Februar 2005 verpulvert. Nun, gut, man muss Prioriäten setzen). Was man noch tun könnte: "KUNST" als wichtigstes und umfassendstes Fach der Allgemeinbildung als Pflichtfach an den Schulen einführen, und in den Abschlüssen prüfen (Noten werden natürlich abgeschafft, denn die vielbeschworene "Vergleichbarkeit" ist ja eine Illusion). Die selben Reformen bin ich im übrigen bereit, für den Sozial-Bereich einzufordern, einen Bereich, der einen ähnlich hohen Stellenwert in der Gesellschaft genießt (zB Angemessenes Honorar für Hausarbeit und Kindererziehung)

Und dafür sollten wir endlich aufstehen. Und uns nicht mehr mit tumben Argumenten wie "das ist halt so" oder "So läufts halt, du bist wohl total naiv, Mädel" in unser Schicksal fügen. Egal ob wir morgens um halb sieben oder um zehn uhr aufstehen (> toller Wortwitz!).

In diesem Sinne einen schönen Frühling 2005
in: EXFOR – "Aufsteh'n, auf! auf!" – alltagszine, · Berlin 2005