Mittwoch, 17. November 2010

KÜNSTLERBASHING TEIL 3


Heute lasse ich mal jemand anders für mich "Künstler-Bashing" betreiben: den Hamburger Künstler Michael Chevalier. In einem Interview mit der TAZ vom 22.10.2010 äußert sich Chevalier kritisch zur politischen Äußerungen diverser Kulturschaffenden wie etwa Isabelle Graw, Daniel Richter oder Dietrich Dietrichsen. "Karl-Marx-Namedropping" sei das, und kaum geeignet, den Kunstbetrieb wirklich kritisch zu hinterfragen; kritische künstlerische Arbeiten würden ohnehin in der Regel vom Kunstbetrieb vereinnahmt. Die einzige Möglichkeit sieht Chevalier darin, sich finanziell unabhängig vom Kunstmarkt zu machen; er selber verdient sein Geld nach eigenen Angaben nicht mit "der Kunst".
Zunächst finde ich das einen nachvollziehbaren Ansatz. Ein "Brotjob" kann eine angenehme Basis bieten; ein wenig Grundsicherheit ist eine feine Sache und höchst entspannend.

Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Bedingungen für diesen Job stimmen. Anständig bezahlt müsste er schon sein; das Geld soll ja reichen. Ob das z.B. die Löhne in dem bekannten Künstlerdorf im Nordosten der Republik gewährleisten, kann bezweifelt werden

... Ja, und nicht allzuviel Zeit sollte er einnehmen, der Job, auf keinen Fall mehr als die Hälfte der Gesamtarbeitszeit. Sonst würde keine Zeit mehr bleiben für die künstlerische Arbeit (Nein! Das geht nicht Nachts! Jedenfalls nicht sehr lange. Und das geht auch nicht so 2 Stündchen nach Feierabend, allen Künstlermythen zum Trotz. Allen, die nun meinen: "wenn man will, geht alles", sei die Mitgliedschaft in dieser Partei mit den Farben Gelb und Blau angeraten).

... Nicht zuletzt: allzu enervierend und anstrengend sollte sie auch nicht sein, diese Geld-Erwerbs-Tätigkeit. Denn man braucht ja nicht nur Zeit (als in Minuten und Stunden abzählbare Menge); man benötigt "Muße". Und Energie. Und die stellt sich nicht so schwupp-di-wupp ein.

Würden also alle diese Bedingungen stimmen, wäre das momentan eine gute Lösung. Fragt sich bloß, wieviele Menschen nach einem herkömmlichen Kunststudium an einen solchen Job kommen (Herr Chevalier verrät uns den seinigen Job im TAZ-Interview leider nicht).

Und möchte man das ganze Konzept als der Weisheit letzter Schluss betrachten, wird's wieder problematisch: es läuft doch letztlich darauf hinaus, dass künstlerische Arbeit "nichts wert" ist, zumindest nicht nach den Gesetzen des Marktes. Und man zeige mir diejenigen, die sich von diesem Wertesystem völlig freimachen können, ohne den leisesten Funken von Frustration zu verspüren ... Außerdem ist es ungerecht. Was den "Markt" allerdings nicht die Bohne interessiert. Aber mich.

Und noch ein Problem: Ist man tatsächlich unabhängig vom Kunstmarkt, wenn man sein Geld nicht mit Kunst verdient? Möglicherweise. Aber gilt das ebenso für den meines Erachtens weiter gefassten Begriff des "Kunstbetriebs"? Künstler*innen, die in renommierten Instituten gezeigt werden, können ja nicht automatisch davon leben, sind also finanziell auch nicht davon abhängig. Die Frage ist also: wenn ich mich gänzlich vom Kunstbetrieb abwende und dementsprechend dort nicht präsent bin, wie bekomme ich dann Öffentlichkeit? WO zeige ich meine künstlerischen Arbeiten, welche Form diese auch immer haben mögen? WIE kann ich teilhaben? WIE werde ich gehört und ernstgenommen? WIE komme ich raus aus meinem Wohnzimmer/Atelier? Reicht FACEBOOK?
Welche Möglichkeiten gibt es, an die wir noch nicht gedacht haben?

Dienstag, 9. November 2010

KRISTINA SCHRÖDER. VON GESTERN.

Am Montag, den 9.11.2010, gab Bundesfamilienministerin Kristina Schröder den SPIEGEL-Journalisten René Pfister und Markus Feldkirchen ein Interview. In diesem rechnet sie einmal mehr kenntnisreich mit dem FEMINISMUS ab. Zu dumm nur, dass das, was Frau Schröder sich unter Feminismus vorstellt, in etwa dem Diskurs einiger radikaler Gruppierungen um 1975 entspricht: "Es gab in der Tat eine radikale Strömung, die in diese Richtung argumentiert hat und die Lösung darin sah, lesbisch zu sein." ... ja, gabs. Aber was hat das mit dem Hier und Heute zu tun? Was hat Frau Schröder zu gegenwärtigen feministischen Strömungen zu sagen? Nichts, denn sie kennt diese nicht.

Was Frau Schröder ebenso unbekannt ist, ist offenbar die Fähigkeit, Phänomene zu hinterfragen. Das muss sie auch nicht: "Für mich bedeutet Konservatismus, die Realität zu akzeptieren." Aha. Genau. Gibt ja auch nur EINE Realität. Da muss man sich nicht fragen: WESHALB eigentlich ein Germanistik-Studium weniger Chancen auf lukrative Bezahlung verspricht, als etwas Elektro-Technik? WESHALB Frauen sich in der Tat oft nicht trauen, ein höheres Gehalt zu fordern? OB das wirklich war ist, dass Jungs sich für Fußball, und Mädchen sich für "Schmetterlinge und Ponys" interessieren? WESHALB sowenig Männer im Pädagogik-Bereich tätig sind. IST HALT SO (vermutlich von Natur aus). Und der Markt wirds sowieso schon richten. JA. Die Welt kann so einfach sein.

Bleibt nur ein letzter Widerspruch: Am Ende des Interviews räumt Schröder ein, dass ihre Karriere in der Zeit vor dem Femismus nicht möglich gewesen wäre. ... und dann sagt sie so Sachen wie: „Wenn zwei Frauen dabei aneinandergeraten, heißt es immer Stutenbissigkeit. Wenn es zwei Männer sind, spricht niemand von Hengstbissigkeit. Die schärfen dann ihr Profil." ... und auf besonders blöde, oder soll ich sagen, übergriffige Fragen der SPIEGEL-Reporter* mag Kristina Schröder gar nicht antworten:


SPIEGEL: In Ihrer Abi-Zeitung stand auch, Sie hätten gern Familie und Kinder. Jetzt sind Sie 33, sind Ministerin, aber haben keine Kinder. War es das wert?

Kristina Schröder: Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich darauf antworte.

SPIEGEL: Sie sind doch Familienministerin.
Kristina Schröder: Fragen Sie auch den Gesundheitsminister, wann er bei seiner Vorsorgeuntersuchung war?

SPIEGEL: Damit hätten wir kein Problem.

Kristina Schröder: Das glaube ich sofort.

... nun, ja. Vielleicht hat Frau Schröder auch lichte Momente. Oder vielleicht kommen noch die ein oder anderen Momente, wo sie merkt, dass Feminismus eigentlich eine vernünftige Sache ist, von der alle was haben.

... UND HIER NOCH EIN PAAR BESONDERS INTELLIGENTE FRAGEN von Seiten der Reporterschaft des SPIEGELS (tja, für eine Reflektion gesellschaftlicher Fragen fehlts dann doch irgendwo.):
* Haben Sie schon als Schülerin Miniröcke und Pumps getragen?
* Wie finden Sie Alice Schwarzer?
* Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war ja, ein Referat für die Opfer des Feminismus einzurichten.
* Ist es nicht selbstverständlich, dass Familienministerinnen auch über ihr Familienleben Auskunft geben?
* Wer kocht bei Ihnen zu Hause?
* Also, wer kocht nun? Von Ihnen weiß man ja immerhin, dass Sie leidenschaftlich backen.
* Gibt es eigentlich Stutenbissigkeit in der Politik?
* Also ist diese Bissigkeit unter Frauen nicht stärker ausgeprägt?

... ACH JA. Was mich an der ganzen Angelegenheit am meisten nervt, ist die Inszenierung des öffentlichen sogenannten "Zickenkrieges" zwischen Schröder und Alice Schwarzer, wie er heute Morgen (9.11.2010) auf der BILD-Zeitung kolportiert wurde. Da lachen sie wieder, die Stammtische und die Maskulinisten in den SPIEGEL- und ZEIT-online-Foren ...

ZUM WEITERLESEN:

Hier antwortet ALICE SCHWARZER
(die einzige Feministin der Welt. Glaubt jedenfalls der SPIEGEL)

... und hier diskutiert die MÄDCHENMANNSCHAFT über das Ganze (huch, es gibt NOCH MEHR feministInnen?)

... und auf Nadine Lantzschs MEDIENELITE gibts sogar einen ANTI-FEMINISMUS-SONG. Für Kristina Schröder zum mitsingen.

Samstag, 6. November 2010

In Offenbach werden am Main bald Bäume gefällt. vielleicht alle.



Am Main-Damm in Offenbach werden mittelfristig wahrscheinlich viele oder alle Bäume gefällt. Das haben viele noch nicht mitbekommen. Einige aber schon, und sie haben auch schon was vor.


Lesen Sie mehr in der Offenbach-Post vom 8. September 2010