Freitag, 25. November 2011

TEIL 2 OCCUPY – DIE KRITIK


Natürlich gibt es auch viel Kritik an der "Occupy-Bewegung":
... zu naiv und oberflächlich sei sie.
... Habe keine konkreten Forderungen.
... Sei eine "Lifestyle-" und "Wohlfühl-Bewegung".
... Ein intellektueller Überbau würde fehlen.
... "Hauptsache Dagegen" sei sie, und mache es sich gar zu einfach mit Slogans wie "gegen die Banken" und dem pauschalen und undifferenzierten "We are 99%".
... Gegenüber Antisemitismus grenze sie sich nicht genügend ab – gibt es doch unfassbarerweise noch immer genügend Menschen, welche "die Banken", wie einst die Nazis, mit "dem Weltjudentum" gleichsetzen.
... Gegenüber obskuren Gruppierungen wie der sektenartigen "Zeitgeist-Bewegung" grenze sie sich ebenso unzureichend ab.
... Als "Links" würde sie sich auch nicht definieren.
... Und immer wieder würden in Aufrufen, auf Flyer oder ähnlichem, Schlagworte verwendet, welche auch in nazionalsozialistischen Kontexten auftauchten (Beispiel: "Plutokratie").

Das sind dann nun alles, jeder einzelne, Vorwürfe, die mich bedrücken.
Verleiden sie mir doch meine arglose Euphorie und meine Aufbruchstimmung. Und ich komme mir zeitweise dumm und oberflächlich vor, weil ich: nicht genügend recherchiert habe; nicht genügend Kommentare und Blogs und Online-Zeitungen gelesen habe; und offenbar nicht richtig "links" (und damit am Ende, ohne es zu wollen und zu merken, "rechts"??) bin ... Da bröckelt das schöne Gefühl der Selbstermächtigung; ist denn nun alles wieder wie vorher?

Nein. So soll das nicht sein.

Denn im Grunde weiß ich doch, was ich möchte; auch wenn mir die Umsetzung noch nicht ganz klar ist; zu den von mir skizzierten Kritiken an OCCUPY bin ich jedoch durchaus in der Lage, Stellung zu nehmen. Und das tue ich hiermit (auch, damit ich selber klarer sehe):

01) "Die OCCUPY-Bewegung" wird, so scheint es mir, in vielen Kommentaren und eben auch Kritiken, als einheitliche Gruppierung wahrgenommen. Etwa so wie eine Partei. Oder wie eine Nicht-Regierungs-Organisation.
Ich denke: das ist sie NICHT. Und erhebt auch keinen Anspruch darauf. Für mich persönlich ist OCCUPY eher eine Art Konzept, mit der Gesellschaft und mit der Welt umzugehen, unter der Prämisse bestimmter Werte wie: Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenrechte.

OCCUPY bedeutet dem Wortsinne ja "besetzen"; und besetzt werden hier Institutionen der Gesellschaft, nämlich in demokratischer Weise von den Menschen, die den Staat und die Gesellschaft ausmachen (sollten). Von potenziell ALLEN Menschen, und nicht nur von bestimmten Eliten. Mensch holt sich etwas zurück, was ein Stück weit verlorengegangen zu sein scheint: die verantwortliche Teilhabe und Mitbestimmung an der Gesellschaft. Sei es durch Demonstrationen, sei es durch Bankenwechsel oder Stromanbieterwechsel. Sei es durch nachhaltigen Konsum. Es gibt viele Möglichkeiten.
Ich ziehe für mich eine Parallele zum "Feminismus", den es als solchen auch nicht gibt; nicht als einheitliche Gruppierung mit einem Programm. Und da werde ich vielem, was andere Feminist*innen von sich geben, vielleicht gar nicht zustimmen; und dennoch nenne ich mich selber so. So ähnlich sehe ich auch das OCCUPY-Phänomen.

02) Ist es NAIV, Solidarität und Gerechtigkeit einzufordern? In der Tat, so etwas gilt vielen als belächelnswerter Idealismus: "Wir denken, wir sind klüger jetzt, und Rebellion ein schlechter Witz", singt Bernadette LaHengst in "Der Beste Augenblick in Deinem Leben" (Trikont, 2000).
Ja, mit Zynismus lässt es sich viel leichter brillieren; mensch weiß Bescheid, und hat die Realität durchschaut, und den Glauben an die Menschheit eh schon lange verloren. Der Vorteil ist auch, dass man gar nicht mehr nachdenken muss (z.B. was anders und besser sein könnte). Aber ob DAS "klug" ist?

Naiv ist es im übrigen, zu konstatieren (unlängst in der ZEIT), dass "OCCUPY" nach mehreren Wochen noch keine signifikanten Erfolge vorzuweisen habe. Ein Motto bei Aktivist*innen in Spanien lautet: ”Vamos devagar porque vamos longe" ("Wir bewegen uns langsam, denn wir wollen weit kommen.")

03) "Konkrete Forderungen" , wie z.B. die nach einer Transaktions-Steuer oder nach gerechter Besteuerung, wären z.B. nachzulesen hier:

http://www.occupyfrankfurt.de/unsere-ziele/
04) "Lifestyle-" und "Wohlfühl-Bewegung"
Stimmt. Ich habe mich SEHR wohlgefühlt, als ich in der Menschenkette stand, am 12. November in Frankfurt, mit lauter unterschiedlichen Leuten, in dieser ausgelassenen und friedlichen Stimmung. Und den zahlreichen selbstgestalteten Transparenten und Schildern, denen man ansah, dass es den Leuten eine Herzensangelegenheit war. Was es mit "Lifestyle" zu tun hat, wenn mensch samstags stundenlang auf der Straße herumläuft, weiß ich nicht; schon gar nicht, wenn man bei unangenehmen Temperaturen in Zelten vor der EZB campiert (was ich persönlich nie tun würde. Es wäre mir viel zu unbequem.)

05) "We are 99%" IST ein pauschaler und undifferenzierter Slogan. Das kommt daher, dass es ein SLOGAN ist. Und dieser Slogan deutet an, dass der allergrößte Teil der Macht und des Geldes in den Händen von eher wenig Leuten liegt; dass die soziale Schere auch in so wohlhabenden Ländern wie Deutschland signifikant auseinandergeht; dass es bestimmte Herrschaftsverhältnisse gibt, welche nicht naturgegeben sind.
Dass diese 99% nicht einheitlich sind, bedarf meiner Ansicht nach keiner Erwähnung; selbstverständlich bin ICH 1.000fach privilegiert, weil ich als Weiße aus gutbürgerlichen Verhältnissen zufällig in Deutschland lebe; dennoch fühle ich als Freiberuflerin Existenz-Ängste, die andere vielleicht nicht haben. Und außerdem geht es auch noch um Solidarität mit jenen, die nicht so privilegiert sind; und um die Umverteilung von Privilegien.
06) Gegen Antisemitismus, Rassimus, Nationalismus, Sexismus, obskuren Gruppierungen, und ähnliche Ekelhaftigkeiten grenze ich mich selbstverständlich ab (Aber gibt es all das nicht auch in der LINKEN, welche sich ja, so scheint es, stets als besonders kritisch gibt?). Im Gegenteil empfinde ich es als Unverschämtheit, in Verbindung mit solchem oder ähnlichem Gedankengut gebracht zu werden. Punkt. Ich kann allerdings nur für mich sprechen. Denn ich gehöre ja keiner "BEWEGUNG" an. Keiner Partei. Das möchte ich auch nicht.

07) was bedeutet eigentlich "links"? B.z.W. Wer ist eigentlich diese LINKE?

08) Diejenigen, welche einen intellektuellen Überbau der "OCCUPY-Bewegung" fordern, sollten sich einmal fragen, wie sie es mit den "Ausschluss-Tendenzen" von Herrschafts-Wissen halten.

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Abschluss: Kritik ist wichtig. Kritik hat den Zweck, Dinge zu hinterfragen. Zu fragen, wo diese Dinge herkommen. Ob sie das sind, was sie scheinen. Ob sie nicht auch anders sein könnten. Z.B. besser; gerechter; sozialer, was auch immer.
Kritik ist also ein Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck ist konstruktiv. KONSTRUKTIV.

Kritik ist KEIN Selbstzweck. Kritik sollte nicht missbraucht werden, um an einer Sache ausschließlich die zweifelhaften Aspekte herauszuheben; und die positiven Aspekte völlig unter den Tisch fallen zu lassen (kann es sein, dass dies ein "typisch deutsches" Phänomen ist? Oh je, jetzt werde ich selber noch nationalistisch!!).
Letzterer Art von Kritik würde ich persönlich unterstellen, kein konstruktives Mittel für einen "guten" Zweck mehr zu sein; sondern einfach ein sehr eigennütziges Mittel zur persönlichen Profilierung. Die letztlich dazu dient, keine Schwächen zu zeigen. Denn wenn mensch etwas positiv kritisiert oder gar Begeisterung und Euphorie zeigt, dann zeigt er/sie Schwäche. Und entblößt sich. Das ist nicht leicht.

Nachtrag:
Die Ironie an der Sache ist: Wie oft wurde mir schon gesagt: "MUSST Du immer alles hinterfragen??"

Sonntag, 20. November 2011

TEIL 1 OCCUPY – WIE ALLES BEGANN


Es war Anfang Oktober, da las ich im Blog der Autorin Katja Kullmann einen Artikel über ihre USA-Reise.

Darin erzählt sie, dass sie am 17. September in New York City war, also eben an jenem Tag, als es im südlichen Manhattan zur ersten großen OCCUPY WALLSTREET-Demo kam. Und als sie plötzlich das Gefühl hatte, dass sich etwas bewegt; ein Gefühl der „Lebendigkeit".

Natürlich hatte ich schon am Rande von den OCCUPY-WALLSTREET-Demos gehört, und gedacht: "Wie toll, dass man jetzt auch in der westlichen Welt auf die Straße geht." Als ich nun Katja Kullmanns Artikel las, da konnte ich plötzlich auch dieses Gefühl der Lebendigkeit nachempfinden; ein Gefühl, dass nicht alles stillsteht, bzw. seinen unabänderlichen Gang geht (Stichwort: "alternativlos"); dass die gefühlte Ohnmacht kein Naturgesetz sein muss; sondern dass sich etwas ändern kann. Wenn man auch noch nicht so genau weiß, wie.

Und ich dachte, "ach, wenn es sowas doch auch in Frankfurt gäbe (meine Nachbarstadt, voller Banken und Börsen)"; flugs gab ich dies, laut gedacht, auf Facebook ein, und erhielt prompt den Kommentar eines Bekannten, in welchem er mich auf die bevorstehenden OCCUPY-Demonstrationen in Frankfurt (und auf der ganzen Welt) für den 15. Oktober hinwies.

Ich war hocherfreut. Und ging tatsächlich am Samstag, den 15. Oktober mit einigen Freunden und Bekannten zur Demo nach Frankfurt am Main; vorher an diesem Morgen hatte mir mein Lieblingsradiosender fm4 (aus Österreich, via Internet zu empfangen) mitgeteilt, dass es auch in mehreren österreichischen Städten zu Demos kommen würde; und insgesamt würde weltweit in 82 Ländern demonstriert. Und ich hatte, wie selten zuvor, plötzlich ein Gefühl von ... "Selbstermächtigung"? ("Allmacht" klänge zu größenwahnsinnig) Von "Ich bin ganz viele!"

... bei der Demo in Frankfurt waren dann ca. 5.000 Menschen, die sich vom Rathenauplatz (wo ein Denkmal des Herrn Goethe steht) bis zum Vorplatz der Europäischen Zentralbank (EZB) bewegten. Vor der EZB wurde an diesem Tag ein Camp errichtet. Welches sich bis zum heutigen Tage dort befindet.

Und ich hatte an diesem Tag das Gefühl, bei einem "historischen" Ereignis dabeigewesen zu sein. Noch Tage danach schwelgte ich in euphorischer Stimmung; zum ersten Mal seit langen war das stetig nagende Gefühl der Unsicherheit und der Ohnmacht überwunden, überwältigt von einem Selbstgefühl, dass "eine bessere Welt möglich ist" (wie es, so oder so ähnlich, ATTAC formuliert); dass die vielen Einzelnen gemeinsam etwas Konstruktives bewirken können; dass wir nicht wie die Kaninchen vor der Schlange den Erpressungen des "Freien Marktes" ausgeliefert sind; dass es nicht so sein muss, dass die sogenannte "3. Welt" für unseren Wohlstand und unsere Bedürfnisse bluten muss. Dass Solidarität möglich ist.

Jetzt ist das einige Wochen her; ich war seither 3mal beim Camp vor der EZB, als Zaungast; und bei zwei weiteren Demos, eine davon die "Bankenumzingelung" am 12. November 2011, bei der in Frankfurt ca. 8.000 bis 10.000 Menschen in einer Menschenkette das gesamte Bankenviertel "umzingelten" (zeitgleich wurde in Berlin das Regierungsviertel eingekreist). Natürlich weicht die Euphorie dem Alltag; dennoch hat sich bei mir etwas eingepflanzt; ein Funke, ein Selbstgefühl, ein Bewusstsein. Und ich möchte, dass das weiterwächst. Es braucht Durchhaltevermögen und Ausdauer.

TEIL 2 folgt in bälde.

Freitag, 22. Juli 2011

SLUTWALK. JETZT AUCH IN IHRER NÄHE!

Am Samstag, den 13. August 2011
findet in D der erste bundesweite
SLUTWALK statt


FAQ 01
'Slut', das heißt doch 'Schlampe', wie, gehen da jetzt Frauen auf die Straße, weil sie das Recht haben wollen, sich schlampenmäßig und sexy anzuziehen? Und das soll feministisch sein??

... Ja, „Slut“ heißt „Schlampe“.
Zum Hintergrund dieser Bezeichnung sei folgende kleine Anekdote erwähnt: Im letzten Jahr empfahl ein kanadischer Polizeibeamter den „Frauen“, sich doch besser „nicht wie Schlampen anzuziehen, um nicht zum Opfer von sexueller Gewalt zu werden" ... daraufhin waren einige Leute überhaupt nicht amused und organisierten für den 3. April 2011 den ersten SlutWalk in Toronto. Die Idee fand seitdem diverse Nachahmer*innen. Und jetzt gibts das auch in Deutschland, gleich in mehreren Städten, u.a. Berlin und Frankfurt/Main.

... Nein, der Sinn ist nicht, dass „Frauen“ für das Recht auf (traditionelle) Sexyness auf die Straße gehen.

Sondern: die Idee ist, dass
ALLE – geschlechter- und altersübergreifend – gegen Diskriminierung, Sexualisierung und Grenzüberschreitung auf die Straße zu gehen.
Dabei geht es: um einen
respektvollen Umgang der Menschen miteinander und für Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Gender, Sexualität und Begehren. Ob das jetzt auf der Straße, in privaten Beziehungen oder am Arbeitsplatz ist.

FAQ 02
Ja, schön und gut, aber mal ehrlich, wenn Frauen im Minirock und so auf die Straße gehen, dann müssen sie halt damit rechnen, belästigt zu werden. Ich geh ja auch nicht nachts in den Central Park. So ist die Welt nun mal.

Mal Ehrlich, hier wird schon wieder das Faktische mit dem Normativen verwechselt,
also der Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand. Ich muss in der Tat damit rechnen, dass in einer unachtsamen oder gar feindseligen Umgebung meine Grenzen bis hin zu körperlicher und geistiger Versehrtheit verletzt werden. Und zwar nicht nur, wenn ich eine Frau bin. Eventuell auch, wenn ich „männlich“ bin. Oder wenn ich „trans“ bin. Oder Oder Oder.Ich muss damit rechnen. Ich muss mich schützen. Aber ich muss mich nicht damit abfinden. Denn wenn ich mich damit abfinde, dann stimme ich letztendlich, wenn auch widerstrebend, zu. Und SO soll die Welt nicht sein. Und so, wie die Welt gerade jetzt ist, muss sie auch nicht sein. Sie ist nämlich (Überraschung!) veränderbar!
Und, by the way, ist es nicht ganz schön sexistisch, (heterosexuellen) Männern pauschal zu unterstellen, sie könnten ihre Triebe nicht kontrollieren?


FAQ 03

Ja, aber muss ich mich da ”sexy“ anziehen, wenn ich mitlaufen will?? Hab' ich ja überhaupt keine Lust drauf'!

Keine Angst. Es besteht kein „Sexy-Dresscode“. Jeder/em von Euch bleibt es überlassen, wie Ihr Euch anzieht; wichtig ist, dass Ihr Euch wohlfühlt :)





Also, noch mal kurz & knackig: sogenannte Sexybekleidung ist weder Aufforderung zu noch Rechtfertigung von Übergriffen, ob verbal oder körperlich. Und diese Übergriffe sind nicht harmlos. Niemals. Und: NEIN HEISST NEIN.

Als
Mitorganisatorin des Frankfurter SlutWalks lädt BOUTIQUE VRENI TM Euch alle ein, mitzulaufen, für das Recht auf Selbstbestimmung und für Respekt.

WANN
: 13. August 2011 ab 15:00
WO
: „Kaisersack“, am Ende der Kaiserstraße, gegenüber des Frankfurter Hauptbahnhofs, FRANKFURT AM MAIN.

SlutWalk auf
FACEBOOK
more INFO zu SlutWalks bei
MÄDCHENMANNSCHAFT

Freitag, 8. Juli 2011

"DARF MAN DAS?"

Er tut`s schon wieder! Auch in diesem Sommer schreibt Deniz Yücel in der taz wieder seine Fußball-Kolumnen.

Und diese, ihres Zeichens allerbösartigste Satire, schmeißen so ziemlich alle Ressentiments und kleingeistigen Vorurteile zusammen, die mensch sich nur vorstellen kann: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Alters-Feindlichkeit, alles, was Sie wollen ... und dies in derart überspitzter Form, dass man so manches Mal laut loslachen muss (Wenn z.B. bemäkelt wird, dass Birgit Prinz mal wieder "unsere" Nationalhymne nicht mitsingen mag, und zudem noch ein verkniffenes Gesicht zeigt).


Dann wieder bleibt einem das Lachen im Halse stecken: die reine Quantität dieser unappetitlichen Anhäufung von Stammtisch-Weltsicht lässt es einem buchstäblich hochkommen. Die Fußballerinen sind dann allesamt entweder "süße Babes" oder "Lesben mit schlechten Frisuren"; die nigerianischen Spielerinnen werden zu "Nigerinnen"; Birgit Prinz wird zu "Oma-Prinz", die orientierungslos über den Platz stolpert; und ob Silvia Neid denn doch nicht genügend "Eier" habe, da mal durchzugreifen (muss da nicht doch ein Mann her??).


So oder ähnlich geht es munter weiter, mit noch vielem mehr, einer ganzen Kanonade, und dies in Folge, denn bereits am 2. Juli gab es die siebte Folge mit dem schönen Titel: "Für uns oder für die Nigerinnen?" und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Vielleicht beides.

Die Kommentar-Leiste auf taz-online platzt erwartungsgemäß aus allen Fugen; die meisten Leser*innen sind nicht "amused" ob soviel angehäufter Übelkeiten und sprechen Yücel die Satirefähikeit ab, viele drohen mit Abo-Kündigung; einige, gefühlt die Minderheit, sind begeistert ob der Schärfe der Satire und bemängeln die Humor- und Geistlosigkeit der Kritiker*innen.


Und ich, ich bin mittendrin. Ich weiß nämlich nicht so genau, was ich davon halten soll. Ob ich das gut finden soll, diese bösartige Satire (denn dass Deniz Yücel da nicht seine tatsächliche Meinung wiedergibt, davon gehe ich mal aus).


Auf der einen Seite halte ich (auch bösartige) Überspitzungen für ein gutes Mittel, um Ressentiments bloßzustellen; denn all das, was Yücel da beschreibt, findet sich in den Köpfen vieler (und oft nicht nur in den Köpfen) wieder. Und wir müssen nicht so tun, als wär ein unserer Gesellschaft schon alles ganz toll und tolerant und gleichberechtigt und so. Das ist nicht so.


Auf der anderen Seite ignoriert Yücel jegliche "political correctness"; das kann eine gute Sache sein, weil dann auch Dinge ans Licht kommen, die sonst ausgespart werden, etwa weil sie zu unangenehm und schmerzhaft sind; in diesem Falle sind das eventuell EIGENE Rassismen oder Sexismen, welche mensch selber mit sich herumträgt, die einem aber nicht unbedingt bewusst sind. Jedoch kann das Fehlen jeglicher "political correctness" auch zum Verlust von Respekt, Rücksicht und Einfühlungsvermögen fühlen. Platt gesagt, vielleicht finden es die nigerianischen Fußballerinnen nicht so gut, als "Nigerinnen" tituliert zu werden, und sei es auch im Dienste der Satire.


Denn es ist ja auch so, dass in Yücels Satire (denn die "Satire" will ich ihm zugestehen) alle diese Ressentiments auch ABGEBILDET werden, und zwar ohne Kommentar; und es stellt sich ein großes Unbehangen ein bei der Lektüre, besonders an Stellen, wo mensch zufällig mal selber betroffen ist; weil mensch dann vielleicht doch nicht in jedem Augenblick in der Lage ist, das jetzt als Satire zu verstehen bzw. zu erfühlen. Weil man das alles nicht mehr hören und lesen will, SELBST wenn es Satire ist; weil Ironie und Sarkasmus zwar wichtig sind, aber manchmal auch die Grenze zum Selbstzweck überschreiten. Denn (ähnlich wie die Strategie der steten Kritik an allem und jedem) kann auch eine ironische Haltung zu allem und jedem sehr schön zur eigenen Profilierung genutzt werden.


Erstaunlich ist auch, dass meines Wissens Yücel an keiner Stelle zu den gefühlten 5.000 kritischen Kommentaren Stellung nimmt (falls doch, bitte ich meine Unkenntnis zu verzeihen und freue mich über Hinweise); der ungebremste Kritik-Strom lässt jedenfalls darauf schließen.


Würde es dem Anliegen der Kolumnen denn wirklich so großen Abbruch tun, wenn Yücel an prominenter Stelle den Kontext erschließt? Wenn er sagen würde: "hey, ich weiß, das klingt alles krass, aber gerade das will ich ja offenlegen!".
Nein, ich denke, das würde es nicht. Im Gegenteil ist es längst überfällig; denn wer will schon (gerade als "linkes" Blatt) gerne die ganze Zeit falsch verstanden und als rassistisch und sexistisch tituliert werden; da geht doch was nach hinten los!
Außerdem: solange es da kein Statement gibt, kommt vielleicht doch der Gedanke auf, dass die Kolumnen reine Provokation um ihrer selbst Willen sind; und dass sie eigentlich gar kein Anliegen HABEN, außer eben 5.000 Kommentare zu fischen. Und das wär nun wirklich doof.
Also, Deniz Yücel, ein Satz genügt :)

Montag, 4. Juli 2011

BEGEISTERUNG?

Es ist 2011, und es ist wieder Fußball-WM. Die Frauenfußball-WM. Richtig viel Aufmerksamkeit bekommt sie, sogar ein Panini-Heft gibt es, zum ersten Mal mit Fußballerinnen und ich hab mir endlich eins gekauft. Natürlich bekommt sie nicht so viel Aufmerksamkeit wie eine normale Männer-WM; kaum Fahnen seh ich aus Fenstern und Autos ragen, Flachbildfernseher in jeder Eckkneipe sind Fehlanzeige, und die Spieltermine sind auch suboptimal; wer hat schon unter der Woche um 14 Uhr Zeit und Muße, Fernsehen zu gucken. Abendspiele gibt es wenige, und einige sind dann auch noch auf die Sparten-Sender ZDFinfo und Einsfestival geraten (Das muss in zwei Jahren anders werden, meine Lieben).

Aber dass das alles zwar schon viel besser, aber noch lange nicht optimal bzw. in der Gesellschaft angekommen ist, geschenkt. Es überrascht nicht, auch wenn mensch es im Auge behalten und daran arbeiten muss. Was jedoch ein wenig überraschend und traurig ist, dass dieses Ereignis auch bei vielen Frauen die Begeisterung in Grenzen hält. Ich möchte das nun auf keinen Fall verallgemeinern: für die EMMA war Frauenfußball immer ein favorisiertes Thema; die L-Mag hat in ihrer aktuellen Ausgabe ein ganzes Dossier darüber und Fatmire Bajramaj auf dem Cover; die pop-feministische "MISSY" hat eine eigene Beilage für ihr Magazin gemacht, und postet online Beiträge zum Thema; und Bloggerin Annina Luzie Schmid schreibt auf Facebook einfach "yeah, es ist Frauen-Fußball-WM" (liebe Annina, falls Du das liest, entschuldige das ungenaue Zitat, ich deine Original-Status-Meldung gerade nicht mehr finden :;)).

Also, es GIBT Begeisterung und Interesse, auf jeden Fall. Und das ist toll. Aber, hey. irgendwie ... könnte es mehr sein. Denn das gibt es leider auch: Statements von Frauen, die postulieren, dass sie Fußball nicht interessiert. Oder wohlwollendes Belächeln ("Was, Du schaust Fußball? Ist das jetzt ironisch?"), welches einem signalisiert, dass Fußball ja wohl total MAINSTREAM und damit total irrelevant und schnöde ist.

Hm. Nun bleibt es jedem/jeder unbenommen, Fußball uninteressant zu finden. Mich selber interessiert Fußball als solcher auch nicht wirklich (bei uns zuhause wurde nie Fußball geschaut, und weder Papa noch Bruder spielten jemals --> fehlende Sozialisation); selber gespielt habe ich es auch nie (wobei ich mir vorstellen kann, dass es irre Spaß macht; allein, mir geht stets nach 5 Minuten sowas von die Puste aus). Aber OBWOHL Fußball mich als solcher wenig kratzt, bin ich mir doch der sozio-politischen Bedeutung dieses Phänomens bewusst. Und ich sehe, was es für eine Riesenleistung aller Beteiligten ist, eine Fußball-WM auf die Beine zu stellen, wo FRAUEN Fußball spielen, und wo 18Millionen vor den Fernsehern sitzen; wenn man bedenkt, mit welchen abstoßenden Ressentiments fußballspielende Frauen zu kämpfen hatten und noch immer haben. Und dann ist so eine WM nicht mehr schnöde und belanglos; dann ist genau das Ankommen im Mainstream die Qualität der Sache.

Ich spare es mir, an dieser Stelle die zahlreichen Bedeutungsebenen und Facetten dieses Groß-Ereignisses zu skizzieren; ich möchte einfach nur darauf hinweisen, dass die gesellschaftliche Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann; und dass das Engagement der vielen Frauen und Männer, die international den "Frauen"-Fußball unterstützt haben, auch einfach mal gewertschätzt werden kann. Ein bisschen mehr Solidarität und Support wäre schön.

Mehr zum Thema im Blog "Papierschiffchen": "Das WM-Fieber steigt weiter"

Mittwoch, 1. Juni 2011

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, SOPHIE ROIS!

Heute, am 1. Juni, feiert die österreichische Schauspielerin ihren 50. Geburtstag.

Schon vor ca. 25 Jahren nach Piefke-Land, namentlich Berlin ausgewandert, wurde Sophie Rois in den frühen 90er Jahren festes Mitglied der Volksbühne und hat diese, zusammen mit u.a. Christoph Schlingensief und René Pollesch wesentlich geprägt.

Zum ersten Mal sah ich Rois als dreiste Dienstmagd in dem "Neo-Heimat"-Film "Die Siebtelbauern" von 1998, dann als Erika Mann in der semi-dokumentarischen TV-Serie "Die Manns". Zuletzt war sie als Hanna Blum in Tom Tykwers "Drei" zu sehen, wo ausnahmeweise mal eine tatsächliche Dreierbeziehung ausprobiert wird.

Aber Sophie Rois spielt nicht nur interessante Rollen. Sie sagt auch kluge Sachen. Wie z.B. in der aktuellen Ausgabe des Missy-Magazins

Hier tritt sie erstmal allen Biologist*innen in den Hintern (also Leuten, die denken, dass Mädchen von Natur aus auf Rosa stehen, während Buben von Natur aus gerne mit Stöcken auf Dinge einschlagen):
”Jungs spielen Jungs nach, als Mädchen spielt man andere Mädchen nach. Man wird ja nicht Mädchen, weil man das XX-Chromosom hat, sondern sieht, wie es die anderen Mädchen machen. Ich glaube nicht an das genuine Selbst."

Dies freut uns und ebenso Simone De Beauvoir, die das so ähnlich schon 1949 formuliert hat.

Und was Sophie Rois auch noch so richtig "anzipft", ist die Idee von der "Frau, die alles immer ein bisschen besser weiß. Frauen, die mit einer leichten Überlegenheit in der Ecke stehen, während der Mann der asoziale Trottel sein darf" ... dieses Konstrukt entlarvt Rois sehr scharfsinnig als Methode, jemanden kaltzustellen ("Unterdrückung durch Überhöhung" nennt das auch der Literaturwissenschaftler, und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit). Dies milde, überlegene Frauen-Bild birgt nämlich so manchen Nachteil: "Wenn du dich dann als Frau aufregst, in Fahrt kommst, dann bist du hysterisch." ... und nur allzugerne wird dann mit zweierlei Maß gemessen: "Wenn Männer auf die Kacke hauen, ist es eine beeindruckende Geste von Autoriät."

Ist also alles gar nicht so "natürlich", wie wir uns da immer so verhalten. Und es ist eine feine Sache, das immer mal wieder zu hinterfragen. Weil das nämlich sehr befreiend sein kann.

Und übrigens:
"Hysterie ist eine wahnsinnig wichtige Energie."

Also, dann, Sophie, feier noch schön und betrink Dich ordentlich!

Mittwoch, 11. Mai 2011

GOLDENE WORTE NO. 6

HEUTE MIT:
DENDEMANN

„Die meisten kommen nur ins Gespräch, wenn sie sich über eine Sache aufregen. Das ist supermännlich und typisch deutsch. Immer dieses Rumgenörgel, das nicht dazu beiträgt, dass es geiler wird.“

Dendemann, Musiker und Rapper (*1974). Lebt in Hamburg.
... Ich möchte das ergänzen, nämlich mit Anführungszeichen, die das Wort "supermännlich" einrahmen. Wie genau der Rapper es gemeint hat, also eher biologistisch, oder eher kulturell, bleibt uns verschlossen. Ich deute es mal als kulturell. Als kulturell eingeschriebene Praxis (Mit Biologismus hab' ich nichts am Hut), und finde dementsprechend dieses Zitat bedenkenswert, und umso erstaunlicher, als es von einem Mann ("Mann") kommt.


https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=j1FwlQhFLQQ

Sonntag, 17. April 2011

LAND DER BERGE, LAND DER TÄLER

Ein Bilderbogen aus einem zerklüfteten, subtropischen Eiland inmitten des Ozeans – einsame Schluchten und Berglandschaften – schmale, gewundene Straßen und abgelegene Dörfer – urbane Metroplen inmitten einer verkarstete Vulkanlandschaft – spektakuläre Ausblicke und waghalsige Küstenstraßen – die Vegetation: anders.

































Das zerklüftete Eiland ist wahlweise als Touristen- und Party-Insel oder als "Senioren-Paradies" bekannt. Es handelt sich um eine der kanarischen Inseln im Atlantik, Gran Canaria.

Bei weitergehendem Interesse an Senioren-Paradiesen besuchen Sie bitte (...) Neulich auf Madeira von Katja Kullmann.

Mittwoch, 9. März 2011

WAS HABEN SIE FÜR KÜNSTLER GETAN?

... fragt das soziale Kunst-Netzwerk THE THING FRANKFURT Politiker*innen anlässlich der hessischen Kommunalwahl am 27. März 2011.
... wenn du an Kunst & Kultur und so Interesse hast ... wenn du in Rhein-Main lebst ... wenn du einen Bezug zu Frankfurt hast ... wenn du in Berlin oder Hamburg wohnst, es aber gut findest, wenn es noch andere Städte mit Kunst & Kultur gibt ... wenn du einfach deine solidarische Unterstützung geben möchtest ...


... dann lies dir folgende Fragen an die Politiker*innen durch, und schreibe einen Kommentar zu diesem Post mit einem lauten "jaaa"; gib bitte noch deinen Wohnort an, und, wenn du möchtest, deine Betätigung (Künstlerin. Bäcker. etc.)


... dein Name wird dann auf der THE THING FRANKFURT Seite in die Liste der Unterstützer*innen aufgenommen ...


... wir freuen uns auf deine Antwort :-)


Boutique Vreni


... und hier der ganze Text und die Liste der Unterstützer*innen:

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und hier nochmal die fragen direkt:
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An die KandidatInnen der Kommunalwahl 2011

Was haben Sie für Künstler getan?


Sehr geehrte Damen und Herren,


die Unterzeichner dieses Schreibens bitten Sie zu folgenden Fragen im Hinblick auf die Kommunalwahl 2011 Stellung zu nehmen:


Wo haben Sie sich in den letzten Jahren für die Belange von Bildenden KünstlerInnen eingesetzt? Im Haushalt der Stadt Frankfurt (Produktbereich 21.01) ist die Förderung von Projekten der Bildenden Kunst mit 70.000 Euro angesetzt. Dieser Betrag ist nicht ausreichend. Haben Sie sich für seine Erhöhung eingesetzt? Wenn Nein, warum nicht?


Welche besondere Unterstützung können KünstlerInnen für langfristig angelegte Projekte von der Stadt Frankfurt erwarten?


Warum sollten KünstlerInnen in Frankfurt bleiben? Inwieweit braucht Frankfurt KünstlerInnen vor Ort?


Mit Ihrer geschätzen Antwort geben Sie uns Ihr Einverständnis zur Veröffentlichung auf Webseiten und in der Presse.


Mit freundlichen Grüßen
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Freitag, 11. Februar 2011

GENTRIFIZIERUNG ALS SCHICKSAL.

... warum machen Kulturschaffende eigentlich immer so weiter?

Unlängst las ich auf der Facebook-Seite eines Frankfurter Off-Spaces, dessen Schließung nun definitiv ist, folgenden Satz: „"es ist unser (künstler) schicksal tote ecken mit kultur zu beleben, um die dann an geldmagnaten zu übergeben."


... „Gentrifizierung als Schicksal" halt, traurig, aber wahr, so ist der Lauf der Welt ... daher nicht lange grübeln, über Dinge, die man ohnehin nicht ändern kann, sondern auf zum nächsten Projekt. Nicht aufhören damit, Energie und Geld in die Suche nach Orten zu stecken, die dann mit ambitionierten Projekten bespielt werden können; denn unterkriegen lassen wir uns nicht!


Ja.


Nein.


Unterkriegen lassen wir uns nicht ... aber ... hat diese Strategie nicht einen kleinen Haken? HAT man uns nicht schon längst untergekriegt? Machen wir nicht ganz genau das, was von uns erwartet wird? Was macht das mit unserer Lebensenergie und mit unserer Selbstachtung, wenn wir uns regelmäßig für wenig oder kein Geld bzw. keine Anerkennung verausgaben? Wie finden wir das, wenn sich andere mit unseren kulturellen Leistungen profilieren, selbst wenn man uns dabei Honig um den (falls vorhanden) Bart schmiert ("Unterdrückung durch Überhöhung" nennt letzteres der Soziologe Klaus Theweleit)? Gaukeln wir uns da nicht einen künstlerische Freiraum vor, welchen es eigentlich gar nicht gibt? ... Kulturschaffende: Menschen, die, allzeit flexibel und mobil, für wenig oder kein Geld arbeiten = ein neoliberaler Traum. Möchten wir das sein? Möchten wir wirklich hegemoniale Strukturen noch verfestigen? Machen wir uns nicht was vor?


Nein. Das möchten nicht alle; es geht nämlich auch anders. Z.B. bei den Hamburger Kulturschaffenden, die 2009 unter der Überschrift "Not In Our Name, Marke Hamburg!
" ein feines Manifest formuliert haben, weil ihnen die Gentrifizierung des Hamburger Gängeviertes gar nicht schmeckt. Sie wollten einfach nicht mitmachen.

Nicht mitmachen wollten auch die Unterzeichner*innen des Berliner Offenen Briefes (an OB Klaus Wowereit) bezüglich der geplanten „Leistungsschau junger Kunst aus Berlin“
. Und nun gibt es sogar folgendes feine Manifest: HABEN UND BRAUCHEN.

... Ach, wie schon wär' das, wenn es so eine Initiative auch in Rhein-Main gäbe, denn hier in der Gegend wimmelt es ja auch nur so von Kulturschaffenden und Kreativen Städten! Die Schließung des obengenannten Off-Spaces (namentlich des LOLA MONTEZ) wäre dafür doch ein adäquater Anlass ... Und: "Schicksal" ist doch auch irgendwie doof!


Kein Schicksal. Stattdessen Selbstachtung!

Das machen wir!


Mittwoch, 9. Februar 2011

PROTEST-SONG-CONTEST 2011

"Der Protestsongcontest kämpft auch im achten Jahr seines Bestehens gegen all jene Alltagsidiotien an, die ein soziales und friedliches Miteinander zum unmenschlichen und bürokratischen Spießrutenlauf werden lassen."

Das Finale
am 12. Februar 2011
im Rabenhof Theater in Wien
und
live

auf Radio FM4
(hier werden vorab auch die 10 Finalsongs vorgestellt)

Montag, 31. Januar 2011

„Das Private ist politisch“, so hieß es seit den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts aus den Reihen der Frauenbewegung; dieser Satz hat sich mittlerweile vollständig umgedreht, so meint es jedenfalls Florian Illies in seinem Artikel „Mach dir keinen Stress!“ (die ZEIT, 1.1.2011) 

„Doch inzwischen ist das Politische vollständig privat geworden.“, schreibt Illies und bezeichnet damit die Veränderung im Sprachgebrauch von „Entspannung“, diesem so populären Begriff, welcher in den 70er Jahre noch für die Ost/West-Politik angestrebt wurde, dessen Bedeutung sich mittlerweile jedoch völlig in die private Sphäre zurückgezogen habe. Das „private“ daran ist, dass jede/r Einzelne für seine/ihre Entspannung persönlich verantwortlich ist: „Entspannung ist bei uns also Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Und das »Mach dir keinen Stress« und »Entspann dich!« sind ihre tyrannischen Imperative.“


Das nun wiederum ist ganz und gar nicht mehr privat, wie auch auch im Blog Begleitschreiben angemerkt wird; dieser hat eine interessante Replik
auf Illies Text verfasst, die diesen kritisch beleuchtet. Illies beschreibe zwar die Verhältnisse und ihre kapitalistische Grundbedingungen, verlasse diese jedoch nicht, und bringe keinen Gegenentwurf.

Zudem meint
Begleitschreiben, dass „Mach dir keinen Stress“ und „Entspann dich!“ durchaus keine tyrannischen Befehle sein müssen; auf die Zielrichtung komme es wohl an: dient die Entspannung lediglich zur Wiederherstellung verwertbarer Ressourcen, dann ist sie Mittel zum Zweck; ist sie aber Grundlage für „Muße“, d.h. für einen zweckfreien Zustand des Vor-Sich-Hin-Denkens, des Flanierens und des Spielerischen, dann ist sie Teil eines befreienden Aktes.

Zurück zu Illies, dem an dieser Stelle ein wenig Unrecht getan wird, wie ich meine. Nun, einen Gegenentwurf, eine Utopie findet man in Illies Text tatsächlich nicht, dazu ist der Grundton zu sarkastisch. Jedoch beinhaltet dieser Sarkasmus ja bereits die Sehnsucht nach etwas anderem; nach einem Zustand von „Entspannung“, welcher NICHT zweckgebundener Rekreation dient, sondern souverän für sich existiert.


Dabei kritisiert
Illies ja nicht die „Entspannung“ an sich; er kritisiert quasi deren Missbrauch:
„Kompensation und Rekreation sind den Menschen zwar erlaubt und werden ihnen angeraten – aber eben nur so weit, dass sie die zurückgewonnene Kraft wieder in den Produktionsprozess einsetzen.“.
Und damit verlässt er durchaus die Verhältnisse, welche er beschreibt.
Begleitschreiben formuliert Ähnliches, nur in „positiver" Form:
„Man entspannt sich immer von etwas, Muße hingegen meint eine Zeit, die als Maß nur sich selbst kennt. Das Subversive an ihr ist, dass sie die Zweck- und Nutzenrationalisierung von „Kapitalismus“ und Moderne durchbricht, und ihre Werte und Gewichtungen selbst setzt – Muße ist die Wahrnahme und Bewahrung von Freiheit; Muße entzieht sich aller Verfügbarkeit, weil sie auch immer bedeutet nichts (zielgerichtetes) tun zu können.“
Hier differenziert
Begleitschreiben im übrigen sehr schön zwischen den Begriffen „Entspannung“ (VON etwas, also gebunden an etwas anderes) und „Muße“ (als etwas für-sich-selbst stehenes, unabhängig von etwas).

Ich denke, Florian Illies und Blogger
Begleitschreiben vertreten denselben Ansatz; und ihre beiden Texte ergänzen sich sehr schön.

Und damit, zum guten Schluss:

* EIN HOCH AUF DIE MUSSE! *

Mittwoch, 26. Januar 2011

GOLDENE WORTE NO. 5

HEUTE VON: PEACHES

Ich habe generell ein Problem mit Autorität.
Wenn Autorität nur als Selbstzweck besteht,
ergibt das für mich keinen Sinn.“


in einem Interview mit der Zeitschrift MISSY, 2009



... und hier, zur allseitigen Unterhaltung, noch einmal das legendäre "Hairgrowing-Video" zu Set it Off

Montag, 17. Januar 2011

FILMTIPP: "STRIKE"

Streik: In Deutschland und Großbritannien eher scheel angesehen, in Frankreich immer wieder sehr angesagt (z.B. kürzlich anlässlich der bevorstehenden Rentenreformen) ...
Streik: ist eine mögliche effektive Form des Widerstands gegen übermächtige Strukturen.

Der bereits einige Jahre alte Film Strike (1998) thematisiert das Streik-Motiv innerhalb des Genres "Teenager-Komödie". Der Plot: Die engagierte Direktorin (Lynn Redgrave) einer Mädchenschule in den USA der frühen 60er Jahren hat es sich auf die Fahnen geschrieben, den Mädchen und jungen Frauen einen Freiraum zu geben, der es ihnen ermöglicht, ihr Potential und ihr Selbstbewusstsein voll zu entfalten. Dieser geschützte Raum ist jedoch bedroht: aus Geldgründen soll die Schule mit einer benachbarten Jungen-Schule zusammengelegt werden.

Für die Schülerin Verena von Stefan (Kirsten Dunst) und ihre Clique (namentlich: "Daughters of the American Ravioli") ist das nicht hinnehmbar. Gegen die Skepsis selbst ihrer nächsten Freundinnen plant sie, die bevorstehende Veranstaltung, bei der die Schüler der Jungen-Schule zu Gast sein sollen, zu sabotieren.

Durch einen mit hochprozentigem Alkohol getunten Punsch gelingt es tatsächlich, die Jungen derart zu blamieren, dass ein Zusammenschluss zunächst nicht mehr statthaft erscheint. Es kommt jedoch anders: Verena wird überführt, nachdem sie zudem mit einem der Jungen in "kompromittierender" Situation erwischt wurde; der Zusammenschluss wird dennoch vorangetrieben, den die Geldnot bleibt. Die Direktorin, gleichwohl stets auf die Internats-Räson bedacht, zeigt im Abschiedsgespräch mit Verena Sympathie mit deren Aktionen, sieht sie doch ganz realistisch ihre lebenslangen Ambitionen bedroht. Die renitente Schülerin lässt sie hoffen; Verena ist zum "Leader" geboren.

Zum "Leader" geboren ist jedoch noch eine andere Schülerin, Odette, aus deren Sicht als Neuankömmling an der Mädchenschule die ganze Geschichte erzählt wird. Das scheinbare "Aus" für den Freiraum "Mädchenschule" bedeutet für sie keineswegs das Ende – Während einer Eltern-Versammlung des "Trustee-Commitees" ruft sie ihre Mitschülerinnen zum Streik auf; alle sollen sich solange im Schulgebäude verschanzen, bis ihnen die Möglichkeit zur aktiven Abstimmung über die Zusammenlegungs-Pläne gewährt wird ...

"Strike" ist pädagogisch. Emanzipatorisch. Sehr unterhaltsam. Und sollte als Geburtstags-Geschenk für 12jährige obligatorisch sein.

"Strike", USA 1998, R: Sarah Kernochan. D. Kirsten Dunst, Gaby Hoffmann, Lynn Redgrave.


* Danke an Sabine Rollnik für den Film-Tipp!