Freitag, 23. März 2012

Wölfin im Schafspelz

Die französische Präsidentschafts-Anwärterin Marine Le Pen


Marine Le Pen ist die Tochter von Jean-Marie Le Pen, dem ehemaligen Protagonisten der rechten "Front National", und hat seit geraumer Zeit den Vorsitz übernommen. Präsidentschaftskandidatin möchte sie werden, und geht dabei ziemlich clever vor.

Schon ihre Erscheinung wirkt patent und durchaus sympahtisch (soweit wir das auf Pressefotos ersehen konnten); mit "Alten Nazis" und "Glatzen" hat diese Frau in ihrem Auftreten nichts mehr gemeinsam. Vom Antisemitismus ihres Vaters grenzt sie sich ab, und Schwule findet sie o.k. Die Sorgen der kleinen Leute hört sie sich auch an, etwa die der Fischer an der südfranzösischen Küste.

... Gut, da sind dann diese Plakate, zwei Stück nebeneinander: Auf dem linken wird ein bedeutender Anstieg von Gewalttaten plakatiert. Und auf dem rechten ein bedeutender Anstieg der Einwanderungs-Zahlen. Zusammenhang? natürlich!

Aber so plakativ geht Marine nicht immer vor. Da wird einem z.B. in einem kleinen Ort zwischen Rhône und Sevennen ein Flugblatt ans Auto gepappt. Dabei geht es um den Anstieg von Einbruchsdelikten. Beherzt zählt die Politikerin die unangenehmen Auswirkungen auf, welche Einbrüche auf die Opfer haben, nicht nur materiell, sondern auch emotional ... Sehr einfühlsam! Und die Justiz greift mal wieder nicht durch, und die Straftäter kommen bald wieder raus. Da werden diese natürlich geradezu ermutigt, weiterzumachen.

Also, das muss alles gerechter und strenger werden. Und dann kommt dieser eine Satz:

"Les Delinquents étrangers seront expulsés"

... ein kurzes Zusammenzucken gibt es da ... fast wäre das Sätzlein im engagierten Text des Flyers, flankiert vom sympathischen und vertrauenserweckenden Portrait untergegangen.

"Ausländische Verurteilte sollen ausgewiesen werden"

... "... na, ja, gut, wieso auch nicht. Wenn jemand sich nichts zu schulden kommen lässt, und sich angemessen aufführt, passiert einem ja auch nichts, oder? Immerhin sind die Ausländer hier zu Gast. Und die Justiz, na, ja, die ist doch auch zu lasch! Und an die Opfer denkt eh keiner ..."

Er kommt uns sehr bekannt vor, der letzte Absatz, nicht nur als Tenor von Frau Le Pen, sondern ebenso aus unserem Alltag, von Menschen, die man beim besten Willen nicht als "rechts" bezeichnen möchte, sondern eben nur als vernünftige, anständige Menschen. Aber was stimmt dennoch nicht an dieser scheinbar so nachvollziehbaren Argumentations-Weise, bzw. Position, die ihren festen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat.

Folgendes stimmt nicht, meinen wir:
Die Vorstellung von "Ausländern" als "Gästen", die sich anständig aufführen müssen, basiert auf der Prämisse, dass den "Inländern" (Damit sind dann offenbar jene gemeint, deren Vorfahren auch schon im jeweiligen Land lebten) dieses oder jenes Land (Deutschland, Frankreich) GEHÖRE ... so wie einem eben eine Wohnung gehört. Oder das Gärtchen. Diese Vorstellung ist jedoch eine Konstruktion; denn im Grunde ist es reiner Zufall, dass wir z.B. in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Daraus lässt sich aber kein "Naturrecht" ableiten, etwa, dass uns deshalb dieses Land gehöre, und wir deswegen hier bleiben dürfen. Es ist lediglich ein konstruiertes Recht. Denn genauso gut können wir sagen: Die Welt gehört allen. Und National-Staaten sind lediglich pragmatische Verwaltungs-Einheiten.

Und was Straftaten angeht: Verrückte Idee, aber: sollte es nicht darum gehen, was jemand TUT, und nicht darum, WOHER jemand KOMMT?

Vielleicht appelliert die patente Marine Le Pen also gar nicht an Vernunft und Gerechtigkeitssinn; sondern an ganz dumpfe Verlustängste?! So wird es wohl sein. Und sie macht das, leider, ziemlich clever. Noch nicht einmal der Partei-Name FRONT NATIONAL taucht mehr auf dem Flyer auf.

Das ist ja alles nichts Neues, was wir jetzt hier geschrieben haben. Aber leider ist es auch nicht veraltet, solange man rechtspopulistische Flyer ans Auto geklebt bekommt. Und diese lediglich als exotisches Urlaubssouvenir einzusacken, war dann doch irgendwie zu wenig.

Zumal Herr Sarkozy gerne auf Le Pens Wählerschaft schielt. Nach den Morden von Toulouse vom 19.3.2012 sollen ihm (laut FM4-Nachrichten vom 22.3.2012) zwei zusätzliche Prozent-Punkte an Wählerstimmen zugeflogen sein. Zusammenhang? wahrscheinlich.

AM 22.4. SIND PRÄSIDENTSCHAFTS-WAHLEN IN FRANKREICH.

Ob Frau Le Pen als Kandidatin dabei sein wird, steht noch nicht fest. Ihre Wählerschaft wird es aber sein.



Samstag, 3. März 2012

BABY I'M A STAR!

Andy Warhol, re-discovered


Andy Warhol ... das ist nun einer der bekanntesten Künstler überhaupt ... ein alter Hut, und Mainstream sowieso ... unlängst sahen wir uns dennoch den ersten Teil einer Doku auf ARTE an (Und wir sehen uns SELTEN Sendungen über KünstlerInnen an; weil diese zur absoluten Klischeehaftigkeit neigen; und meist bis zum Erbrechen die Geniehaftigkeit und das Aus-Dem-Alltäglichen-Gefallensein der besagten KünstlerInnen beschwören. Und eine Autarkie und einen Künstler-Mythos erzeugen, die mit der Realität selten übereinstimmen.)

Nun, diese Doku war teilweise nicht anders; besonders zu Anfang kamen Kunstkritiker zu Wort, die uns die geniale Arbeit des Künstlers erklären wollten. Glücklicherweise ging es dann rasch über in die biografischen Hintergründe des warholschen Lebens. Was in der Tat interessanter war, worauf wir hier aber gar nicht groß eingehen wollen.

Worauf wir eingehen wollen, ist, dass wir (klingt jetzt überkandidelt) den Künstler und die Person Warhol sozusagen "wiederentdeckt" haben. Denn irgendwie ist uns dieser Warhol, und wie er so war, und was er so machte, doch ziemlich nahe ...

Über seine Schüchternheit und Selbstzweifel brauch' mer' gar net reden ... jaja. Aber irgendwie hatte er auch eine ganz angenehme Haltung zu diesem "Kunstkram"; folgender Dialog-Wechsel markiert den Anfang der arte-Dokumentation.

Reporter: "... sind Ihre Werke nicht als Originale zu bezeichnen? Würden Sie dem zustimmen?"Andy: "Ja"
Reporter: "Warum nicht?"
Andy
: "Weil es keine sind."

Reporter: "Sie kopieren also nur einen Alltagsgegenstand?"

Andy
: "Ja"

Reporter: "Und warum haben Sie nicht etwas Neues geschaffen?"

Andy
: "Weil es einfacher ist"


... Welch sympathische Antwort! Von diesem Künstler-Genie-Kram, der als Mythos bis heute gilt (und im Nachhein auch jenen übergestülpt wurde, die, wie Beuys, oder eben Warhol, etwas ganz anderes vorhatten, also, von diesem unsäglichen "ich-schaffe-autonom-aus-mir-heraus-was-völlig-neues" hielt Andy wohl nicht soviel. Vom Berühmt-Werden umso mehr. Von Popstars war der bereits erfolgreiche Werbegrafiker fasziniert (so wie wir.); also hat er sie auch gleich in seiner Kunst verwurstet (auch wie wir!); berühmt werden wollte er ebenso wie sie (bei uns eher latent vorhanden, dies Bedürfnis).
Wenngleich ein schüchterner und introvertierter Mensche, der gern eher am Rande stand und beobachtete, verbarg Warhol dennoch seine sexuelle Orientierung weniger als so manche Künstlerkollegen; so sagt es jedenfalls die ARTE-Doku, und führt die erfolgreichen Popart-Künstler Robert Rauschenberg und Jasper Johns an, welche, obgleich sogar ein Paar, nach außen hin offenbar lieber die Heterosexuellen Alpha-Männer gaben. Wer hätte es ihnen auch verdenken sollen in Zeiten, in denen es buchstäblich verboten war, in Hollywood-Filmen Homosexualität überhaupt zu nennen; nur war der Star-Bewunderer Warhol in dieser Hinsicht offener. Seinen Künstlerkollegen war er zu "tuntig".

Was die Kollegen Rauschenberg und Jaspers an Warhol auch nicht mochten: seine fehlende Distanz zum schnöden Geld-Verdienen. Zwar waren die beiden Künstler vormals auch kommerziell tätig, hatten damit jedoch nach Beginn ihrer Künstlerkarriere abgeschlossen. Im Gegensatz zu Andy Warhol. Dieser grenzte sich weder gegen die Waren- noch gegen die oberflächliche Alltags- oder Medien-Welt ab. Stattdessen umarmte er all dies offensiv.

Gerade mit dieser Haltung dürfte Warhol noch heute als revolutionär gelten. Oder gar als Dorn im Auge. Denn das "Geld-Verdienen", das geht nicht, als KünstlerIn. Als RICHTIGE/R KünstlerIn. Man spricht nicht darüber, es gilt als peinlich, als Affront ... und es ist SO reaktionär, dies Künstler-Bild des 19. Jahrhunderts. Wir mögen es einfach nicht mehr. Wir hören vielleicht einfach auf, RICHTIGE Künstlerin zu sein. Und werden WARHOL. Vielleicht lernen wir dann auch ein paar Stars kennen.