Freitag, 25. November 2011

TEIL 2 OCCUPY – DIE KRITIK


Natürlich gibt es auch viel Kritik an der "Occupy-Bewegung":
... zu naiv und oberflächlich sei sie.
... Habe keine konkreten Forderungen.
... Sei eine "Lifestyle-" und "Wohlfühl-Bewegung".
... Ein intellektueller Überbau würde fehlen.
... "Hauptsache Dagegen" sei sie, und mache es sich gar zu einfach mit Slogans wie "gegen die Banken" und dem pauschalen und undifferenzierten "We are 99%".
... Gegenüber Antisemitismus grenze sie sich nicht genügend ab – gibt es doch unfassbarerweise noch immer genügend Menschen, welche "die Banken", wie einst die Nazis, mit "dem Weltjudentum" gleichsetzen.
... Gegenüber obskuren Gruppierungen wie der sektenartigen "Zeitgeist-Bewegung" grenze sie sich ebenso unzureichend ab.
... Als "Links" würde sie sich auch nicht definieren.
... Und immer wieder würden in Aufrufen, auf Flyer oder ähnlichem, Schlagworte verwendet, welche auch in nazionalsozialistischen Kontexten auftauchten (Beispiel: "Plutokratie").

Das sind dann nun alles, jeder einzelne, Vorwürfe, die mich bedrücken.
Verleiden sie mir doch meine arglose Euphorie und meine Aufbruchstimmung. Und ich komme mir zeitweise dumm und oberflächlich vor, weil ich: nicht genügend recherchiert habe; nicht genügend Kommentare und Blogs und Online-Zeitungen gelesen habe; und offenbar nicht richtig "links" (und damit am Ende, ohne es zu wollen und zu merken, "rechts"??) bin ... Da bröckelt das schöne Gefühl der Selbstermächtigung; ist denn nun alles wieder wie vorher?

Nein. So soll das nicht sein.

Denn im Grunde weiß ich doch, was ich möchte; auch wenn mir die Umsetzung noch nicht ganz klar ist; zu den von mir skizzierten Kritiken an OCCUPY bin ich jedoch durchaus in der Lage, Stellung zu nehmen. Und das tue ich hiermit (auch, damit ich selber klarer sehe):

01) "Die OCCUPY-Bewegung" wird, so scheint es mir, in vielen Kommentaren und eben auch Kritiken, als einheitliche Gruppierung wahrgenommen. Etwa so wie eine Partei. Oder wie eine Nicht-Regierungs-Organisation.
Ich denke: das ist sie NICHT. Und erhebt auch keinen Anspruch darauf. Für mich persönlich ist OCCUPY eher eine Art Konzept, mit der Gesellschaft und mit der Welt umzugehen, unter der Prämisse bestimmter Werte wie: Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenrechte.

OCCUPY bedeutet dem Wortsinne ja "besetzen"; und besetzt werden hier Institutionen der Gesellschaft, nämlich in demokratischer Weise von den Menschen, die den Staat und die Gesellschaft ausmachen (sollten). Von potenziell ALLEN Menschen, und nicht nur von bestimmten Eliten. Mensch holt sich etwas zurück, was ein Stück weit verlorengegangen zu sein scheint: die verantwortliche Teilhabe und Mitbestimmung an der Gesellschaft. Sei es durch Demonstrationen, sei es durch Bankenwechsel oder Stromanbieterwechsel. Sei es durch nachhaltigen Konsum. Es gibt viele Möglichkeiten.
Ich ziehe für mich eine Parallele zum "Feminismus", den es als solchen auch nicht gibt; nicht als einheitliche Gruppierung mit einem Programm. Und da werde ich vielem, was andere Feminist*innen von sich geben, vielleicht gar nicht zustimmen; und dennoch nenne ich mich selber so. So ähnlich sehe ich auch das OCCUPY-Phänomen.

02) Ist es NAIV, Solidarität und Gerechtigkeit einzufordern? In der Tat, so etwas gilt vielen als belächelnswerter Idealismus: "Wir denken, wir sind klüger jetzt, und Rebellion ein schlechter Witz", singt Bernadette LaHengst in "Der Beste Augenblick in Deinem Leben" (Trikont, 2000).
Ja, mit Zynismus lässt es sich viel leichter brillieren; mensch weiß Bescheid, und hat die Realität durchschaut, und den Glauben an die Menschheit eh schon lange verloren. Der Vorteil ist auch, dass man gar nicht mehr nachdenken muss (z.B. was anders und besser sein könnte). Aber ob DAS "klug" ist?

Naiv ist es im übrigen, zu konstatieren (unlängst in der ZEIT), dass "OCCUPY" nach mehreren Wochen noch keine signifikanten Erfolge vorzuweisen habe. Ein Motto bei Aktivist*innen in Spanien lautet: ”Vamos devagar porque vamos longe" ("Wir bewegen uns langsam, denn wir wollen weit kommen.")

03) "Konkrete Forderungen" , wie z.B. die nach einer Transaktions-Steuer oder nach gerechter Besteuerung, wären z.B. nachzulesen hier:

http://www.occupyfrankfurt.de/unsere-ziele/
04) "Lifestyle-" und "Wohlfühl-Bewegung"
Stimmt. Ich habe mich SEHR wohlgefühlt, als ich in der Menschenkette stand, am 12. November in Frankfurt, mit lauter unterschiedlichen Leuten, in dieser ausgelassenen und friedlichen Stimmung. Und den zahlreichen selbstgestalteten Transparenten und Schildern, denen man ansah, dass es den Leuten eine Herzensangelegenheit war. Was es mit "Lifestyle" zu tun hat, wenn mensch samstags stundenlang auf der Straße herumläuft, weiß ich nicht; schon gar nicht, wenn man bei unangenehmen Temperaturen in Zelten vor der EZB campiert (was ich persönlich nie tun würde. Es wäre mir viel zu unbequem.)

05) "We are 99%" IST ein pauschaler und undifferenzierter Slogan. Das kommt daher, dass es ein SLOGAN ist. Und dieser Slogan deutet an, dass der allergrößte Teil der Macht und des Geldes in den Händen von eher wenig Leuten liegt; dass die soziale Schere auch in so wohlhabenden Ländern wie Deutschland signifikant auseinandergeht; dass es bestimmte Herrschaftsverhältnisse gibt, welche nicht naturgegeben sind.
Dass diese 99% nicht einheitlich sind, bedarf meiner Ansicht nach keiner Erwähnung; selbstverständlich bin ICH 1.000fach privilegiert, weil ich als Weiße aus gutbürgerlichen Verhältnissen zufällig in Deutschland lebe; dennoch fühle ich als Freiberuflerin Existenz-Ängste, die andere vielleicht nicht haben. Und außerdem geht es auch noch um Solidarität mit jenen, die nicht so privilegiert sind; und um die Umverteilung von Privilegien.
06) Gegen Antisemitismus, Rassimus, Nationalismus, Sexismus, obskuren Gruppierungen, und ähnliche Ekelhaftigkeiten grenze ich mich selbstverständlich ab (Aber gibt es all das nicht auch in der LINKEN, welche sich ja, so scheint es, stets als besonders kritisch gibt?). Im Gegenteil empfinde ich es als Unverschämtheit, in Verbindung mit solchem oder ähnlichem Gedankengut gebracht zu werden. Punkt. Ich kann allerdings nur für mich sprechen. Denn ich gehöre ja keiner "BEWEGUNG" an. Keiner Partei. Das möchte ich auch nicht.

07) was bedeutet eigentlich "links"? B.z.W. Wer ist eigentlich diese LINKE?

08) Diejenigen, welche einen intellektuellen Überbau der "OCCUPY-Bewegung" fordern, sollten sich einmal fragen, wie sie es mit den "Ausschluss-Tendenzen" von Herrschafts-Wissen halten.

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Abschluss: Kritik ist wichtig. Kritik hat den Zweck, Dinge zu hinterfragen. Zu fragen, wo diese Dinge herkommen. Ob sie das sind, was sie scheinen. Ob sie nicht auch anders sein könnten. Z.B. besser; gerechter; sozialer, was auch immer.
Kritik ist also ein Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck ist konstruktiv. KONSTRUKTIV.

Kritik ist KEIN Selbstzweck. Kritik sollte nicht missbraucht werden, um an einer Sache ausschließlich die zweifelhaften Aspekte herauszuheben; und die positiven Aspekte völlig unter den Tisch fallen zu lassen (kann es sein, dass dies ein "typisch deutsches" Phänomen ist? Oh je, jetzt werde ich selber noch nationalistisch!!).
Letzterer Art von Kritik würde ich persönlich unterstellen, kein konstruktives Mittel für einen "guten" Zweck mehr zu sein; sondern einfach ein sehr eigennütziges Mittel zur persönlichen Profilierung. Die letztlich dazu dient, keine Schwächen zu zeigen. Denn wenn mensch etwas positiv kritisiert oder gar Begeisterung und Euphorie zeigt, dann zeigt er/sie Schwäche. Und entblößt sich. Das ist nicht leicht.

Nachtrag:
Die Ironie an der Sache ist: Wie oft wurde mir schon gesagt: "MUSST Du immer alles hinterfragen??"

Sonntag, 20. November 2011

TEIL 1 OCCUPY – WIE ALLES BEGANN


Es war Anfang Oktober, da las ich im Blog der Autorin Katja Kullmann einen Artikel über ihre USA-Reise.

Darin erzählt sie, dass sie am 17. September in New York City war, also eben an jenem Tag, als es im südlichen Manhattan zur ersten großen OCCUPY WALLSTREET-Demo kam. Und als sie plötzlich das Gefühl hatte, dass sich etwas bewegt; ein Gefühl der „Lebendigkeit".

Natürlich hatte ich schon am Rande von den OCCUPY-WALLSTREET-Demos gehört, und gedacht: "Wie toll, dass man jetzt auch in der westlichen Welt auf die Straße geht." Als ich nun Katja Kullmanns Artikel las, da konnte ich plötzlich auch dieses Gefühl der Lebendigkeit nachempfinden; ein Gefühl, dass nicht alles stillsteht, bzw. seinen unabänderlichen Gang geht (Stichwort: "alternativlos"); dass die gefühlte Ohnmacht kein Naturgesetz sein muss; sondern dass sich etwas ändern kann. Wenn man auch noch nicht so genau weiß, wie.

Und ich dachte, "ach, wenn es sowas doch auch in Frankfurt gäbe (meine Nachbarstadt, voller Banken und Börsen)"; flugs gab ich dies, laut gedacht, auf Facebook ein, und erhielt prompt den Kommentar eines Bekannten, in welchem er mich auf die bevorstehenden OCCUPY-Demonstrationen in Frankfurt (und auf der ganzen Welt) für den 15. Oktober hinwies.

Ich war hocherfreut. Und ging tatsächlich am Samstag, den 15. Oktober mit einigen Freunden und Bekannten zur Demo nach Frankfurt am Main; vorher an diesem Morgen hatte mir mein Lieblingsradiosender fm4 (aus Österreich, via Internet zu empfangen) mitgeteilt, dass es auch in mehreren österreichischen Städten zu Demos kommen würde; und insgesamt würde weltweit in 82 Ländern demonstriert. Und ich hatte, wie selten zuvor, plötzlich ein Gefühl von ... "Selbstermächtigung"? ("Allmacht" klänge zu größenwahnsinnig) Von "Ich bin ganz viele!"

... bei der Demo in Frankfurt waren dann ca. 5.000 Menschen, die sich vom Rathenauplatz (wo ein Denkmal des Herrn Goethe steht) bis zum Vorplatz der Europäischen Zentralbank (EZB) bewegten. Vor der EZB wurde an diesem Tag ein Camp errichtet. Welches sich bis zum heutigen Tage dort befindet.

Und ich hatte an diesem Tag das Gefühl, bei einem "historischen" Ereignis dabeigewesen zu sein. Noch Tage danach schwelgte ich in euphorischer Stimmung; zum ersten Mal seit langen war das stetig nagende Gefühl der Unsicherheit und der Ohnmacht überwunden, überwältigt von einem Selbstgefühl, dass "eine bessere Welt möglich ist" (wie es, so oder so ähnlich, ATTAC formuliert); dass die vielen Einzelnen gemeinsam etwas Konstruktives bewirken können; dass wir nicht wie die Kaninchen vor der Schlange den Erpressungen des "Freien Marktes" ausgeliefert sind; dass es nicht so sein muss, dass die sogenannte "3. Welt" für unseren Wohlstand und unsere Bedürfnisse bluten muss. Dass Solidarität möglich ist.

Jetzt ist das einige Wochen her; ich war seither 3mal beim Camp vor der EZB, als Zaungast; und bei zwei weiteren Demos, eine davon die "Bankenumzingelung" am 12. November 2011, bei der in Frankfurt ca. 8.000 bis 10.000 Menschen in einer Menschenkette das gesamte Bankenviertel "umzingelten" (zeitgleich wurde in Berlin das Regierungsviertel eingekreist). Natürlich weicht die Euphorie dem Alltag; dennoch hat sich bei mir etwas eingepflanzt; ein Funke, ein Selbstgefühl, ein Bewusstsein. Und ich möchte, dass das weiterwächst. Es braucht Durchhaltevermögen und Ausdauer.

TEIL 2 folgt in bälde.