Montag, 31. Januar 2011

„Das Private ist politisch“, so hieß es seit den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts aus den Reihen der Frauenbewegung; dieser Satz hat sich mittlerweile vollständig umgedreht, so meint es jedenfalls Florian Illies in seinem Artikel „Mach dir keinen Stress!“ (die ZEIT, 1.1.2011) 

„Doch inzwischen ist das Politische vollständig privat geworden.“, schreibt Illies und bezeichnet damit die Veränderung im Sprachgebrauch von „Entspannung“, diesem so populären Begriff, welcher in den 70er Jahre noch für die Ost/West-Politik angestrebt wurde, dessen Bedeutung sich mittlerweile jedoch völlig in die private Sphäre zurückgezogen habe. Das „private“ daran ist, dass jede/r Einzelne für seine/ihre Entspannung persönlich verantwortlich ist: „Entspannung ist bei uns also Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Und das »Mach dir keinen Stress« und »Entspann dich!« sind ihre tyrannischen Imperative.“


Das nun wiederum ist ganz und gar nicht mehr privat, wie auch auch im Blog Begleitschreiben angemerkt wird; dieser hat eine interessante Replik
auf Illies Text verfasst, die diesen kritisch beleuchtet. Illies beschreibe zwar die Verhältnisse und ihre kapitalistische Grundbedingungen, verlasse diese jedoch nicht, und bringe keinen Gegenentwurf.

Zudem meint
Begleitschreiben, dass „Mach dir keinen Stress“ und „Entspann dich!“ durchaus keine tyrannischen Befehle sein müssen; auf die Zielrichtung komme es wohl an: dient die Entspannung lediglich zur Wiederherstellung verwertbarer Ressourcen, dann ist sie Mittel zum Zweck; ist sie aber Grundlage für „Muße“, d.h. für einen zweckfreien Zustand des Vor-Sich-Hin-Denkens, des Flanierens und des Spielerischen, dann ist sie Teil eines befreienden Aktes.

Zurück zu Illies, dem an dieser Stelle ein wenig Unrecht getan wird, wie ich meine. Nun, einen Gegenentwurf, eine Utopie findet man in Illies Text tatsächlich nicht, dazu ist der Grundton zu sarkastisch. Jedoch beinhaltet dieser Sarkasmus ja bereits die Sehnsucht nach etwas anderem; nach einem Zustand von „Entspannung“, welcher NICHT zweckgebundener Rekreation dient, sondern souverän für sich existiert.


Dabei kritisiert
Illies ja nicht die „Entspannung“ an sich; er kritisiert quasi deren Missbrauch:
„Kompensation und Rekreation sind den Menschen zwar erlaubt und werden ihnen angeraten – aber eben nur so weit, dass sie die zurückgewonnene Kraft wieder in den Produktionsprozess einsetzen.“.
Und damit verlässt er durchaus die Verhältnisse, welche er beschreibt.
Begleitschreiben formuliert Ähnliches, nur in „positiver" Form:
„Man entspannt sich immer von etwas, Muße hingegen meint eine Zeit, die als Maß nur sich selbst kennt. Das Subversive an ihr ist, dass sie die Zweck- und Nutzenrationalisierung von „Kapitalismus“ und Moderne durchbricht, und ihre Werte und Gewichtungen selbst setzt – Muße ist die Wahrnahme und Bewahrung von Freiheit; Muße entzieht sich aller Verfügbarkeit, weil sie auch immer bedeutet nichts (zielgerichtetes) tun zu können.“
Hier differenziert
Begleitschreiben im übrigen sehr schön zwischen den Begriffen „Entspannung“ (VON etwas, also gebunden an etwas anderes) und „Muße“ (als etwas für-sich-selbst stehenes, unabhängig von etwas).

Ich denke, Florian Illies und Blogger
Begleitschreiben vertreten denselben Ansatz; und ihre beiden Texte ergänzen sich sehr schön.

Und damit, zum guten Schluss:

* EIN HOCH AUF DIE MUSSE! *

Mittwoch, 26. Januar 2011

GOLDENE WORTE NO. 5

HEUTE VON: PEACHES

Ich habe generell ein Problem mit Autorität.
Wenn Autorität nur als Selbstzweck besteht,
ergibt das für mich keinen Sinn.“


in einem Interview mit der Zeitschrift MISSY, 2009



... und hier, zur allseitigen Unterhaltung, noch einmal das legendäre "Hairgrowing-Video" zu Set it Off

Montag, 17. Januar 2011

FILMTIPP: "STRIKE"

Streik: In Deutschland und Großbritannien eher scheel angesehen, in Frankreich immer wieder sehr angesagt (z.B. kürzlich anlässlich der bevorstehenden Rentenreformen) ...
Streik: ist eine mögliche effektive Form des Widerstands gegen übermächtige Strukturen.

Der bereits einige Jahre alte Film Strike (1998) thematisiert das Streik-Motiv innerhalb des Genres "Teenager-Komödie". Der Plot: Die engagierte Direktorin (Lynn Redgrave) einer Mädchenschule in den USA der frühen 60er Jahren hat es sich auf die Fahnen geschrieben, den Mädchen und jungen Frauen einen Freiraum zu geben, der es ihnen ermöglicht, ihr Potential und ihr Selbstbewusstsein voll zu entfalten. Dieser geschützte Raum ist jedoch bedroht: aus Geldgründen soll die Schule mit einer benachbarten Jungen-Schule zusammengelegt werden.

Für die Schülerin Verena von Stefan (Kirsten Dunst) und ihre Clique (namentlich: "Daughters of the American Ravioli") ist das nicht hinnehmbar. Gegen die Skepsis selbst ihrer nächsten Freundinnen plant sie, die bevorstehende Veranstaltung, bei der die Schüler der Jungen-Schule zu Gast sein sollen, zu sabotieren.

Durch einen mit hochprozentigem Alkohol getunten Punsch gelingt es tatsächlich, die Jungen derart zu blamieren, dass ein Zusammenschluss zunächst nicht mehr statthaft erscheint. Es kommt jedoch anders: Verena wird überführt, nachdem sie zudem mit einem der Jungen in "kompromittierender" Situation erwischt wurde; der Zusammenschluss wird dennoch vorangetrieben, den die Geldnot bleibt. Die Direktorin, gleichwohl stets auf die Internats-Räson bedacht, zeigt im Abschiedsgespräch mit Verena Sympathie mit deren Aktionen, sieht sie doch ganz realistisch ihre lebenslangen Ambitionen bedroht. Die renitente Schülerin lässt sie hoffen; Verena ist zum "Leader" geboren.

Zum "Leader" geboren ist jedoch noch eine andere Schülerin, Odette, aus deren Sicht als Neuankömmling an der Mädchenschule die ganze Geschichte erzählt wird. Das scheinbare "Aus" für den Freiraum "Mädchenschule" bedeutet für sie keineswegs das Ende – Während einer Eltern-Versammlung des "Trustee-Commitees" ruft sie ihre Mitschülerinnen zum Streik auf; alle sollen sich solange im Schulgebäude verschanzen, bis ihnen die Möglichkeit zur aktiven Abstimmung über die Zusammenlegungs-Pläne gewährt wird ...

"Strike" ist pädagogisch. Emanzipatorisch. Sehr unterhaltsam. Und sollte als Geburtstags-Geschenk für 12jährige obligatorisch sein.

"Strike", USA 1998, R: Sarah Kernochan. D. Kirsten Dunst, Gaby Hoffmann, Lynn Redgrave.


* Danke an Sabine Rollnik für den Film-Tipp!