Mittwoch, 15. September 2010

Quentin Tarantino. Frauenfilmer.

Unlängst sah ich endlich im Fernsehen "Death Proof". Und ich sah meine heimliche These bestätigt: Regisseur Tarantino macht eigentlich Frauenfilme. Die Handlung in einem Satz: pensionierter sadistischer Stuntman bringt Frauen mittels seines "totsicheren" Autos zu Tode, hat sich aber bei der Frauen-Clique um Rosario Dawson arg verrechnet.

Nun, ich möchte meine These nicht verallgemeinern. "Reservoir Dogs" habe ich nicht gesehen. "Pulp Fiction" ist ein "Jungs-Film", und "Inglorious Basterds" ist es, der Besetzungsliste nach, auch.

Ich beziehe mich in diesem Post auf die Filme Jackie Brown, Kill Bill I & II und den obengenannten Death Proof. Zunächst gilt es natürlich, den Begriff "Frauenfilm" zu klären. Dazu nehme ich zunächst Bezug auf den "Bechdel-Test" von US-Amerikanerin Alison Bechdel: „(...) der zuerst 1985 im Comic-Strip „The Rule“ auftaucht. Eine Person sagt in diesem Comic, dass sie nur Filme sähe, auf die die folgenden Bedingungen zuträfen:
1. Es spielen mindestens zwei Frauen mit,
2. die sich miteinander unterhalten,
3. über etwas Anderes als einen Mann. (...)"

Bechdels "Fragenkatalog" ist ein sehr brauchbares Instrument, um die Präsenz von Frauen im Film zu untersuchen.


Der Film "Jackie Brown" kann sicherlich noch am wenigsten alle drei Fragen des Bechdel-Tests mit ja beantworten, denn hier spielt sich kaum ein nennenswertes Gespräch zwischen der Protagonistin und einer anderen weiblichen Figur ab.

Dennoch ist "Jackie Brown", neben seiner Eigenschaft als cooles Gangster-Movie, ein differenziertes Portrait einer nicht mehr ganz jungen Frau, die an einem Punkt angekommen ist, an dem sie sich fragt, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Und sie handelt. Am Ende übertölpelt sie FBI und Gangster und schnappt sich das ganze Geld. Auch auf ein hollywood-likes Happy-End zwischen ihr und dem sympathischen Kautionsberater Max Cherry bleibt aus. Am Ende sehen wir "Jackie Brown" (Pam Grier), wie sie im Auto in ihre Zukunft fährt. Im Auto-Radio ertönt "Street Life" von Randy Crawford.


Film Nummer zwei IST definitiv ein "Frauenfilm". Soviel weibliche Actionhelden gab es nie in einem Film wie in KILL BILL.

Neben der Hauptfigur sehen wir O-ren Ishi, Yakuza-Chefin, Elle Driver und "Cotton Mouth", allessamt Ex-Killer-Kolleginnen der Protagonistin. Dazu kommen noch diverse weibliche Nebenfiguren. Es gibt reichlich Unterhaltungen, die sich keineswegs um Männer drehen. Sondern um Rache.

Die traditionell "männliche" Rolle des einsamen, skrupellosen Helden, der sich an seinen früheren Peinigern rächt, wird weitestgehend umgestülpt und auf weibliche Figuren projiziert. Lediglich am Ende des zweiten Teils wird impliziert, dass die Hauptfigur "The Bride" ihren Rachefeldzug hauptsächlich aus mütterlichen Gefühlen durchführt. Dieses Motiv wird jedoch nur sehr randständig ausgeführt.


Mehr "Frauenfilm" als der dritte von mir angeführte, "Death Proof", kann es eigentlich kaum geben. Im Vordergrund stehen hier lange, alltägliche Gespräche über "Typen", kürzliche Erlebnisse und waghalsige Stunts. Der weiblichen Clique im ersten Teil des Films gelingt es leider nicht, den sadistischen Anschlägen des Ex-Stuntmanns Kurt Russel zu entkommen. Zur Vierer-Frauen-Clique, die wir im zweiten Teil kennenlernen, gehören dann aber ebenfalls zwei Stuntfrauen, die sehr gut im Geschäft sind (eine der Figuren spielt sich dabei selber, nämlich Stuntfrau Zoë Bell, die wiederum Uma Thurmann in Kill Bill doubelte).

Zoë überredet ihre Freundin und Stuntfrau-Kollegin zu einem waghalsigen Stunt auf der Motorhaube des Wagens bei rasender Geschwindigkeit. Ex-Stuntmann Russel, ebenfalls wieder im Auto unterwegs, glaubt, in der Clique neue Opfer gefunden zu haben, und zu seinem Vergnügen gelingt es ihm, den Wagen der Frauen bei voller Fahrt zu rammen, und das während Zoës leichtsinnigen Stunts.

Womit Russel nicht rechnet: die Frauen denken nicht daran, sich verängstigt aus dem Staub zu machen, nachdem sie der Attacke gerade noch entkommen sind. Vergeltung ist ihr Ziel, und so drehen sie den Spieß um und jagen den konsternierten Ex-Stuntmann über die staubige Landstraße. Und sie geben nicht auf, bis Russel, von allen verprügelt, ohnmächtig zu Boden geht. Dann senkt sich der Slogan "The End" über den Bildschirm. Und man bleibt mit einem sehr befriedigten Gefühl zurück. Zumindest ich (Katharsis nennt man das, glaube ich).

Die Frauen in "Death Proof" sind zunächst einmal durch ihre Anzahl unglaublich präsent Und durch die Menge an Zeit, in der sie präsent sind. Sie sind es ebenso durch ihre Gespräche, die, gerade durch ihre Banalität (die Tarantino in "Pulp Fiction" hauptsächlich den männlichen Protagonisten zugesteht), an Wichtigkeit und Coolness gewinnen. Und sie sind es durch die zum Teil ungewöhnliche Charakterisierung. Eine Stuntfrau, die aus Spaß auf einer Kühlerhaube durch die Gegend rast, kaum gesichert durch Gurte, an denen sie sich festhält, habe ich noch nie in einem Film gesehen. Solche und ähnliche Späße bleiben meist den Jungs vorbehalten.

Also, Danke, Quentin Tarantino ... Hat viel Spaß gemacht. Bis zum nächsten Mal!

Kommentare:

  1. Hier bin ich: GlamRockMieze aka zerosista
    Gerne habe ich mich mal wieder zu Deinem Blog verirrt und auch wieder gerne gelesen.
    Interessantes Thema. Mir fiel sofort der Film "Drei Engel für Charlie" ein, ich liebe beide Teile. Sehr cool, sehr straight, sehr tough (so mag ich Denglisch).
    Okay, Hollywoodmainstream sind die Filme auf jeden Fall, aber dennoch zeigen sie, dass auch Frauen Spaß haben können, wenn sie nicht in der nächsten Boutique shoppen gehen.
    Mehr davon.
    Danke

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  2. @glamrockmieze

    ... "charlies angels" ist auch toll! ... dieser mut zur albernheit. es ist auch beachtlich, dass immer die freundschaft der 3 hauptfiguren im vordergrund steht und nicht ihre männer-beziehungen. das kommt selten vor. Mainstream muss ja nichts schlechtes sein ...
    ... ps. werte zerosista, ich habe deine blog mit meinem verlinkt :-)

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