Dienstag, 9. November 2010

KRISTINA SCHRÖDER. VON GESTERN.

Am Montag, den 9.11.2010, gab Bundesfamilienministerin Kristina Schröder den SPIEGEL-Journalisten René Pfister und Markus Feldkirchen ein Interview. In diesem rechnet sie einmal mehr kenntnisreich mit dem FEMINISMUS ab. Zu dumm nur, dass das, was Frau Schröder sich unter Feminismus vorstellt, in etwa dem Diskurs einiger radikaler Gruppierungen um 1975 entspricht: "Es gab in der Tat eine radikale Strömung, die in diese Richtung argumentiert hat und die Lösung darin sah, lesbisch zu sein." ... ja, gabs. Aber was hat das mit dem Hier und Heute zu tun? Was hat Frau Schröder zu gegenwärtigen feministischen Strömungen zu sagen? Nichts, denn sie kennt diese nicht.

Was Frau Schröder ebenso unbekannt ist, ist offenbar die Fähigkeit, Phänomene zu hinterfragen. Das muss sie auch nicht: "Für mich bedeutet Konservatismus, die Realität zu akzeptieren." Aha. Genau. Gibt ja auch nur EINE Realität. Da muss man sich nicht fragen: WESHALB eigentlich ein Germanistik-Studium weniger Chancen auf lukrative Bezahlung verspricht, als etwas Elektro-Technik? WESHALB Frauen sich in der Tat oft nicht trauen, ein höheres Gehalt zu fordern? OB das wirklich war ist, dass Jungs sich für Fußball, und Mädchen sich für "Schmetterlinge und Ponys" interessieren? WESHALB sowenig Männer im Pädagogik-Bereich tätig sind. IST HALT SO (vermutlich von Natur aus). Und der Markt wirds sowieso schon richten. JA. Die Welt kann so einfach sein.

Bleibt nur ein letzter Widerspruch: Am Ende des Interviews räumt Schröder ein, dass ihre Karriere in der Zeit vor dem Femismus nicht möglich gewesen wäre. ... und dann sagt sie so Sachen wie: „Wenn zwei Frauen dabei aneinandergeraten, heißt es immer Stutenbissigkeit. Wenn es zwei Männer sind, spricht niemand von Hengstbissigkeit. Die schärfen dann ihr Profil." ... und auf besonders blöde, oder soll ich sagen, übergriffige Fragen der SPIEGEL-Reporter* mag Kristina Schröder gar nicht antworten:


SPIEGEL: In Ihrer Abi-Zeitung stand auch, Sie hätten gern Familie und Kinder. Jetzt sind Sie 33, sind Ministerin, aber haben keine Kinder. War es das wert?

Kristina Schröder: Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich darauf antworte.

SPIEGEL: Sie sind doch Familienministerin.
Kristina Schröder: Fragen Sie auch den Gesundheitsminister, wann er bei seiner Vorsorgeuntersuchung war?

SPIEGEL: Damit hätten wir kein Problem.

Kristina Schröder: Das glaube ich sofort.

... nun, ja. Vielleicht hat Frau Schröder auch lichte Momente. Oder vielleicht kommen noch die ein oder anderen Momente, wo sie merkt, dass Feminismus eigentlich eine vernünftige Sache ist, von der alle was haben.

... UND HIER NOCH EIN PAAR BESONDERS INTELLIGENTE FRAGEN von Seiten der Reporterschaft des SPIEGELS (tja, für eine Reflektion gesellschaftlicher Fragen fehlts dann doch irgendwo.):
* Haben Sie schon als Schülerin Miniröcke und Pumps getragen?
* Wie finden Sie Alice Schwarzer?
* Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war ja, ein Referat für die Opfer des Feminismus einzurichten.
* Ist es nicht selbstverständlich, dass Familienministerinnen auch über ihr Familienleben Auskunft geben?
* Wer kocht bei Ihnen zu Hause?
* Also, wer kocht nun? Von Ihnen weiß man ja immerhin, dass Sie leidenschaftlich backen.
* Gibt es eigentlich Stutenbissigkeit in der Politik?
* Also ist diese Bissigkeit unter Frauen nicht stärker ausgeprägt?

... ACH JA. Was mich an der ganzen Angelegenheit am meisten nervt, ist die Inszenierung des öffentlichen sogenannten "Zickenkrieges" zwischen Schröder und Alice Schwarzer, wie er heute Morgen (9.11.2010) auf der BILD-Zeitung kolportiert wurde. Da lachen sie wieder, die Stammtische und die Maskulinisten in den SPIEGEL- und ZEIT-online-Foren ...

ZUM WEITERLESEN:

Hier antwortet ALICE SCHWARZER
(die einzige Feministin der Welt. Glaubt jedenfalls der SPIEGEL)

... und hier diskutiert die MÄDCHENMANNSCHAFT über das Ganze (huch, es gibt NOCH MEHR feministInnen?)

... und auf Nadine Lantzschs MEDIENELITE gibts sogar einen ANTI-FEMINISMUS-SONG. Für Kristina Schröder zum mitsingen.

Kommentare:

  1. Liebe Werauchimmer, du fraxt "OB das wirklich war ist, dass Jungs sich für Fußball, und Mädchen sich für 'Schmetterlinge und Ponys' interessieren?"
    Das fehlende h in "war" halte ich für eine wunschdenkende Freudsche Fehlleistung.
    Aber ich muss dich enttäuschen: Es war nicht, sondern es ist tatsächlich wahr (believe me: bin Lehrkraft).
    Insgesamt SUPER Text. Leider hab ich keine Ahnung, worum's geht, weil kein Fernseher - nie gehabt, nie werde haben. Nicht zuletzt wegen solcher Sendungen (obwohl: schlimmer geht immer).

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  2. @Charlotte:
    ... mag sein, dass das "war/wahr" eine freudsche fehlleistung wa(h)r ... das glaube ich gerne, dass du als lehrkraft solche erfahrungen machst. Erst unlängst las ich folgenden Artikel: "Der Berliner Tagesspiegel hat Grundschullehrkräfte gebeten, Kinder im Alter von ungefähr zehn Jahren einen Text zum Thema “Warum ich gerne eine Mädchen/Junge bin” schreiben zu lassen."
    [ http://maedchenmannschaft.net/maedchen-haben-lange-haare-und-jungs-klettern-auf-baeume-wie-10jaehrige-ihr-geschlecht-sehen/" ]

    ... die Ergebnisse sind haarsträubend; Kinder scheinen auf den ersten Blick extrem konservativ zu sein. Nur: Weshalb? Könnte es sein, dass sie einfach ziemlich viel "nachplappern"?

    ... das interview, auf das sich mein text bezieht, habe ich ganz oben verlinkt, es ist im netz zu finden. also nix mit kein fernseher, hähä ...

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  3. Ich glaube, dass viele Frauen, junge Frauen, die konservativ sind, gar nicht wissen, was sie dem "radikalen" Feminismus alles verdanken. Unlängst dachte ich daran, dass sich Männer wahrscheinlich wirklich benachteiligt fühlen müssen, da Frauen seit Jahrzehnten auf das gleiche Recht beharren und sich nun auch die schwerfällige Politik darauf einzulassen scheint. Frauen schreien, Frauen fordern, Frauen machen und tun. Und die Männer? Stehen daneben und gründen Maskulinisten-Foren, in denen sie deutlich ihre Situation beschreiben und teilweise auch darüber jammern.
    Ich finde das sehr bedauerlich, dass manche Männern und Frauen so verkrampft miteinander umgehen. Es sollte doch möglich sein, dass wir nicht mehr miteinander umgehen als würden wir uns noch in den 70er/80er Jahren befinden und um die vermeintliche Vormachtstellung ringen?! Gerade geht mir so unendlich viel im Kopf herum, dass ich das alles hier gar nicht aufschreiben kann, weil es so vom eigentlichen Thema abweicht.
    Deshalb nur noch dieses: Ich finde dieses Ausruhen auf dem Konservatismus eher abstoßend. Aber vielleicht ruht sich Fr. Schöder ja auch gar nicht darauf aus, sondern bringt den Konservatismus in neue Formen.

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  4. Sie hat doch eine Meinung zu neuerer feministischer Theorie. Sie meint, dass diese die Biologische Seite vernachlässigt. Das kann man ja auch durchaus verstehen, wenn man sieht, wie beispielsweise Butler die Geschlechteridentität begründet. das Inzesttabu und das Verbot der Homosexualität sollen dafür sorgen, dass wir uns wie Mann und Frau verhalten und alles ist dekonstruierbar. Dabei wird die Wirkung von Hormonen, sowohl pränatal als auch postnatal vollkommen ausgeblendet.

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  5. @Christian
    Ich denke, man sollte "Biologie" nicht mit "Biologismus" verwechsel. Sicherlich hat das Physiologische Einfluss auf das Psychische; aber die Biologie ist ja nichts Determinierendes, weder die Hormone noch die Gene. Das sind Anlagen, Einflüsse u.s.w., welche sich so oder so entwickeln können.
    Also, das Determinierende und In-Schubladen-Einordnende ist das was mich massiv stört, also dieses "Alle-Männer-sind-so-und-alle-Frauen-sind-so". Das ist meines Erachtens schlichtweg Unsinn. Und man muss sich schon fragen, warum nach wie vor krampfhaft nach UNTERSCHIEDEN gesucht wird (man stelle sich vor, man würde vehement nach Unterschieden zwischen, sagen wir mal, Weißen und Schwarzen suchen; das wäre doch eindeutig Rassismus ...)

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