Freitag, 8. Juli 2011

"DARF MAN DAS?"

Er tut`s schon wieder! Auch in diesem Sommer schreibt Deniz Yücel in der taz wieder seine Fußball-Kolumnen.

Und diese, ihres Zeichens allerbösartigste Satire, schmeißen so ziemlich alle Ressentiments und kleingeistigen Vorurteile zusammen, die mensch sich nur vorstellen kann: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Alters-Feindlichkeit, alles, was Sie wollen ... und dies in derart überspitzter Form, dass man so manches Mal laut loslachen muss (Wenn z.B. bemäkelt wird, dass Birgit Prinz mal wieder "unsere" Nationalhymne nicht mitsingen mag, und zudem noch ein verkniffenes Gesicht zeigt).


Dann wieder bleibt einem das Lachen im Halse stecken: die reine Quantität dieser unappetitlichen Anhäufung von Stammtisch-Weltsicht lässt es einem buchstäblich hochkommen. Die Fußballerinen sind dann allesamt entweder "süße Babes" oder "Lesben mit schlechten Frisuren"; die nigerianischen Spielerinnen werden zu "Nigerinnen"; Birgit Prinz wird zu "Oma-Prinz", die orientierungslos über den Platz stolpert; und ob Silvia Neid denn doch nicht genügend "Eier" habe, da mal durchzugreifen (muss da nicht doch ein Mann her??).


So oder ähnlich geht es munter weiter, mit noch vielem mehr, einer ganzen Kanonade, und dies in Folge, denn bereits am 2. Juli gab es die siebte Folge mit dem schönen Titel: "Für uns oder für die Nigerinnen?" und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Vielleicht beides.

Die Kommentar-Leiste auf taz-online platzt erwartungsgemäß aus allen Fugen; die meisten Leser*innen sind nicht "amused" ob soviel angehäufter Übelkeiten und sprechen Yücel die Satirefähikeit ab, viele drohen mit Abo-Kündigung; einige, gefühlt die Minderheit, sind begeistert ob der Schärfe der Satire und bemängeln die Humor- und Geistlosigkeit der Kritiker*innen.


Und ich, ich bin mittendrin. Ich weiß nämlich nicht so genau, was ich davon halten soll. Ob ich das gut finden soll, diese bösartige Satire (denn dass Deniz Yücel da nicht seine tatsächliche Meinung wiedergibt, davon gehe ich mal aus).


Auf der einen Seite halte ich (auch bösartige) Überspitzungen für ein gutes Mittel, um Ressentiments bloßzustellen; denn all das, was Yücel da beschreibt, findet sich in den Köpfen vieler (und oft nicht nur in den Köpfen) wieder. Und wir müssen nicht so tun, als wär ein unserer Gesellschaft schon alles ganz toll und tolerant und gleichberechtigt und so. Das ist nicht so.


Auf der anderen Seite ignoriert Yücel jegliche "political correctness"; das kann eine gute Sache sein, weil dann auch Dinge ans Licht kommen, die sonst ausgespart werden, etwa weil sie zu unangenehm und schmerzhaft sind; in diesem Falle sind das eventuell EIGENE Rassismen oder Sexismen, welche mensch selber mit sich herumträgt, die einem aber nicht unbedingt bewusst sind. Jedoch kann das Fehlen jeglicher "political correctness" auch zum Verlust von Respekt, Rücksicht und Einfühlungsvermögen fühlen. Platt gesagt, vielleicht finden es die nigerianischen Fußballerinnen nicht so gut, als "Nigerinnen" tituliert zu werden, und sei es auch im Dienste der Satire.


Denn es ist ja auch so, dass in Yücels Satire (denn die "Satire" will ich ihm zugestehen) alle diese Ressentiments auch ABGEBILDET werden, und zwar ohne Kommentar; und es stellt sich ein großes Unbehangen ein bei der Lektüre, besonders an Stellen, wo mensch zufällig mal selber betroffen ist; weil mensch dann vielleicht doch nicht in jedem Augenblick in der Lage ist, das jetzt als Satire zu verstehen bzw. zu erfühlen. Weil man das alles nicht mehr hören und lesen will, SELBST wenn es Satire ist; weil Ironie und Sarkasmus zwar wichtig sind, aber manchmal auch die Grenze zum Selbstzweck überschreiten. Denn (ähnlich wie die Strategie der steten Kritik an allem und jedem) kann auch eine ironische Haltung zu allem und jedem sehr schön zur eigenen Profilierung genutzt werden.


Erstaunlich ist auch, dass meines Wissens Yücel an keiner Stelle zu den gefühlten 5.000 kritischen Kommentaren Stellung nimmt (falls doch, bitte ich meine Unkenntnis zu verzeihen und freue mich über Hinweise); der ungebremste Kritik-Strom lässt jedenfalls darauf schließen.


Würde es dem Anliegen der Kolumnen denn wirklich so großen Abbruch tun, wenn Yücel an prominenter Stelle den Kontext erschließt? Wenn er sagen würde: "hey, ich weiß, das klingt alles krass, aber gerade das will ich ja offenlegen!".
Nein, ich denke, das würde es nicht. Im Gegenteil ist es längst überfällig; denn wer will schon (gerade als "linkes" Blatt) gerne die ganze Zeit falsch verstanden und als rassistisch und sexistisch tituliert werden; da geht doch was nach hinten los!
Außerdem: solange es da kein Statement gibt, kommt vielleicht doch der Gedanke auf, dass die Kolumnen reine Provokation um ihrer selbst Willen sind; und dass sie eigentlich gar kein Anliegen HABEN, außer eben 5.000 Kommentare zu fischen. Und das wär nun wirklich doof.
Also, Deniz Yücel, ein Satz genügt :)

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