Samstag, 24. April 2010

A TRIP TO THE WESTFJORDS



RE : POST 02 (nochmals anlässlich des letzten Vulkan-Ausbruchs)

In Ísland gibt es eigentlich nur eine Stadt, nämlich Reykjavík. In und um die nördlichste Hauptstadt der Welt leben die Hälfte aller Einwohner des Landes, nämlich etwa 150.000 Menschen. Die nächstgrößeren Orte sind Hafnafjördur, nicht weit von Reykjavik, und Akureyri in Norden, mit jeweils mehreren tausend Einwohnern.

Die Innenstadt Reykjaviks wird markiert von der Hauptstraße Laugavegur, welche sich zwischen den beiden Busbahnhöfen Hlemmur und Lækjatorg erstreckt. Alles in allem hat man die „downtown“ mit ihren hübschen Häusern, Geschäften und Kneipen an einem Vormittag abgelaufen. Läuft man die Hauptstraße entlang, und blickt die zur Bucht herabführenden Seitenstraßen hinunter, trifft einen dann und wann der Ausblick wie ein kleiner Schock: Auf der anderen Seite der „Rauchbucht” erhebt sich das Massiv der Esja, des Hausbergs Reykjavíks, manchmal nebelverhangen und manches Mal im gleißenden Sonnenlicht, und sofort möchte man hinaus, hin zu diesen weiten Bergen, endlich hinaus in diese „Natur“.

Also gilt es zunächst ein Auto mieten. Man möchte sich wundern über die netten, kleinen Stadtautos, mit denen man durch die wilde Landschaft fahren soll. Immerhin haben sie alle Spikes an den Reifen. Für einen Jeep reicht das Reise-Budget dann doch nicht. Bei der Autovermietung erhält man den Hinweis, dass sich, beispielsweise auf der Halbinsel Snæffelsnes, Steine auf der Straße befänden. Zu diesem Zeitpunkt ahnt die arglose Touristin noch nicht, dass überhaupt nur 30% der ísländischen Straßen asphaltiert sind. „Steine auf der Straße“ hat hier also eine andere Bedeutung als im idyllischen Mitteleuropa.

Ein Freitagmorgen Anfang April. In Reykjavik regnet es in Strömen, aber wir fahren dennoch los, denn man möchte ja endlich diese Metropole des Nordens verlassen und hinaus. Unser Ziel sind die Nordwestfjorde, ein besonders dünn besiedeltes Gebiet im Nordwesten Íslands. Zu dieser Jahreszeit sind die Straßen möglicherweise schon befahrbar. Wir fahren also los, auf die Ringstraße Nr. 1, Richtung Norden. Es regnet ohne Unterlass und die Landschaft ist nebelverhangen. Wir durchfahren den Tunnel, der unter dem Hvalfjördur (Walfjord) hindurch, an Akranes vorbeiführt.

Wir rasten in Borgarnes und fahren weiter, bis zum Abzweig der Straße Nr. 60 in Richtung Westfjorde. Gleich zu Anfang ist hier jedoch eine Baustelle, und ich bezweifle, dass unser Gefährt über die aufgewühlten, erdigen Löcher in der Straßendecke hinwegkommt, auch wenn mir der Baggerführer ermunternd zuwinkt. Hätten wir doch nur einen höhergelegtes Geländefahrzeug (mit dem verwegenen Namen „Arctic Truck“). Also wende ich zurück zur Ringstraße. Spontan müssen wir unsere Route variieren, den der Zugang zur Südküste der Westfjorde ist uns wohl versperrt. Also von der anderen, der Nordseite: wir fahren weiter nach Norden, es gießt immer noch vom Himmel, man sieht wenig von der Landschaft, aber es wird immer heller, und ich bin geblendet. Eine unwirkliche, gleißende Helligkeit umgibt uns, der Regen geht langsam in Schnee über. Nach einiger Zeit wieder eine Kreuzung: Rechts geht es nach Akureyri weiter, links in Richtung Westfjorde, diesmal entlang der Nordküste. Eine Tankstelle lädt uns wieder zum rasten ein, und wir können von drinnen die stürmische, verschneite Landschaft draußen beobachten; draußen hält man es ja gar nicht so lange aus, es ist schön schöner, im kuscheligen Auto einfach hindurch zufahren. Ísländische Tankstellen sind nicht nur zum Tanken da, sie sind auch kleine Supermärkte und Imbiss-Stationen. Meist scheinen sie die einzigen Stützpunkte der „Zivilisation“ zu sein, da sie im Gegensatz zu Gaststätten das ganze Jahr geöffnet haben, und dadurch möglicherweise der einzige gemeinsamen Treffpunkt der Einheimischen sind.

Ich frage den jungen Mann an der Imbiss-Theke, ob das „guesthouse“ in Holmavík um diese Jahreszeit geöffnet habe, und er greift sofort zum Telefon, um für mich dort anzurufen. Ja, es ist offen, und die Besitzerin würde uns erwarten. Ich bin einmal mehr gerührt ob der Unkompliziertheit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier. Wir Deutschen wundern uns ja stets, wenn uns in Dienstleistungseinrichtungen freundlich begegnet wird. Wie freundlich und unschuldig diese Ísländer sind, das hängt bestimmt wieder mit der Naturnähe zusammen. Tatsächlich hängt die pragmatische Hilfsbereitschaft vermutlich schlichtweg mit der Notwendigkeit zusammen, sich in einem noch immer relativ rauen und unwirtlichen Lebensumfeld gegenseitig zu helfen. Außerdem, bei so wenig Menschen kommt so schnell keine Stress auf. Wahrscheinlich freut man sich im Gegenteil über jede Begegnung, auch mit Fremden. Die Menschenleere muss auch der Grund sein für die große Zahl der Wortbeiträge im Radio; man ist erfreut über jede menschliche Stimme; wir Touristinnen jedoch weniger, da wir a) kein Wort verstehen und b) nur zwei Musik-Cassetten mit uns führen.

Nachdem uns versichert wurde, dass die Straße nach Holmavik ohne weiteres befahrbar sei, fahren wir weiter nach Nord-Westen. Immer noch Schnee, Wind und kaum Weitsicht. Wir fahren jetzt am Westufer des Hrútafjördur entlang. Die Straße ist streckenweise nicht asphaltiert und voller Schlaglöcher, welche man nur wenige Meter vorher erkennt. Man kann natürlich auch mitten durch die Löcher fahren, was einem jedoch weder die Mitfahrer noch die Reifen danken. Dafür hat man ein leicht schauriges Gefühl von Wildheit und Ausgesetzsein ... und natürlich immer das guesthouse, welches auf einen wartet. Die Straße 61 folgt dem Verlauf der Fjordküste, welche zweimal in kleinere Fjorde einschneidet. Man muss sie ausfahren; es dauert. Auto fahren kann auch entspannend sein. Man sieht noch immer wenig von der gewaltigen Landschaft, die so baumlos ist und so rauh, dass sie einem weit weg erscheint und nicht greifbar. Hin und wieder fährt man an kleinen Höfen und Weilern vorbei.

Schließlich Holmavík am Steingrimsfjördur: eine Tankstelle; einige Häuser, eine kleine Hauptstraße; ein Hafen; eine Gaststätte, Café Riis, um diese Jahreszeit leider noch geschlossen. Guesthouse Borgarbraut befindet sich an der Straße am Hang; ziemlich steil, die Straße bergauf, aber es ist nicht glatt, nur Schnee und Matsch, es geht gerade so. Wir sind im „guesthouse“ fast die einzigen Gäste, die Haustür ist nicht verschlossen. Noch ein Mann wohnt hier, der für einige Tage in HolmavÍk arbeitet. Meine Mitfahrerinnen kennen ihn flüchtig, es ist ebenfalls ein Kunststudent aus Reykjavík. Alles ist eben sehr klein hier. Das „guesthouse“: eine Küche und ein Wohnzimmer mit Ausblick auf die Fjordbucht. Und ein Fernseher: wir schalten ihn sofort an. Später machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den abendlichen Ort, sogar etwas hinaus. So, als würde man in einem hessischen Dorf ein Stück weit einen Feldweg hinauslaufen. Bloß dass an diesem entlegenen Ort leises Schauern und Respekt in einem hochsteigen. Denn Ísland hat etwas Außerirdisches und Entrücktes, als befände man sich auf einem anderen Planeten; oder als gäbe es hier eigentlich keine menschliche Zivilisation, die alles erschlossen hat, nur einige einzelne Punkte in der Landschaft, von denen man sich nicht allzusehr wegbewegen sollte. Außerdem gibt es ja noch die Sagengestalten, was, wenn man einfach weggezaubert oder in einen Felsen verwandelt würde. Alles Aberglaube, was aber eigentlich nicht wirklich bewiesen werden kann. Und der Ort Holmavík ist bekannt für Zauberei und Hexenkünste, welche Jahrhunderte lang in dieser entlegenen Gegend betrieben wurden. Uns passiert jedoch nichts, und da es dann doch dunkel wird, kehren wir um in unser „guesthouse“ und sind unglaublich müde.

Am nächsten Tag hat sich der Himmel geklärt. Es ist bedeckt, aber man sieht weit. Das Wasser des Fjords glänzt und am Horizont sindferne Bergketten zu sehen. Das Licht ist eigenartig. Wir fahren ein Stück in Richtung nördlicher Strandir-Küste. Auf die Frage nach dem Zustand der Straße lachen die Leute an der Tankstelle, und wir fühlen uns etwas wie dumme Touristinnen; was wir ja auch sind, immerhin haben wir gefragt. In Mitteleuropa müssen wir das nicht. Die Straße 643 ist nicht asphaltiert. Wir halten an. Erst ist es irgendwie nur still und windig, aber mit der Zeit wird uns das Geschrei der Seevögel bewusst, die in großen Gruppen auf dem Wasser schaukeln. „Friedvoll“ und „die-Seele-berührend“, solche auf dem schmalen Grad zu Kitsch und Pathos liegenden Begriffe, fallen mir zur Beschreibung ein; aber während wir am Ufer rasten, ist es eben genauso. Und fast zu groß. Man will es festhalten. Also photographieren für später, damit man es in aller Ruhe (zu Hause) verarbeiten kann; wohl wissend, dass man einmal mehr enttäuscht sein wird, da die Photos das Erlebte natürlich nicht einfangen können. Aber als Erinnerungsstücke können sie dennoch dienen, als „Links“, anhand derer man sich wieder in das damals erlebte Gefühl hineinversetzen kann.

Jetzt und hier am Fjord aber ist mal wieder alles viel zu „groß“; so schnell kann man es nicht aufnehmen, „verarbeiten“. Soviel Muße hat man dann doch nicht, um für zehn Minuten aus dem Auto zu steigen, und sich sofort in die Landschaft „hineinzuversetzen“. Es ist nur ein kurzes „Hineingucken“, Geist und Seele sind nicht ganz so schnell wie der materielle Körper, der sich mittels Auto auch auf Holperstraßen doch verhältnismäßig rasch fortbewegt. Und so treibt einen die Ungeduld dann doch dazu, weiterzufahren zum nächsten bewohnten Flecken mit der Hoffnung auf eine weitere Tankstelle und einen Kaffee. Vorher müssen wir doch noch einmal anhalten, denn am Straßenrand dampft es aus der Erde, zwischen Steinen und aus Ritzen unterhalb der Wasseroberfläche. Dampf und heißes Wasser aus der Erde geben der Landschaft eine eigentümliche und dramatische Aura der Belebtheit, gerade in dieser kargen Vegetation.

Aber wir wollen ja doch mal bald einen Kaffee trinken, denn, hm, „Natur“ kann auch ganz schön ungemütlich sein, bzw. ist nur in kleinen Portionen zu goutieren, jedenfalls für den gemeinen Mitteleuropäer. Also fahren wir weiter in den Weiler Drangsnes. Ein Café oder so was gibt es hier nicht, leider auch keine lebensspendende Tankstelle. Dafür aber basaltene Vogelfelsen; und in der Bucht liegt die Vogelinsel Grímsey. Wir steigen wieder aus, Fischerboote und Fischkadaver, Fischernetze. Wir krabbeln über glitschige Felsen unterhalb der von Vögeln besiedelten Felswände. Danach essen wir Kekse und Äpfel im Auto; und wagen es, weiter zu fahren, obwohl die Straße ja noch nicht so zuverlässig sein soll. Aber bis auf Schlaglöcher ist sie eigentlich in Ordnung. Im Innern der nächsten Bucht, dem kleinen Bjarnarfjördur, soll es ein Hotel geben, mit einer geothermalen Quelle. Die Landstraße vor uns wird jedoch immer aufgeweichter, und dann kommt diese Stelle. Noch zögern wir, ob unser tiefliegendes Stadtauto es schaffen wird, fahren langsam weiter. Das ist natürlich ein Fehler, denn prompt stecken wir fest. Die matschige Spurrinne ist zu tief. Zum Glück ist diese Gegend ja nicht völlig unbewohnt, und ein paar hundert Meter weiter sind einige Farmhäuser. Das Mobil-Telefon, das man ja eigentlich auch nur für Notfälle dabei hat, hat natürlich keinen Empfang. Aber das macht alles gar nichts, denn schon nähert sich mit rasender Geschwindigkeit ein Auto mit zwei Ísländern drin, die uns sofort und ohne wenig Aufhebens aus dem Schlamm ziehen. Wir können weiterfahren, mit der Versicherung, dass die weitere Straße auch für uns passierbar ist. Das „Im- Schlamm - steckenbleiben - und - von - Einheimischen - herausgezogen - werden“ scheint fester Bestandteil jeder Ísland-Touristen-Tour zu sein, etwas, das hauptsächlich passiert, um schon im Augenblick des Sich-Ereignens zur Anekdote für spätere Erzählungen zu gerinnen.

Später am Abend machen wir uns noch einmal auf, um den natürlichen geothermalen Pool aufzusuchen. Natürlich nehmen wir jetzt die andere Straße, über den Berg, wir kennen uns hier jetzt ja schon aus. Tatsächlich finden wir das Hotel Laugarhöll und daneben einen Swimming-Pool, der von einem Bächlein gespeist wird, das vom Berghang herunterfließt. Das Bächlein wiederum wird an verschiedenen Stellen mit Heißwasserzufuhr aus der Erde versorgt. Da gibt es dann auch ein kleines natürliches Becken. In einem heißen Becken liegen, während es draußen kalt ist und vielleicht schneit: der Gipfel der Entspannung, so einfach wäre es, niemals mehr gestresst zu sein. Hier, im Bjarnadalur, passen drei oder vier Leute hinein, z.b. die Handwerker, die sich an diesem Samstagabend mit einigen Dosen Bier einen netten Feierabend machen. Der ebenfalls anwesende Kunststudent erzählt uns, dass all diese Männer (wo sind eigentlich die Frauen?) sich schon seit ihrer Kindheit kennen. Ich stelle mir wieder einmal vor, wie es wäre, an einem Ort wie diesem aufgewachsen zu sein und zu leben. Die soziale Kontrolle muss eigentlich enorm sein. Und die Infrastruktur, wenn winters nicht einmal Gaststätten geöffnet haben (was tun die Menschen hier?). Die Landflucht, vor allem aus den Westfjorden, ist nach wie vor groß.

Das Hotel sieht auch ziemlich geschlossen aus. Es ist ja auch erst Anfang April. Zu dumm, dass diese „ Natur“ nicht von Natur aus mit Hütten, Cafés und so weiter ausgestattet ist. Durch ein Fenster sehen wir jedoch einen Fernseher laufen mit Bildern aus Bagdad, die sofort in die weltabgeschiedene Stille einbrechen. Am Abend gucken wir dann „Wayne’s World“ und danach einen Krankenhaus-Thriller, der in New York spielt.

Am nächsten Vormittag frühstücken wir in der Tankstelle leckere „Chicken Burger“, und fahren dann zurück Richtung Reykjavik, denn morgen früh geht mein Flugzeug nach Frankfurt, zu einer gottlosen Zeit. Das Wetter ist jetzt viel besser, man sieht viel weiter und es ist so atemberaubend groß und fern und schön. Die Fjorde mit den strahlend blauen Wassern, wenn die Sonne daraufscheint, umsäumt von Tafelbergen, die nach unten abstürzen. Gebleichte Wiesen und Moospolster, und keine Bäume, alles nur groß und karg und leer und fern. Berückend. Auf einer Bergkuppe halten wir an und steigen aus und der Wind ist so stark, dass man sich dagegenlehnen kann und vor Sauerstoff ganz aufgeputscht wird. Etwas weiter halten wir in der Nähe eines verfallenen Hauses. Es sieht aus wie das Haus in „Schiffsmeldungen“ von E. Annie Proulx. Später, auf der Ringstraße Nr. 1 nach Reykjavik, zieht es sich zu und regnet wieder in Strömen. Auch der Wind ist stark. Oben an den Berghängen wird das Wasser der vielen kleinen Wasserfälle in die Luft gewirbelt. Wir fahren jetzt nicht mehr durch den Tunnel, sondern um den Walfjord herum, und irgendwann sehen wir dann die Stadt wieder.

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