Samstag, 4. Mai 2019

FRANKFURT IN GRÜN

Einmal um die gesamte Stadt:
der Frankfurter „Grün-Gürtel“ am Stück.

Eine Wanderung um Frankfurt/Main entlang soll es diesmal werden:
68 km durch die Stadt? Hochhäuser? Beton? Wer macht denn sowas??
Vom 26. auf 27. April fand unsere nunmehr zweite sogenannte „24-Stunden-Wanderung“ statt. Ausgetüftelt hat sie wieder Martin Brust von der Alpenvereins-Sektion Offenbach, diesmal auf den Spuren des Frankfurter Grüngürtels.
Im Stadtgebiet wandern. Das klingt ja erstmal nicht so naturmäßig … jedoch, wir hatten es bereits geahnt: es hat seinen ganz eigenen Reiz. Hier einige Episoden:

17.30
Gerbermühle, Frankfurt am Main

Treffpunkt ist die Gerbermühle, das schick-mondäne Ausflugslokal am südlichen Mainufer unweit des Kaiserlei-Kreisels. Es nieselt ein wenig. Nächtens soll es aber aufhören. Nervig ist so ein Wetter: es weiß nicht, was es will. Ich habe das Gefühl, ständig meine Kleidung wechseln zu müssen.
Die Wandergruppe ist jedoch wohlgelaunt und erwartungsfroh. Die Gruppe ist bunt gemischt: 14 Personen sind es, ein paar mehr Frauen als Männer.
Wir laufen pünktlich los. In Offenbach werden wir eine weitere Wanderin aufgabeln, die soll nicht warten müssen; außerdem haben wir unsere Abendeinkehr beim „Bier-Hannes“ in Fechenheim reserviert. Da dürfen wir natürlich nicht zu spät kommen :)
Über den Radweg schreiten wir Richtung „Kaiserlei“ und Offenbach. Sonderbar ist es für mich, diese Strecke zu Fuß zu laufen: ich kenne sie gut, jedoch nur als Radfahrerin. Wir müssen etwas achtgeben, um nicht umgefahren zu werden: der Weg ist nicht allzubreit … an Büro-Häusern, Grünflächen, Schleusen, Hafenanlagen vorbei geht es, und dann bei Offenbach über die Carl-Ulrich-Brücke nach Fechenheim.
Ab hier schlängelt sich der schöne Leinpfad den Main entlang, welcher eine große Schleife beschreibt. Die Vegetation ist fast wild, es duftet nach Bärlauch. Doch was ist das plötzlich? Eine Baustelle? Am Fluß? Aha, hier soll ein neuer „Altarm“ angelegt werden. Renaturierung. Darauf bin ich mal gespannt ...
Übrigens bekomme ich bereits Hunger, und male mir aus, was ich nachher essen könnte …








19.30
Wirtshaus Bier-Hannes an der Mainkur

... eine ganz „authentische“, rustikale Wirtschaft, sogar mit Gastgarten. Und das an der vielbefahrenen Hanauer Landstraße. Sie könnte aber auch mitten im Walde stehen. Etwas bizarr :)
Alle bestellen sich üppige Portionen. Schließlich brauchen wir eine Grundlage für die bevorstehende Nacht und die lange Gehzeit. Kohlenhydrate und Kalorien sind angesagt. Schokoriegel und Nüsse hab ich mir auch noch eingesteckt, außerdem eine Kanne Tee. Diese soll Körper und Geist erwärmen bei den nächtlichen Pausen. Kaltes Wasser alleine (welches ich natürlich ebenso mit mir führe) ist im Dunkeln und Kalten nicht sonderlich anheimelnd.
Himmel, wieso ist denn mein Rucksack schon wieder so schwer? Wir übernachten doch nichtmal! Immer dasselbe ;)
Als wir den „Bier-Hannes“ verlassen, zeigt sich uns ein rosig verfärbter Abendhimmel, geradezu romantisch.





21.00
Autobahn.

Die A66 bei Bergen-Enkheim ist um diese Zeit erstaunlich leer. Wir überqueren sie über eine Brücke. Es wird jetzt ganz dunkel. Noch etwas Lichtschein am westlichen Horizont, einige Lichter blinken von Enkheim herüber. Dann senkt sich die Nacht über das  Enkheimer Ried.







21.44
Berger Hang, Blick auf die große Stadt. 

In der Ferne blinkt ein buntes Riesenrad. Das muss die „Dippe-Mess“ im Riederwald sein.
Ein schöner Weg ist das hier. Wie er wohl bei Tageslicht ausschaut? Ich fühle mich ganz „draußen“ aus der Stadt, auf diesem grasigen Weg, der steil nach Bergen hinauf führt, zunächst mit freier Sicht, dann auf sich immer mehr verengendem, verschlungenem Pfade. Bald erreichen wir wieder Häuser und Straßen, unsere Horde trappelt über die Hauptstraße von Bergen. Ich frage mich, wie uns das freitagliche Ausgeh-Publikum wahrnimmt: eine Wandergruppe, die freitagnachts durch die Stadt stapft, das sieht *man nicht alle Tage!
Übrigens spüre ich bereits meine Oberschenkel, oha … die Strecke ist doch recht asphaltreich. Immerhin habe ich meine bestgepolsterten Laufschuhe angelegt. Mit meinen alpinen Berg-Kloben wäre ich kläglich gescheitert … wir haben ein relativ zügiges Lauftempo, eigentlich zu schnell für eine so lange Strecke. Wie schnell verfällt *man in einen flotten Trott, ohne das große Ganze im Auge zu behalten …
Auf dem Weg hinüber zum Lohrberg blendet uns ein Fahrzeug, sehr unangenehm … ich hoffe, die Person bekommt den Schreck ihres Lebens, wenn sie eine Rotte nächtlicher Gestalten auf sich zukommen sieht!





23.30
Jenseits des Heiligenstock Richtung Bad Vilbel.

Wir überschreiten die Fußgängerbrücke über die B521 und betreten freies Feld und Obstwiesen. Von Ferne rauscht der Autoverkehr, und die Lichter Frankfurts leuchten uns.
Plötzlich macht die Gruppe an einer hölzernen Sitzgruppe am Wegesrand halt: eine gute Fee hat uns Snacks und Getränke bereitet! Der Wohltäter ist ein Angehöriger der Wandergruppe. Was für eine reizende Überraschung :)
Ich stopfe mich einige Süßigkeiten in die Taschen, und ein Flascherl Cola (---> noch mehr Gewicht! :/) … und schon geht es weiter, über das weite Feld.
Es ist kühl und windig. Ein Nachtvogel trällert laut im Buschwerk am Feldesrand.




0.47
Berkersheim.

Die Gruppe zieht sich bereits weit auseinander; die Geschwindigkeiten sind einfach zu unterschiedlich. Und wir sind insgesamt immer noch zu schnell. Zwei Wanderinnen, die J. und die K. wollen es genug sein und sich abholen lassen; die Route ist ausdrücklich so geplant, dass es regelmäßig Möglichkeiten zum Ausstieg gibt; wenn es längere abgelegene Etappen gibt, sagt Touren-Guide Martin das vorher an. Das enspannt die ganze Sache; denn es ist vorher nur schwer absehbar, wie lange die Kräfte ausreichen.
Alsbald gelangen wir an die Nidda, die uns ab hier bis Höchst begleiten soll.





1.40
Entlang der Nidda.

Über feuchte Wiesenwege schreiten wir weiter voran. Oder torkeln voran, besser gesagt. Ich für meinen Teil jedenfalls. Liegt das daran, dass ich den Weg nur schemenhaft erkenne, oder ist es Erschöpfung? Meine Taschenlampe mag ich dennoch nicht verwenden. Die Nachtatmosphäre ist so viel schöner. Es ist auch eigentlich nicht notwenig.
Was praktisch ist: um die Blase zu leeren, setzt *frau sich einfach an den Wegesrand. Sieht mich ja niemand :) Weniger praktisch sind meine durchnässten Füße, von nassen Gras. Schon wieder! Damit hätte ich bei einer urbanen Wanderung nicht gerechnet! Glücklicherweise habe ich diesmal Ersatz-Socken dabei.
Die J. und die K., die doch noch ein wenig mit weitergegangen waren, verabschieden sich nun endgültig, und nehmen die S. gleich mit. Auch bis hierher war es bereits eine ordentliche Strecke.





2.14
Alter Flughafen Bonames.

Das leerstehende Militär-Gelände wurde teilweise von der Natur zurückerobert und dient nun als Ausflugsoase. Auf der Fußgänger-Brücke grüßt uns die kleine Skulptur des „Grün-Gürtel-Tieres“, des niedlichen schweins-nasigen Schutzpatrons unserer Route.
Vor Heddernheim unterqueren wir die A661. Im Südwesten, jenseits der weiten Wiesen und Waldstücke des „Volkspark Nidda“ leuchtet der bonbonfarben angestrahlte „Ginnheimer Spargel“






3.36
Praunheim.

Rast an einer Imbiss-Wirtschaft: Sie schläft noch, aber Tische und Stühle stehen draußen. Richtig gemütlich ist es nicht, ich sehne mich nach der in Aussicht gestellten Nachttankstelle in Hausen. Also stapfen wir weiter im Dunkeln an der verschatteten Nidda entlang, und Hausen kommt dann auch bald. Zu nächtlicher Stunde schaut es recht hübsch aus.

4.31
Hausen, Nachttankstelle.

Welch’ Wohltat: eine heimelige Tankstelle mit Kaffee, Sitzgelegenheiten und Toiletten. Glücklicherweise lässt uns der Tankwart eintreten – eine Sekunde lang hatte ich befürchtet, es gäbe nur einen „Nachtschalter“. *Man hätte uns ja auch für eine Horde Zombies halten können … „The Walking Dead“, haha
Wir machen hier recht lange Pause, und das ist auch gut so. Die Ermüdung und Erschöpfung ist uns anzusehen. Ich selber bin ganz benommen und studiere die Klatsch-Blätter im Zeitschriften-Regal. Sehr interessant. *bssss
es ist eigentlich ein schönes Gefühl … dieses „Durchmachen“. Ein Zustand „Jenseits von Gut und Böse“. Ich fühle mich aus meinem normalen Raum- und Zeitempfinden „heraus-gebeamt“.

Nebenan fahren bereits die ersten U-Bahnen. Zwei weitere Mitwanderinnen ergreifen die Gelegenheit und machen sich auf den Nachhauseweg.






5.18
Hinter Rödelheim.

Ein Schimmer am östlichen Horizont: die Dämmerung setzt ein. Im Süden scheint der abnehmende Mond. Weiche Nebel über den Wiesen … schon überziehen zart-rosige Wolkenbänke den frühmorgendlichen Himmel … eine Wiese mit „Pusteblumen“ … ein sonniger Morgen kündigt sich an. Es hat eine ganz verzauberte Stimmung. Welch schöner Weg führt entlang der Nidda!






6.30
Höchst.

Im güldenen Morgenlicht kommen wir an. Still liegt alles da, die Nidda-Mündung in den Main, der Fähranleger, die hohe Stadtmauer, das Schloss … sehr idyllisch schaut es aus. Wie Urlaub. Wie ein ganz anderer Ort. Die Altstadt von Höchst ist ja ohnehin so pittoresk, zu dieser Stunde (und in meinem Zustand :) finde ich sie noch entzückender.
Noch wichtiger ist jetzt aber: Frühstück. Nach wenigen Metern durch kopfsteingepflasterte Gassen erreichen wir die Höchster Markthalle, die ihre Pforten bereits geöffnet hat. Die kleine, feine Markthalle beherbergt diverse Stände mit Leckereien und Bäckerei. Sie ist nicht so hektisch wie ihre großstädtischen Schwestern, viel gemächlicher und gemütlicher geht es zu.
Hier besorgen wir uns Frühstück und nehmen die Sitzecke in Beschlag. Ich kaufe mir, neben Brötchen, ein Stück Peccorino, und italienische Salami. Ich brauche jetzt, ganz gegen meine morgendliche Gewohnheit, etwas Herzhaftes. Die Verkäuferin strahlt mich an und ist extrem freundlich; ich bin etwas irritiert … hat sich bereits herumgesprochen, dass wir die ganze Nacht durchgewandert sind? Oder strahle ich selber wie ein Honig-Kuchen-Pferd? :)

Bis hierhin haben wir ca. 40 Kilometer zurückgelegt. * oach *








Hier verlassen uns wieder drei Wander*innen. Die Kräfte lassen extrem nach, bis zur Erschöpfung, ganz buchstäblich. Und sogar Touren-Guide Martin muss sich verabschieden: eine Blasen-Attacke am Fuß macht jegliches Weitergehen unmöglich.

7.45
Zu fünft verlassen wir die Höchster Innenstadt. Einen Schlenker über die Autobrücke müssen wir machen, denn die Mainfähre fährt erst ab 9 Uhr. Die Morgensonne bescheint uns, und wir gelangen auf der südlichen Mainseite zu den Feld- und Wiesenwegen des Schwanheimer Unterfelds.
Hier verlassen uns der E. und der T. Sie wollen sich lieber in der Nähe des Flusses halten, und keine weiteren Schlenker mehr machen auf dem Weg gen Osten. Wir sind also nur noch zu Dritt.

8.30
Die Schwanheimer Düne ...

… ist eine sogenannte „Binnen-Düne“. Sand- und Waldflächen wechseln sich mit einigen kleinen Seen ab. Das Gelände, das wir über einen Holz-Bohlen-Trail durchlaufen, ist Heimat diverser seltener Tier- und Pflanzenarten. Eine ganz besondere, schöne Landschaft bietet sich uns dar.
Danach naht bereits die nächste lärmige Bundesstraße (B40), nach deren Überquerung wird es jedoch wieder ruhiger; der
Schwanheimer Unterwald empfängt uns. Ein ganzes Stück halten wir uns südlich, und unterhalten uns über die neuen, allzu gut versicherten (so scheint es) Klettersteige in den Alpen, die Tourist*innen anlocken sollen, jedoch oftmals zu Bergrettungs-Einsätzen führen: allzu viele arglose Bergbegeisterte überschätzen ihre Fähigkeiten und können dann nicht mehr weiter. Bergblockade!





9.19
Frankfurter Stadtwald.

Wir laufen weiter. Und immer weiter. Jetzt strack nach Osten, immer geradeaus. Unser Tempo ist nicht unflott, es geht immer so dahin … irgendwann hören wir Schüsse: ein Sportschützen-Gelände befindet sich in unmittelbarer Nähe, und wir beeilen uns, zügig weiterzukommen … die Grenzschneise führt dann entlang eines schier schnurgeraden steilen Abhangs linkerhand. Niemals hätte ich im Frankfurter Stadtwald ein derart „exponiertes“ Gelände vermutet. Das urbane Umfeld lässt sich kaum mehr erahnen. Gleichwohl ist dieser Abhang gar nicht natürlichen Ursprungs, sondern resultiert offenbar aus Sand-Gewinnung in früheren Zeiten .
Es geht weiter, immer weiter. Schon haben wir beschlossen, uns die letzten großen Schlenker um das Stadion und die Oberschweinstiege zu ersparen, um auf möglichst direktem Wege zurück zur Gerbermühle zu gelangen. Ich verlange eine Pause. Drüben dröhnt die A5, es ist gräulich und fängt an zu nieseln. So langsam verlässt mich die Lust.





10.25

Unterquerung der A5, dann Asphaltwege und die ersten Häuser von Niederrad. Es folgt nochmals ein kurzes Waldstück, und wir passieren einen mondänen Golfclub … vor uns liegt demnächst nur noch Stadt. Straßen. Asphalt. Und so fasse ich einen Entschluss: kurz vorm Fechenheimer Viadukt kündige ich an, die Tour für dieses mal zu beenden. Der T. und der A. gucken noch mal auf meine Wanderkarte und verifizieren ihre Route durch Niederrad und Sachsenhausen. Dann verabschieden wir uns.

Um 10.45 beende ich die diesjährige Grün-Gürtel-Tour und besteige am S-Bahnhof Niederrad die Tram Richtung Offenbach, nach Hause. Das Wetter ist grau und nieselig. Hinter mir liegen ca. 53 km. Und ein anstrengendes, aber auch sehr schönes Erlebnis. So weit zu laufen, und dann auch noch über Nacht ist einfach eine ganz besondere Erfahrung, die mich noch einmal besonders aus dem Alltag herausholt. Und die mir wieder lange in Erinnerung bleiben wird. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein :)

Hat es Ihnen gefallen? Wollen Sie eine weitere Nacht durchwandern? dann hier entlang zur 24-Stunden-Tour in der Rhön 2017.
















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