Samstag, 24. April 2010

„... DAMIT AUS KLEINEN JUNGEN GANZE KERLE WERDEN ...“

„... DAMIT AUS KLEINEN JUNGEN GANZE KERLE WERDEN!" ... dies die Überschrift einer Anzeige der Pharmafirma Aventis für Wirkstoffe zur Bekämpfung der Bluterkrankheit; aus kleinen Mädchen sollen dann wahrscheinlich entsprechend werden: ganze Kerlinnen? Starke Frauen? Gesunde Mütter? ... o.k. Schluss damit, also unser Thema: Gender.

Ziemliches Modethema, wenn Sie mich fragen, schon wieder jemand, der darüber sein Diplom schreibt, gähn. Und ist das nicht ohnehin ein alter Hut, heutzutage, wo jedem/ jeder unendlich viele Möglichkeiten offenstehen, wo jede/r sein kann, was er/sie möchte ... und die Geschlechtergrenzen, die sind ja auch schon sowas von aufgeweicht, ich weiß ja kaum noch, wer Männlein oder Weiblein ist, wenn ich durch Offenbachs Straßen schlendere ... wo bleiben denn da die ganzen schönen Unterschiede, da sind ja dann alle gleich zum Schluss ... und überhaupt, wir Frauen haben doch jetzt eigentlich alles erreicht, Angela Merkel wäre sogar fast Bundeskanzler-Kandidatin geworden, und in Afghanistan dürfen doch die Frauen jetzt wieder in die Schule gehen (wo das doch sogar noch ’ne andere Kultur ist und so), Hilary Clinton ist doch mittlwerweile bekannter als ihr Gatte (... bisschen unweiblich, na ja!) und George W. Bush hat sogar eine Frau als Sicherheitsberaterin, eine Schwarze auch noch; schade bloß, dass die so stockkonservativ ist, wo Frauen doch eigentlich immer viel reflektierter und klüger sind, und friedfertiger und was noch alles, und überhaupt die besseren Menschen

... und der Klügere gibt ja nach, gell, (mein Vater sagt ja immer, wenn die Klügeren nachgeben, regieren die Dummen die Welt ...) also, eigentlich wollen wir Frauen das auch alles gar nicht, immer diese ganze Macht und Verantwortung, buh! und Geld ist uns ja auch nicht so wichtig, da würden wir ja wie Männer werden, und da sei Gott vor! Männer sind ja eh so doof und wie kleine Kinder (süß!) ... aber die helfen jetzt ja auch schon mal im Haushalt; und 2–4% nehmen jetzt auch Vaterschaftsurlaub. Aber sich mit Schwangerschaftsverhütung auseinanderzusetzen, nee, also das kann man einem Mann halt nicht zumuten, warum auch, der bekommt ja das Kind nicht. Frauen bekommen die Kinder, ist halt so, na ja, und da hat man halt eine ganz andere Beziehung dazu, auch so körperlich, das ist halt schon schön, jedenfalls schöner als so eine stressige Karriere!

Leider gibt es ja noch nicht so viele gute Betreuungsmöglichkeiten in Deutschland, Ganztagsschulen und so, aber eigentlich Will Man Sich ja auch selbst kümmern und das Kleine nicht zu wildfremden Leuten geben! Na, ja, der Papa muss halt schon viel arbeiten, der hat ja auch schon einen ganz guten Job, sowas mit New Media und so, der bleibt auch schon mal ganz gerne länger in der Agentur. Anstrengend ist es halt schon, und stressig, aber es macht ja auch Spaß! Ich meine, man muss sich halt entscheiden, Kind oder Karriere, beides geht nicht, ist halt so!

Also, das wollen wir doch mal festhalten, da gibts schon ein paar Unterschiede, gell, das mit dem Kinderkriegen halt, oder will etwa jemand die biologischen Unterschiede anzweifeln, dann guckt doch mal hin, Mann und Frau sind halt unterschiedlich! Außerdem sind da ja auch noch die Hormone, die können einen auch ganz schön beeinflussen, so organisch, ohne dass man’s merkt! Und dann heißt es plötzlich wieder: in ein paar Jahren sind wir ja eh alle bisexuell und so

... wie gesagt, alles kein Thema mehr ... Ja, was denn jetzt? ... und was sagt eigentlich der bayerische Regent Edmund Stoiber zu solcher Ver-
wirrung? Stammt von ihm nicht der schöne Satz: „Wenn ich über steuer- und erbrechtliche Anerkennung von homosexuellen Paaren diskutiere, dann kann ich gleich über Teufelsanbetung diskutieren.“ Also, das war jetzt gar nicht nett, Herr Stoiber; sollten Sie der einzige in Deutschland sein, der noch nichts von diesem Gender-Kram gehört hat? Vermutlich!

... Polemik ist wunderbar, ich fühle mich gleich viel besser! Na, ja, soviel zum Lachen hat man auch nicht immer, obwohl das ja so gesund sein soll, und wir in einer Spaß-Gesellschaft leben, und so ... (Schlagworte sind einfach wunderbar!) ... Die Zeiten sind im Augenblick wohl eher reaktionär als revolutionär, und so viel hat sich da auch noch nicht aufgeweicht ... ich meine, eine Zeit, in der uns Verona Feldbusch oder „Destiny’s Child“ als weibliche „Role Models“ angedreht werden, hm ... oder vielleicht wird man mit den Jahren immer empfindlicher; „sensibler“ sollte ich lieber sagen, klingt wesentlich besser.

.. „Emanzipation“ muss man eben auch wollen; viele wollen das jedoch nicht. Dabei ist es dann letztlich egal, welchem „Geschlecht“ man angehört; und da hilft auch kein Gejammer!

.. Es wäre prima, wenn wir in ein paar Jahren alle „bisexuell“ wären; wenn es noch viele andere Familien-Formen gäbe außer der grundgesetzlich geschützten Vater-Mutter-2-Kinder-Variante; wenn es keine unsinnig-künstlichen Gegensätze mehr gäbe wie die von Natur-Kultur, Mann-Frau, Kind-oder-Karriere und das ganze Zeug; wenn einfach aus kleinen Kindern freie und erwachsene Menschen werden würden.

in:
"Alo Est Vera · gender/medien/kunst", Offenbach/Frankfurt a.M./Basel, 2004

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