Samstag, 24. April 2010

DER LUXUS, KÜNSTLERIN ZU SEIN: "AUFSTEHN"


RE : POST 01 (anlässlich des letzten Vulkan-Ausbruchs)

Es ist Dienstag der 15. März.
Heute Morgen bin ich um viertel vor zehn aufgestanden. Und bin froh, dass sich endlich wieder ein für mich einigermaßen normaler Tagesrhythmus einpendelt. So halb zehn, das ist wohl meine biologisch-adäquate Aufstehzeit. Die Tage davor war mein Tagesrhythmus leicht durcheinander. Letzte Woche wachte ich schon um halb Sieben auf und war hellwach; und noch die Woche zuvor wachte ich des Nächtens um fünf Uhr auf und mir gingen die Dinge, die ich noch erledigen muss, wie ein Mühlrad im Kopf herum. Eingeschlafen bin ich dann erst wieder drei Stunden später.


Grund dafür war ein Kunstprojekt in Offenbach, im "HAFEN 2", das ich zusammen mit Eva Weingärtner organisiert und veranstaltet habe. Das Thema war "Island", die "Insel aus Feuer und Eis". Ich muss jetzt immer lachen, wenn ich diesen Terminus höre, zum 1millionsten Mal. "Insel der Sentimentalen" ginge doch auch, wie unlängst im Frankfurter-Rundschau-Artikel über die „Elfen-Show“ des Berliner Künstlers Wolfgang Müller, Bestandteil unseres Kunstprojekts.

Island ist ja eigentlich ein Ort, wo man sich trefflich entspannen kann. Einfach ins örtliche Schwimmbad, sich in einen geothermal betriebenen "hot pot" legen und fertig. Es ist ein wenig widersinnig, dass man über eben diese Insel ein Kunstprojekt organisiert, das wie viele größere Projekte ganz schön in Stress ausarten kann.

Begonnen hatte ich mit der gedanklichen Planung schon im Frühjahr. Ich wollte immer mal mein Werk "Wildes Island" präsentieren, einen persönlichen, satirisch-authentischen (wie bitte?) Reiseführer. Meine Freundin Eva wollte auch gleich mitmachen bei der Organisation. Sie war 2003 in Island, ich 2001, beide als Exchange Students. Jetzt hieß es: einen passenden Veranstaltungsort suchen, wo man gleichermaßen Bildende Kunst, Performance, Abend-Events und Filme zeigen kann; und der uns zeigen will. In der Kunstszene, alles andere als liberal und demokratisch, gilt immer ganz schnell das "Von-Oben-Auswahl-Prinzip". Stets wird man vorgeschlagen, empfohlen, ausgewählt, kuratiert. Nur zu kleineren Off-Spaces kann man getrost hingehen und versuchen, seine Projekte an den Mann und die Frau zu bringen. Meist sind diese Orte ja auch sympathischer und inspirierender, weil etwas möglich ist, und weil das, was dort stattfindet, unverbrauchter und frischer ist. Meist muss man sehr viel selber machen (Einladungskarten, Presse), das ist nicht ohne. Aber man bekommt Übung darin (an dieser Stelle möchte ich "hallo" sagen zu den Leutchen vom "hinterconti", einem ebensolchen netten Ausstellungs-Ort in Hamburg).

Schließlich hatten wir einen Ort, den besagten "HAFEN 2". Dann ging es weiter mit: KünstlerInnen einladen ... Anträge auf finanzielle Förderung zu stellen (eine Wissenschaft für sich) ... sich ein konkretes Programm und Termine zu überlegen ... die Teilnehmenden bitten, ihre Ideen zu beschreiben und mitzuteilen ... von den Teilnehmenden Material für einen Folder eintreiben ... bei diversen, passend erscheinenden Institutionen anrufen und sich nach Fördermöglichkeiten erkundigen ... den Folder gestalten ... mit einzelnen KünstlerInnen Verträge über Honorare abschließen ... sich mit Leuten vor Ort treffen ... Termine für die Anreisenden festmachen ... Übernachtungsmöglichkeiten klarmachen ... eine Pressemitteilung formulieren und versenden ... bei allen, die Förder-Anträge bekommen haben, fragen, ob sie sie bekommen haben ("Ach, wir haben es an die falsche Email geschickt, ja, klar, schicken wir Ihnen nochmal") ... bei den Presse-Adressen anfragen, ob sie die Pressemitteilung auch bekommen haben ("Wie, haben Sie nicht, ja, klar, schicken wir Ihnen nochmal.") ... feststellen, dass die Leute einem einfach kein Geld geben, eher Sachspenden ... Plakate machen ... die Einladung gestalten ... vor Ort Lampen und Strom installieren ... sich überlegen, wo was hinkommt ... die Leute am Veranstaltungsort sehr oft danach fragen, was geht und was nicht geht ... Technik besorgen, Beamer, Videorecorder, CD Player, Monitore ... den Aufbau koordinieren ... Leute vom Bahnhof abholen ... selber genug essen (klappt bei mir nicht) ... KREISCH !!! WIR SIND VERÜCKT !!! (Eva K., jetzt weiß ich endlich, was es mit dem gleichnamigen Titel des Musik-Sampler vom Ladyfest 2004 auf sich hat)

... nach diesem Kessel Buntes war ich ziemlich "groggy" (ja, dieses Wort gibt es tatsächlich in geschriebener Form, so heißt nämlich die Packung Strohhalme bei IKEA), ich war körperlich erschöpft und hatte leichte Magenprobleme ... "Was jammert die Alte" werden Sie jetzt sagen, "hat sie ja keiner gezwungen, sowas zu machen, und außerdem hat man ja auch was davon!"

Da haben Sie vollkommen recht. Dieses Projekt hat mich mit all seiner Intensität, mit allem, was super gelaufen ist, und mit allem, was nicht so super gelaufen ist, auf eine neue Ebene meines Selbstverständnisses als Künstlerin und meines Selbstbewusstseins gehoben. Weil solche Dinge tun, auch Lebensqualität bedeutet, und Kommunikation mit anderen, und weil es einen dazu hinführt, nach und nach darauf zu kommen, was man wirklich will.

Und da sich mein Bio-Rhythmus langsam einpendelt, schlummere ich jetzt wieder bis in die Puppen, gerade wo es noch so kühl ist (wobei, wenn Sie dieses Heftlein in den Händen halten, ist es vielleicht schon strahlender warmer Frühling und man ahlt sich in der Sonne. Ich hoffe es) ....

”Diese Künstler“ werden manche von Ihnen ausrufen, „na, die haben ja Zeit, machen das, was ihnen Spaß macht und schlafen den halben Tag, so ein Luxus!“. In der Tat, ein Luxus, oft aufstehen zu können, wann man will; und sich seinen Tag selber einteilen zu können. Klasse.

Tja, dann werden Sie doch selber KünstlerIn bzw. Künstler, niemand hält Sie davon ab. Oder was könnte Sie wohl davon abhalten ... vielleicht der immense Aufwand an Selbstdisziplin, der vonnöten ist, um das eigene Leben zu strukturieren, um sich selbst Aufgaben zu geben, die einem wertvoll erscheinen. Und vergessen wir nicht den Luxus des nichtvorhandenen regelmäßigen Einkommens. Ich würde mir wünschen, dass man Sachverhalte öfter mal ambivalent denkt. Natürlich ist es wunderbar und für jeden Menschen erstrebenswert, das eigene Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, denn, Sie wissen schon, man hat ja nur eins. Und man wird merken, dass gerade das Engagement für und mit anderen unglaublich bereichernd ist.

Gleichermaßen ist jedoch die Wertschätzung desselben, auch in finanzieller Hinsicht unabdingbar. Denn bis dato wagte ich noch nicht, meine Vermieter folgendermaßen anzusprechen: ”Sie können doch froh sein, dass ich in Ihrer Wohnung wohne, die verkommt ja sonst völlig, da muss ich doch wohl nicht auch noch Miete zahlen. Allerdings, Sie könnten mir auch mal 'ne größere Wohnung zur Verfügung stellen, ich brauche Licht und Luft und ein Arbeitszimmer, ich bin doch Künstlern ..." Hm, irgendwie glaube ich, man würde mich sofort einweisen lassen; und dasselbe würde passieren, wenn ich mich mit ähnlichen Anliegen an die Energieversorgung, die Krankenversicherung und die Telefongesellschaft wendete. Irgendwie ist Geld leider als Tauschmittel ganz schön etabliert. Wir können gerne damit anfangen, wieder die Tauschgesellschaft einzuführen, aber für manche Bereiche funktioniert das wohl nicht so gut. Da ist "Geld" vielleicht ganz praktisch.

Also, ja worauf wollte ich hinaus? Vergessen. Nein, kleiner Scherz:

Eigentlich wollte ich am Schluss eine kleine politische Forderung anbringen, die in etwa so geht:
Die Aufnahme von „von Kultur als Notwenigkeit“ ins Grundgesetz und die damit verbundene Sicherstellung eines Grundgehaltes (Deckung des Existenzminimums) für Kulturschaffende.

Ja, genau, ein wenig Sozialismus.

Geld ist ja vorhanden, nur falsch verteilt, das weiß doch jeder (wobei, das Land Hessen hat wohl seine gesamte Kohle beim Besuch eines gewissen amerikanischen Staatsoberhauptes im Februar 2005 verpulvert. Nun, gut, man muss Prioriäten setzen). Was man noch tun könnte: "KUNST" als wichtigstes und umfassendstes Fach der Allgemeinbildung als Pflichtfach an den Schulen einführen, und in den Abschlüssen prüfen (Noten werden natürlich abgeschafft, denn die vielbeschworene "Vergleichbarkeit" ist ja eine Illusion). Die selben Reformen bin ich im übrigen bereit, für den Sozial-Bereich einzufordern, einen Bereich, der einen ähnlich hohen Stellenwert in der Gesellschaft genießt (zB Angemessenes Honorar für Hausarbeit und Kindererziehung)

Und dafür sollten wir endlich aufstehen. Und uns nicht mehr mit tumben Argumenten wie "das ist halt so" oder "So läufts halt, du bist wohl total naiv, Mädel" in unser Schicksal fügen. Egal ob wir morgens um halb sieben oder um zehn uhr aufstehen (> toller Wortwitz!).

In diesem Sinne einen schönen Frühling 2005
in: EXFOR – "Aufsteh'n, auf! auf!" – alltagszine, · Berlin 2005

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