Freitag, 12. April 2013

Wir armen Deutschen! NOT.


Jetzt ist es raus. Wir Deutschen sind die Ärmsten im Euro-Raum. So stand es jedenfalls am 9. April 2013 in der FAZ, jener weltweiten Tageszeitung, deren Inhalt quasi als „the next 10 Gebote“ gelten kann (BOUTIQUE VRENI, SEI DOCH NICHT IMMER SO POLEMISCH!!).

Da haben wir's: laut einer Umfrage der Euro-Notenbanken an u.a. 3.000 Haushalten jeweils in der BRD und in Griechenland (insgesamt handelte es sich um 62.000 Haushalte im Euro-Raum) kam z.B. heraus, dass der Median der griechischen Haushalte über ein Vermögen von 102.000 Euro verfügt. Der Median der deutschen Haushalte verfügt lediglich über ein Vermögen von 51.000 Euro.

So siehts aus! Kurz gesagt: die Griechen sind also viel vermögender als die Deutschen. Und denen schicken wir noch unser sauer verdientes Geld. Da geb ich das doch lieber unseren Banken. Die sind wenigstens deutsch!

So der so ähnlich. Oder?
Der freie Journalist Jens Berger dröselt die Grundlagen dieser Umfrage auf dem „NachDenkSeiten“ auf. Und kommt zu dem Schluss: „Aber was nutzt eine Vermögensstatistik, die Ergebnisse liefert, die nicht international vergleichbar sind?"


Wir versuchen im Folgenden, seine Argumente in unserem eigenen Verständnis wiederzugegeben, und zu zeigen, dass "WIR DEUTSCHEN, whoever that may be, vielleicht doch gar nicht so arm dran sind.

Als Einleitung: Was zum Teufel bedeutet eigentlich
„Median“? „Na, der Durchschnitt, ist doch klar!“, werden viele ausrufen. Das ist jedoch nicht richtig. Wir zitieren: „Der Durchschnitt ist das arithmetische Mittel, d.h. die Summe aller Werte geteilt durch die Anzahl aller Werte. Der Median ist der Wert, den das mittlere Element hat. D.h. z.B. bei fünf Werten ist der Median der drittgrößte Wert." 

D.h., dass sich hier schon mal ganz andere Werte ergeben können, im Beispielfall BRD vs. Griechenland wären dies:

Vermögen:

Median:
   
BRD     51.000 Euro.
GR     102.000 Euro

Durchschnitt:

BRD   195.000 Euro   
GR     148.000 Euro

Es wird offenbar, dass bei der Methode „arithmetischer Durchschnitt“ schon wenige extreme Ausreißer das Ergebnis stark verzerren können; Offenbar wird jedoch auch, dass das Gesamt-Privat-Vermögen in der BRD signifikant höher ist als in Griechenland. Über die Verteilung des besagten Vermögens sagt das alles erst einmal gar nichts aus.


Kommen wir nun zu weiteren Punkten, die Jens Berger anspricht, und die die Aussage-Kraft der Umfrage doch sehr in Frage stellen:

01_ Richtig. Es ist eine UMFRAGE. Der Autor bezweifelt nun, dass Menschen sehr gerne freiwillig detaillierte Auskünfte über ihr Vermögen machen. Und dass sie das umso weniger tun, je mehr Vermögen sie haben. Wir wissen dies aus eigener Erfahrung. Z.B. wenn wir unsere festangestellten Bekannten fragen, was sie denn so im Monat verdienen. Über Geld spricht man nicht. Nicht in unserem Kulturkreis. Damit geht leider auch die Transparenz einer solchen Umfrage flöten.

02_ Angerechnet auf das Vermögen wurden u.a. die Ansprüche aus der privaten Altersvorsorge.
Angerechnet wurden jedoch nicht die Ansprüche auf gesetzliche Rente.
Wenn also jemand Geld in die private Altersvorsorge einzahlt, dann wird dies als Vermögen angesehen. Das Geld, das er/sie in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, zählt jedoch nicht zum Vermögen. Da nun in Griechenland die gesetzliche Rente im Druchschnitt nur halb so hoch ist, wie in BRD (und dies nur nach Vorkrisenzeiten), sind die griechischen Renter*innen bezüglich ihre gesetzlichen Rente ärmer. Bloß wurde dies nicht in die Umfrage miteinbezogen. Zumal sind griechische Bürger*innen aufgrund der geringen gesetzlichen Renten noch eher gezwungen, privat vorzusorgen. Was dann wiederum als Vermögen in der besagten Umfrage auftaucht.
Das heißt also: wenn in einem Land die Renten-Vorsorge eher privat und nicht durch das Gemeinwesen organisiert wird, gilt die Bevölkerung in der Logik der Umfrage als vermögender. Nun ja.

03_ Auch weitere Angaben (wie gesagt, all diese freiwillig) sind offenbar nicht sonderlich seriös: die in der Umfrage verwerteten Angaben über Marktpreise von Immobilien, Aktien und anderen Vermögensgegenständen aus Ländern wie Zypern, Malta, Spanien und Portugal sind für Jens Berger keine verlässlichen Grundlage. Viele angegebenen Werte mögen sich wohl eher auf die Zeit vor der Immobilien- und Finanzkrise beziehen (bei Spanien war dies definitiv der Fall, denn die Umfrage erfolgte bereits 2008)

04_ Befragt wurden keine Einzelpersonen; befragt wurden Haushalte. Nun gibt es in der BRD einen signifikant höheren Anteil von Single-Haushalten als in südeuropäischen Ländern. Und dass eine Person insgesamt weniger Vermögen besitzt, als 2 Personen, oder 4 Personen insgesamt, dürfte, äh, klar sein. Deswegen sind Haushalte in der BRD insgesamt auch ärmer; weil in vielen nur eine Person lebt. Und wenn in südeuropäischen Ländern Jugendliche aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit noch zu Hause wohnen, wird deren Vermögen wiederum zum Vermögen des Elternhaushalts dazugezählt. Und schon ist der südeuropäischen Haushalt wieder um einiges reicher! Nur die Einzelpersonen halt nicht. Egal.

05_ Gezählt wurden nur private Vermögen. Gezählt wurden nicht öffentliche Vermögen. D.H. Ländern, bei denen sich eine Vielzahl von Immobilien und Dienstleistungen in öffentlicher Hand befinden, gelten in der Logik dieser Umfrage als ärmer. Denn man hat das ganze einfach nicht mitgezählt. Wie man ja auch die gesetzliche Rentenvorsorge schon nicht als Vermögen mitgezählt hatte, sondern nur die private. 

... So weit. So sonderbar.

Der Autor, mit einem gewissen Hang zum Sarkasmus ausgestattet, macht nun einen einfachen Vorschlag, wie sich das Vermögen von Ländern vergrößern ließe (jedenfalls in der Logik der Notenbank-Umfrage): Es werden einfach alle Besitztümer, alle Immobilien, alle Dienstleistungen, alle Vorsorge-Maßnahmen und überhaupt jegliches Gemeinwesen privatisiert. Und, schwupp, gelten die dafür aufzuwendenden Leistungen der Bürger*innen als Vermögen. Auch Jugendarbeitslosigkeit hilft, denn dann leben die jungen Menschen länger zu Hause und vergrößern mithin die Haushalte. Denselben Effekt hätten kräftige Studiengebühren, denn auch da wird dann sicherlich länger zu Hause gewohnt.

Nun erwähnt ja auch der FAZ-Artikel etwas weiter ähnliche Bedenken einiger EZB-Fachleute. Die Überschrift, die von „uns armen Deutschen“ bleibt jedoch; und brennt sich in so manches Hirn. Wenn das die Überschrift ist, muss es doch stimmen, oder? Auch wenn da wieder so ein paar Fachleute rumnörgeln und alles in Frage stellen.

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