Montag, 28. Januar 2013

Das mit dem „Wehrt Euch!"

In Zusammenhang mit der Antisexismus-Debatte der letzten Tage, und des darauf installierten TWITTER-hashtags #aufschrei gab es auch Stimmen, die die Aufforderung „Wehrt Euch!“ nicht nur zielführend fanden. Das sei eben auch ein Nicht-Ernstnehmen von Opfern sexueller Übergriffe, die sich aus diversen Gründen nicht gewehrt hatten/wehren konnten. Dies war jedenfalls der Kausalzusammenhang, so wie ich zum ersten Mal drauf stieß.

Und ich fand das unmöglich! Wie konnte man bloß so eine Kausalität herstellen? Das würde ja bedeuten: das "Sich-Wehren" nicht zu propagieren. Nicht propagieren zu dürfen. Und letztlich stillzuhalten, um lediglich in kleinen, privaten Räumen, und seien sie auch im Internet, über die gesellschaftlichen Hintergründe zu theoretisieren. Dann aber nicht mehr auf die Straße zu gehen.

Mittlerweile habe ich darüber gegrübelt; und meine Einstellungen und Empfindungen haben sich erweitert. Da diese vielleicht nicht so zusammenhängend sind, will ich versuchen, sie als einzelne Gedanken zu formulieren.

01. Ich möchte mich wehren. Weil ich nicht mehr verschüchtert durch die Welt gehen will. Ich will das nicht mehr. Und ich würde auch gerne andere dazu ermuntern.

02. Vielleicht habe ich noch nie etwas „wirklich Schlimmes“ erlebt; sondern nur milliardenfache kleine sexistische, übergriffige Sprüche und Gesten. Und dagegen will ich mich wehren. Nämlich in den konkreten Situationen. Aber nicht nur da. Auch hier, wenn ich so einen Text schreibe. Oder wenn ich etwas zu #aufschrei beitrage. Oder oder oder.
Vielleicht habe ich aber auch so schlimme Dinge erlebt, dass ich das Gefühl habe,  für so was keine Kraft mehr zu haben. Und weil ich von diesem ganzen Mist nicht mal mehr etwas hören und lesen will. Weil ich es überhaupt nicht mehr ertrage. Weil es immer wieder hochkommt. Und dann kommt so eine daher, und schreit: „Wehr Dich!“. Als ob das so einfach wäre.

03. Ich merke also: es kommt immer drauf an, wer ich bin. Was ich erlebt habe. Wie ich etwas wahrnehme. Eine Binsenweisheit. Die meistens vergessen wird.

Ein Aufruf wie „Wehrt Euch!“ kann also ankommen wie:
– Wir (Du und ich und alle, die wir kennen), wir wollen uns das nicht mehr bieten lassen, und wir vernetzen uns nun, und wir wehren uns in konkreten Situationen. Wir werden nicht mehr still sein. Und wir möchten andere dazu ermutigen.

Es kann aber auch ankommen wie:
– Frau muss sich auch schon wehren! Sie hat auch Eigenverantwortung. Denn so ist die Welt nunmal! Da kann frau nicht erwarten, dass die sich ändert. Das muss frau nun mal alleine und selber lösen (und gesellschaftliche Zusammenhänge und Machtverhältnisse sind dabei wurscht. Nee, die gibts gar nicht. Haben wir noch nie von gehört.)

Oder es kann ankommen wie:
– Warum hast du Dich denn nicht gewehrt? Ja, da musst Du Dich nicht wundern! Da bist Du ja auch nicht ganz unschuldig dran. Männer können ja nunmal auch keine Gedanken lesen.

... also, je nachdem halt. Was man/frau gerade wahrnimmt. Da schwingt dann eben nicht nur Selbstermächtigung mit. Sondern auch: der neoliberale DO-IT-YORSELF-Impuls, der Machtverhältnisse leugnet. Und das beliebte Victim-Blaming: "Selber Schuld!".

... DAS hatte ich bei meiner ersten Reaktion nicht mitgedacht, jedenfalls nicht bewusst.

Und das würde ich nun gerne alles integrieren. Ich weiß nicht, ob mir das sprachlich gelingt, ich versuche es:

"Wehren wir uns. Gegen Übergriffe aller Art. Pragmatisch. Und auf theoretischer Ebene. Wir wollen nicht nur die Phänome, sondern auch die Ursachen aushebeln. Beides eben. Und wir wollen uns dabei gegenseitig dabei unterstützen. Denn vielleicht sind wir selber schwach/entmutigt und brauchen Unterstützung."

Ja. So fürs erste.

"Solidarity is the new sexy, yeah." *

* das Schlusswort aus Katja Kullmanns Rasenden Ruinen.

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