Montag, 28. Januar 2013

Alltagsseximus: Verständnis war gestern.

Es gibt da diese weit verbreitete reaktionäre Annahme, Frauen seien von Natur aus besonders verständnisvoll; dem ist natürlich nicht so. BOUTIQUE VRENI TM z.B. freut sich im Augenblick wie die Schnitzel (siehe Statement von gestern, 26.1.2013), dass das Thema „Altagssexismus" endlich mal großflächig aufs Tapet kommt. Weil, sie hat für diesen ganzen Mist, diese sogenannten "Lappalien" ÜBERHAUPT kein Verständnis mehr.

Und das tolle ist: ganz viele andere haben auch keins mehr. Da gibt es z.B. die famose Aktion #aufschrei: ein sogenannter "hashtag" auf TWITTER, der dazu aufruft, eigene Erfahrungen mit Alltagssexismus zu sammeln und öffentlich zu machen. Da wir nicht auf Twitter sind, und uns demensprechend nicht direkt beteiligen können, machen wir das nun einfach auf diesem Wege. Mittlerweile hat die Mit-Initiatorin, Nicole von Horst, eine weitere Seite eröffnet, für NON-Twitters.


Und fangen mal an zu sammeln.

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NACHTRAG VOM 30.1.2013:Die folgenden Beispiele sind alle selbsterlebt, von mir selber, oder eben mir zugetragen. Es ist eine lose Sammlung. Bei der es um konrete unangenehme Situationen geht, von "nur" aufdringlich bis bedrohlich. Aber auch um Alltagssprüche und Dialoge, die aufzeigen, wie es in unseren Köpfen ausschaut.
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! Liebe Leserinnen und Leser, wir freuen uns, wenn Sie uns ebenfalls Ihre Alltagserfahrungen mitteilen; wir freuen uns auch über pragmatische Lösungsverschläge, wie in entsprechenden Situationen schlagfertig reagiert werden könnte. !

Und, durchaus angebracht auch hier, eine TRIGGER-WARNUNG : denn es ist auch verständlich, dass man sich nicht immer wieder so einem Mist aussetzen will.


LOS GEHT`S

# Ein Mann raunt mir auf dem Gehweg im Vorbeigehen "Hallo, Schöne Frau" oder ähnliches zu. (Immer wieder mal).

# Auf dem Wochenmarkt: Ich, ein Bekannter und dessen Freund. Eine Freundin von mir geht in einiger Entfernung vorbei und winkt mir zu. Der Freund des Bekannten schaut ihr hinterher: „Hm, geile Titten!" (2012)

# Private Grillparty: Bisher sind zufällig nur weibliche Gäste anwesend. Zwei Frauen unisono und ohne einen Hauch von Ironie: „Wir brauchen einen Grillmeister! Ein Mann muss her!“ (2012)

# Mehrere Frauen unterhalten sich über einen Mann, der in mindestens vier Fällen (einschließlich gegenüber den anwesenden Frauen) übergriffig geworden war (z.B. er steckte ganz spontan und "vertraulich" einer Frau die Zunge ins Ohr).
Eine der Frauen schließlich: „Na, ja, der macht sowas ja jetzt nicht mehr; der hat ja jetzt eine Freundin." (ca. 2004)

# Eine Frau auf Facebook unter einem Thread, der „die Sache“ mit Rainer Brüderle kritisch thematisiert (sinngemäß): „Jetzt kriegt Euch mal wieder ein! Wir sind doch nicht in Indien!“ (Jan. 2013)

# Mathematiklehrer an einem Gymnasium: „Frauen können halt kein Mathe.“  (80iger Jahre)

# 5. Klasse Gymnasium:  Eine Schülerin trägt ein Oberteil, das auf dem Rücken etwas weiter ausgeschnitten ist. Der Klassenlehrer: „Hehe, wie wär's, wenn du das mal andersrum trägst!“ (ca. 1981)

# Alpenvereins-Hütte in den Bergen, mehrere Familien haben sich gerade bei der Jaus'n kennengelernt. Der 23-Jährige Sohn der einen Familie überredet die 15-Jährige Tochter der anderen Familie, sich draußen zu zweit ein abgeschiedenes Plätzchen zwischen den Latschen-Kiefern zu suchen. Dann beginnt er, ihr wie selbstverständlich an die Wäsche zu gehen, was diese abwehrt. Später stellt sich noch heraus, dass im Talort die Freundin des 23-Jährigen wartet. (1995)

# Frauenfußball-WM 2011. Ein Mann erzählt schmunzelnd, wie seine Nachbarn am Ende eines Spiel lauthals johlend nach ”Trikot-Tausch" verlangt hätten.

# Ein Mann meint, dass ALLE Frauen nur darauf aus seien, sich einen Mann zu "angeln", der mehr verdiene. (2012)

# Ein Mann erzählt schmunzelnd von einem Freund, der immer so herrlich unkorrekte Sachen von sich gäbe, wie „Frauen wollen halt immer nur Shoppen gehen.“ (2012)

# Eine Künstlerin macht in einem Off-Space eine Performance. Dabei ist ihr unbekleideter Körper via Body-Painting mit Farbe angemalt. Ein Mann im Publikum empört (sinngemäß): „Ja, die kann doch da nicht einfach nackt herumtanzen! Das muss doch klar sein, dass ich da drauf reagiere!" (2007)

# Eine Künstlerin erkundigt sich bei einem Professor einer Kunsthochschule (nebenbei ein nicht ganz unbekannter Künstler) nach den Möglichkeiten für eine Promotion. Der Kunst-Professor fragt sie im Laufe des Gesprächs nach ihrem Alter, und ob sie einen Kinderwunsch habe. Und lässt durchblicken, dass er jedwede Art von Geburtenkontrolle nicht wirklich moralisch gut findet.

# Ein Kunst-OFF-Space, wo regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Performances stattfinden. Bei einer Begrüßungsrede ermuntert der enthuisiastische Haupt-Organisator des Space die Anwesenden mit folgenden Worten zum Mitmachen: „Ihr könnte diesen Raum nutzen wie eine Hure! Benutzt unsere Räumlichkeiten wie eine Nutte!“ (2012)

# Ein Mann, der sonst kaum Fern sieht, zeigt sich anlässlich einer hochgelobten TV-Serie überrascht, dass eine der Hauptdarstellerinnen im wirklichen Leben ja ganz anders aussähe. Seine Beschreibung umfasst u.a. den Begriff „nuttig“. (2013)

# Noch mal eine Alpenvereinshütte in den Bergen. Eine Frau erkundigt sich an der Theke beim Hüttenwirt nach einer Unterkunft, und verlässt dann die Gaststube. Ein anwesender männlicher Gast zum Wirt. „Na, mit der tät ich auch mal die Nacht verbringen, hehe!" (2009)

# Eine Frau erzählt von einer Freundin, die sich nach langen Ehejahren endlich damit abgefunden habe, dass ihr Gatte fremdginge. Die Frau findet das recht vernünftig: „Du weißt ja, wie Männer sind!“ (ca. 2008)

# Ein Mann beschreibt Frauen: ”Röcke. Lange Haare.“ (2012)

# Ein Guesthouse in waldigem Gebirge. Eine Hornisse brummt durch die Küche. Anwesend: ca. 3 bis 4 Frauen und ein Mann. Eine der Frauen zu dem Mann (denn sie namentlich anspricht): „Du musst die Hornisse wegmachen!!!“ (2010)

# Thema: Alleine unterwegs sein, und eventuell von Fremden ansgesprochen werden, von denen man nicht angesprochen werden will. Ein Mann (sinngemäß): „Also, klar, natürlich würd' ich gerne von fremden Frauen angesprochen werden!“ (2012)

# Nochmal das Guesthouse in waldigem Gebirge. Reisegruppe. Ein Mann regt sich brüllend und lautstark darüber auf, dass andere Anwesende angeblich mit Essensresten einen Fuchs angelockt hätten, der garantiert Tollwut habe. Er brüllt so laut und heftig, dass alle quasi verstummen. Als eine der anwesenden Frauen sich über seine unangemessen heftige Reaktion mokiert, entgegnet ihr eine andere Frau (sinngemäß): „Jetzt hör mal auf! So ist er halt!" (wie sich später herausstellt, gibt es in der Gegend keine Tollwut). (2010)

# Einige junge Männer fahren langsam in einem Auto an mir vorbei, und rufen mir lacheln irgendwelche Anzüglichkeiten zu. (weiß nicht mehr)

# Die Hochzeit einer Freundin. Am Mittagstisch nach der Trauung ein Gespräch über Arbeit und Tätigkeiten. Der Schwiegervater der Freundin: „Putzen, das ist doch keine Arbeit für einen Mann!“ (1998)

# Der 4-Jährige Sohn einer Freundin sucht sich Gummistiefel in Rosa aus und geht damit in den Kindergarten. Nachdem ihn einige andere Kinder wegen der Farbe Rosa hänseln, mag er die Gummistiefel nicht mehr tragen. (2011)

# Geburtstag eines 1-jährigen im Familienkreis. Er ergreift ein Päckchen, das aber zufällig für seine Mutter gedacht war, legt es dann aber von alleine wieder zurück auf den Tisch. Das Päckchen ist in Rosa Geschenk-Papier gewickelt. Der Großvater des Jungen: ”Siehste, der hat gleich erkannt, dass Rosa keine Farbe für einen Bub ist.“ (2012)

# Eine Frau erzählt, dass ihr Sohn im Kindergarten viel mit Mädchen zusammen ist. Eine andere Frau, schmunzelnd: „Der wird bestimmt mal ein Womanizer!“ (2011)

# Eine Gruppe von vier Frauen schaut sich den Film MAMMA MIA (das ABBA-Musical) an. Eine der Frauen danach strahlend/schmunzelnd: „Das ist so ein richtiger Film für Mädchen und Frauen!“ (2009)

# Ein privater Filmabend. Vorgeschlagen war ein poetischer italienischer Film. Die Gastgeberin in die anwesende Männer- und Frauenrunde (sinngemäß): „Oder, Ihr Männer, wollt ihr lieber diesen Krimi sehen? Männer mögen sowas doch lieber." (2011)

# Ich alleine im Wald wandern. Zwei Frauen (ca Mitte/Ende 50) fragen mich nach dem Weg, ich gebe Auskunft. Die eine Frau zu mir: „Und Sie sind alleine unterwegs hier? Das ist ja mutig!"
Ich (grinsend): „Nö, wieso denn, es gibt doch keine Wölfe mehr ...“
Die Frau: ”Nein! Aber böse Männer!" (2012)

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... PUH. DIES MAL FÜRS ERSTE.
eine seltsame Welt, in der wir da immer noch leben, wenn Sie mich fragen.
Hatten Sie schon ähnliche absurde, lästige oder bedrohliche Erlebnisse?
Raus damit. Hier. Oder bei obiger Twitter-Aktion. Wo, ist eigentlich egal.
Wenn Sie wollen. 

Und hier noch einige interessante Texte zum Thema:


Antje Schrupp schreibt: „Wie Lappalien relevant werden.“

Sibylle Berg rät vom Nett-Sein ab.

Anke Domscheit-Berg erklärt einem Interviewer sehr geduldig, wie das mit dem Seximsmus im Alltag so ist.

Melusine Barby träumt von einer Welt ohne Herrenwitze.

Claudia Killian hat eine famose Textsammlung zusammengestellt.

Katja Kullmann beschreibt das „strategische Schweigen“.

Anna Blumbach meint: ”Wehrt Euch! Traut Euch!“.

Annina Luzie Schmid meint: alltagssexismus und -rassismus sind dasselbe in grün.

Ein Autor auf "2jetzt.sueddeutsche.de" fasst sich an die eigene Nase.



1 Kommentar:

  1. (von gisela k.:)

    ... eine nette Sammlung von Abwehrsprüchen, wie wäre es damit?

    z.B.:
    – Beleidige mein Silikon nicht!
    – Werde erwachsen!
    – Mein pubertierender Sohn/Neffe/Enkel o.ä. hat auch solch dumme Sprüche.
    – Du bist wohl schon etwas zu alt für solchen Mist ...

    und: Arroganzien solch pubertärer Herrenmänner sammeln:
    rasende Autofahrer, Vordrängler, Charmeure jeder Couleur, sogenannte Kavaliere alter Schule helfen in den Mantel, aber heben meinen (schweren) Rucksack nicht zu mir hoch, etc!

    – und natürlich bei der Arbeit: die einzige Frau im Büro kriegt den am blödsten positionierten Schreibtisch (mit Rücken zur Tür!)
    – private Krankenversicherung ( Eckhardt hat eine Erhöhung von 1,2%, ich von 17%!!!)

    Anfrage: wird in der öffentlichen Erziehung/Schule bei den Jungen dem entgegengewirkt?

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