Sonntag, 20. Juni 2010

IHR und WIR – eine Demonstration in Alltags-Nationalismus


Konditorei in Salzburg.
(Bitte beachten Sie die deutschen Flaggen
an den
Spielfeldecken! Offenbar waren hier
vaterlandslose
Gesellen am Werk!)



1. Szene

Meine Freundin R. und ich auf der Autobahn nach Salzburg. Wir reden über Nationalismus, und über Rassismus, und dass wir selber sowas ja zum Glück noch nie erlebt haben, so als Deutsche im Ausland beschimpft zu werden und so ... und dass man halt schon privilegiert ist, wenn man "weiß" ist ... wir haben's gut!

2. Szene
Eine Tankstelle in Salzburg, kurz nach der österreichischen Grenze. Wir stoppen zum Tanken, denn das Benzin ist im Nachbarland günstiger. Ich steige aus, um mir die Beine zu vertreten. R. betankt den Wagen ... Aus dem Auto hinter uns entsteigt ein pferdeschwanztragender Mitvierziger und redet R. laut an: „Na, Ihr kriegt's des auch net in Deutschland mit den Benzinpreisen ... da seit's froh, dass'ts uns hobt's, gell?!“ R. ist irritiert, ich wittere sofort Deutsch-Österreichische Feindschaft. Aber R. meint, nein, so sei das bestimmt nicht gemeint gewesen.

3. Szene
Gleicher Ort, 5. Minuten später. Ich bezahle an der Kasse. Als ich den Verkaufsraum der Tankstelle verlasse, sehe ich, wie erwähnter Pferdeschwanz-Träger sich vor R. aufbaut, um ihr einen erneuten Vortrag zu halten, der sinngemäß folgenden Inhalt hat: „ ... ja, 2002, da habt's UNS noch boykottiert ... und jetzt tankt IHR bei uns!!“ ... um dann empört abzurauschen.

Jetzt sind wir beide konsterniert. Wer ist denn bitteschön ”WIR“ und wer ist „IHR“? Und wann soll ich diesen Herrn boykottiert haben. Daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern ...

Uns wird klar, dass wir soeben eine Demonstration ungehemmtesten Nationalismus' erlebt haben. Dieses Mal gegen uns gerichtet, also gegen „uns“ als erkennbar aus Deutschland stammend. Und obwohl dabei in keinster Weise unser Leib und Leben in Gefahr war, waren wir extrem unangenehm berührt ob solch deutlich zur Schau getragener Feindseligkeit.

Das schlimmste an der Sache ist eigentlich, dass man jetzt spontan denken könnte, "na, ja, typisch Österreicher"! Und damit genau in die selbe Nationalismus-Falle getappt wäre.

Ach. Verallgemeinerungen sind was schönes! Auch machen sie das Leben so einfach! Und die anderen sind sowieso immer die Idioten. [ ironie aus ]




Jet-Tankstelle in Salzburg.
(Das ist NICHT unser Auto!)




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