Donnerstag, 27. Mai 2010

STAMMTISCH IM KOPF - Diskussionen über Gender und Co.

Ich bin schon wieder genervt. WESHALB ist es nicht möglich, auf vermeintlich aufgeschlossenen und modernen Online-Nachrichten-Foren vernünftige und bedachte Diskussionen über Feminismus- oder Geschlechter-Themen zu führen? Weshalb führt JEDER Artikel zu entsprechenden Themen zu einer Flut an emotional aufgeladenen, antifeministischen und konservativen Kommentaren, so dass man fürchtet, an irgendeinem rechtskonservativen Stammtisch gelandet zu sein?

Mein neuestes Beispiel: auf Zeit-Online berichtet Johanna Kutsche in "Die Rhetorik der rechten Männer" über bestimmte Gruppen innerhalb der Männerbewegung (welche sich schon in den 70er Jahren zu formieren begann). Die Gruppen, welche sie beschreibt, sogenannte "Maskulinisten", sehen die "Männer" als grundsätzlich diskriminiertes Geschlecht an. Verantwortung dafür tragen die Frauen und "der Feminismus". "Gleichberechtigung" wird hier letztlich als unterdrückendes Element für Männer aufgefasst, da deren traditionelle Rolle in Frage gestellt wird.

Der promovierte Politikwissenschaftler Thomas Gesterkamp hat diese Gruppen im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung kritisch untersucht. Er kam unter anderem zu dem Schluss, dass einige der maskulinistischen Protagonisten sich nicht scheuen, sich in rechte Kontexte zu begeben. So schreibt Arne Hoffman, Verfasser des Blogs "Genderama" offenbar regelmäßig Artikel für die rechts-nationale Wochenzeitung "Junge Freiheit". So weit, so beunruhigend.


Nun scheint jedoch, einmal mehr, ein Großteil der Kommentator*innen des Zeit-Artikels keineswegs über solche Gruppierungen beunruhigt zu sein. Vielmehr ergießt sich auch hier wieder eine Unmenge verständnisloser und negativer Kommentare über die Verfasserin Johanna Kutsche und ihren Artikel. Man wäre nicht überrascht, würde es sich um WELT-online handeln, ein Forums, dessen rechtskonservative Ausrichtung von vorne herein klar ist. Aber bei der ZEIT? (Für SPIEGEL-online gilt im übrigen ähnliches).

Wie kann es sein, dass "Gleichberechtigung" und "Feminismus" noch immer so etwas wie Schimpfwörter sind? Haben die entsprechenden Kommentator*innen denn GAR nichts verstanden? Was zum Henker hat beispielsweise "Gleichberechtigung" mit "Gleichmacherei" zu tun? Und weshalb schlägt man nicht erst einmal das Lexikon auf, um zu erfahren, was "Gender Mainstreaming", dieses vielgeschmähte, weil völlig missverstandene Wort eigentlich wirklich bedeutet?

Ich habe es nachgeschlagen: "Der Begriff "Gender Mainstreaming" (Englisch etwa „Integration der Geschlechter“) oder Gleichstellungspolitik bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. (...) Gender Mainstreaming unterscheidet sich von expliziter Frauenpolitik dadurch, dass beide Geschlechter gleichermaßen in die Konzeptgestaltung einbezogen werden sollen." so heißt es auf WIKIPEDIA. Wie ewig gestrig muss man sein, um dagegen etwas zu haben? Man muss offenbar der/die durchschnittliche ZEIT- oder SPIEGEL-Leser/in sein.

PS. bezüglich des Begriffs "Gender Mainstreaming" noch eine weitere ähnliche Umschreibung: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Das ist Gender Mainstreaming. Es ist nachzulesen im Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Sollte sich unser Grundgesetz als feministisches Machwerk herausgestellt haben?


... Ich merke letztlich: wir sind noch lange nicht gleichberechtigt. Nicht in den Köpfen. Das macht Angst. Und es macht wütend.

Kommentare:

  1. Gleichberechtigt? Ja, wären wir. Wenn der 24-jährige Praktikant die U.S.-Präsidentin lecken würde und keine Konsequenzen daraus entstünden (nur etwas moralische Entrüstung, na ja). Nun, eine gewisse Entfernung zu diesem Zustand verspüre selbst ich (kein Genderversteher) ;-) Peter

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  2. Kommentatorinnen und Kommentatoren, egal auf welchem Forum, bilden keinesfalls eine repräsentative Gruppe. Es sind vermutlich überwiegend die selben Personen, die sich in solche Dikussionen einmischen. Heute Mädchenmannschaft, morgen spiegel-online übermorgen 'Günnis virtuell-rechter Stammtisch'. Wer weiß, vielleicht arbeiten diese Meinungs-Trolle sogar mit Copy & Paste von Textbausteinen.

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  3. ICH bin keine radikale Feministin, das meiste Radikale liegt mir fern. Gerade bei dem Thema „Feminismus“ habe ich keinen festen Standpunkt. Mich wundert nur, dass Männer zum Teil sehr allergisch darauf reagieren und „Feminismus“ als ein Synonym für „Alice Schwarzer“ benutzen. Schade eigentlich, denn die Frauenbewegung umfasst doch mehr als Alice Schwarzer, gerade, wenn man sich die Anfänge in Deutschland anschaut, und wie die Frauen um ihre Rechte gekämpft haben. 

    Dass Männer das zum Teil nicht verstehen können, verstehe ich wiederum nicht; warum sie sich nun als Opfer von Frauen darstellen, ist mir schleierhaft. Ist es der NEID? Ist es das Bewusstsein, auch aus dem Schatten eines vorgefertigten Persönlichkeitsmusters („Männer müssen stark sein“) herauszutreten, und AUCH sein zu wollen, wie man es selber will, ohne auf diese „männlichen Merkmale“ zurückzugreifen?

    Wieso etwa diese lächerliche Frage nach einer „Männersauna“? Ist es Angst etwas zu verlieren? Wenn ja, was? Oder die Furcht zu kurz zu kommen, im besagten „Kampf der Geschlechter“? Wieso dieser zum Teil empörende Hass gegenüber Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen? Was ist eine Feministin in ihren Augen? 

    Ich kann verstehen, dass Männer sich manchmal zurückgesetzt fühlen: Beim Sorgerecht. Als Opfer von fraulicher Gewalt (diese Männer werden leider auch von ihren eigenen Geschlechtsgenossen als „Schlappschwänze“ bezeichnet). Mehr fällt mir spontan dazu nicht ein. Aber das ist so: Wir befinden uns als Gesellschaft auf dem Weg der Gleichberechtigung. Nach jahrhundertelanger Unterdrückung ist es, aus meiner Sicht, verständlich, dass Frauen zunächst in gewisser Hinsicht Vorrechte gegenüber den Männern eingeräumt werden mussten. Diese Vorrechte werden zu gegebener Zeit an die der Männer angepasst, nur nicht gleich.

    Es kann doch nicht angehen, dass Frauen wirklich über Jahrhunderte hinweg als nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft angesehen wurden, und dass sich, nach einem Jahrhundert Frauenrechte, ein Grüppchen von Männern benachteiligt fühlt, weil es keine Männersauna oder so gibt (Entschuldigung für die Polemik). Falls es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis gibt, so muss es dann auch ein kollektives weibliches Gedächtnis geben und ich möchte nicht wissen, wie Männer reagieren, wenn sie über Jahrhunderte hinweg hören, dass ihr Same schlecht sei, und sie das unbeständigste Wesen auf dem Planeten seien. 

    Es ist ein langer Weg zur Gleichberechtigung, aber der Anfang ist durch den Feminismus gemacht. Dass das nicht immer alles toll und schön und so war, steht außer Frage. Dass auch Männer zu den Opfern zählen, bedauere ich sehr, und hoffe und dringe darauf, dass sich eine Gesellschaft entwickeln wird, die beiden Geschlechtern ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten nach zu ihrem Recht (was immer das auch sein mag) verhelfen wird. 

    Des Weiteren bestehe ich darauf, dass auch die Religionen abgeschafft werden, denn wie man sieht, einigen sich die bestehenden Religionen hervorragend, um Geschlechter in die Höhe zu heben oder zu diskriminieren. Alles ist eben Auslegungssache.

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  4. ... puh, bei diesen temperaturen brauchts wirklich etwas länger, um klare gedanken zu fassen, aber jetzt endlich:

    @GlamRockMieze
    dein beitrag ist ja ein ziemlich umfassender kurz-abriss über die geschichte der geschlechterverhältnisse. sehr gut finde ich auch die ananlyse der ursachen "männlicher" abwehr gegenüber feministischen themen. die angst, etwas zu verlieren, spielt sicherlich eine große rolle. aber vielleicht auch der von dir angesprochene unbewusste neid: dass so manche männer auch gerne aus ihrer zementierten "männer"-rolle ausbrechen möchten, aber noch keine rechte ahnung haben, wie das gehen könnte. weil es hierbei vielleicht zu wenig vorbilder gibt. und weil sie sich nicht trauen.

    ... man muss aber auch sagen, dass sehr viele FRAUEN allergisch reagieren, wenn das F-wort ertönt. aber dieses phänomen wurde von einigen anwesenden ja auch schon an anderer stelle erörtert.

    "religionen", zumindest den institutionalisierten, stehe ich auch kritisch gegenüber, sind sie doch oft genug daran interessiert, menschen in ihre schranken zu weisen, und bestehende herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten. selbst der beliebte dalai lama bildet dabei keine rechte ausnahme. jedenfalls ist mir nichts von weiblichen dalai lamas bekannt (aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.)

    ... viele leute wissen eben nicht viel über "feminismus". und das dieser begriff eher befreiend wirkt, eben auch für männer (immer "männlich" sein, im traditionellen sinne, ist ja sicherlich auch anstrengend.)

    @karla orange
    "... Kommentatorinnen und Kommentatoren, egal auf welchem Forum, bilden keinesfalls eine repräsentative Gruppe."
    das mag sein. aber weshalb sind gerade professionelle trolle so internetafin?
    es könnte doch genauso gut sein, dass die genannten internetforen von, z.b. feministinnen überschwemmt würden, die mit ihren meinungsäußerungen alle anderen an die wand drücken. aber wo sind diese? bei spiegel und zeit usw. jedenfalls nicht ...

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